Armut


Armut bezeichnet primär den Mangel[1] an lebenswichtigen Gütern (beispielsweise Essen, Obdach, Kleidung), im weiteren und übertragenen (metaphorischen) Sinn allgemein einen Mangel (beispielsweise wird ein Landstrich als tierarm, ein Mensch als gedankenarm oder liebesarm bezeichnet).

Auf der Grundlage sozioökonomischer Konzepte wird Armut als Zustand gravierender sozialer Benachteiligung[2] mit Folge einer „Mangelversorgung mit materiellen Gütern und Dienstleistungen“ verstanden.[3] Die Europäische Union definiert als „arm“, wer weniger als 60% des Medianeinkommens seines Heimatlandes zur Verfügung hat. Andere, z.B. die Weltgesundheitsorganisation WHO legen die Grenze bei 50%[4] Während der Ressourcenansatz nur auf monetäre Aspekte eingeht, berücksichtigt der Lebenslagenansatz die tatsächliche Versorgungslage in zentralen Lebensbereichen wie Ernährung, Kleidung, Wohnung, Gesundheit, Bildung, Transport und Kommunikationsmöglichkeiten sowie soziale Sicherheit und Rechtsschutz unabhängig von der allgemeinen Verfügbarkeit.[5] Bei den ökonomischen Armutskonzepten wird zudem zwischen relativer Armut und absoluter Armut sowie objektiver und subjektiver Armut unterschieden.

Inhaltsverzeichnis

Definitionsansätze

Absolute und relative Armut

Sowohl absolute als auch relative Armutsgrenzen sind nicht ohne normative Vorgaben zu bestimmen. Weder die Wahl eines bestimmten Prozentsatzes vom Durchschnittseinkommen zur Bestimmung relativer Armut noch die Bestimmung eines Warenkorbes sind wertfrei begründbar. Darum wird über sie in politischen Prozessen entschieden.

Absolute Armut

Absolute Armutin einem Slum in Jakarta
Absolute Armut
in einem Slum in Jakarta
Wohnverhältnisse 1871in einem Slum von Glasgow
Wohnverhältnisse 1871
in einem Slum von Glasgow

Um einen Überblick über die Probleme der Entwicklungsländer zu ermöglichen, hat der ehemalige Präsident der Weltbank, Robert Strange McNamara, den Begriff der absoluten Armut eingeführt. Er definierte „absolute Armut“ wie folgt:

„Armut auf absolutem Niveau ist Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen, der unsere durch intellektuelle Phantasie und privilegierte Verhältnisse geprägte Vorstellungskraft übersteigt.“[6]

Die absolute Armutsgrenze ist bestimmt als Einkommens- oder Ausgabenniveau, unter dem sich die Menschen eine erforderliche Ernährung und lebenswichtige Bedarfsartikel des täglichen Lebens nicht mehr leisten können. Die Weltbank sieht Menschen, die weniger als 1 PPP-US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben, als „arm“ an.[7] Hunger(-tod) geht somit unmittelbar mit dem Begriff der absoluten Armut einher. (Näheres hierzu im Artikel Welthunger)

Kritiker merken an, dass die unterschiedliche Lebensverhältnisse in einer Gesellschaft unberücksichtigt bleiben und insbesondere nach dem Indikator der Weltbank, den Kaufkraftparitäten, dass nach dessen durchschnittlichen Warenkorb die relativ günstigen Dienstleistungen berücksichtigt werden, die allerdings von den Ärmeren einer Gesellschaft nicht in Anspruch genommen werden können. Dadurch gelten weniger Betroffene als arm.[8]

Indikatoren der absoluten Armut nach der International Development Association (IDA)

Relative Armut

Der Begriff der „relativen Armut“ meint Armut im Vergleich zum jeweiligen sozialen (auch staatlichen, sozialgeographischen) Umfeld eines Menschen. In diesem Zusammenhang bezieht sich relative Armut auf verschiedene statistische Maßzahlen für eine Gesellschaft (zum Beispiel auf den Median des gewichteten Nettoäquivalenzeinkommens). So definiert die WHO die Armutsgrenze anhand des Verhältnisses des individuellen Einkommens zum „mittleren Einkommen“ im Heimatland einer Person. Danach sei arm, wer monatlich weniger als die Hälfte des aus der Einkommensverteilung seines Landes berechneten Medians zur Verfügung hat. Für die OECD Länder ist die Armutsschwelle in gleicher Weise definiert (vgl. OECD-Skala). Eine in Politik und Öffentlichkeit benutzte Angabe der relativen Armutsgrenze ist dabei 50 % oder 60 % des Medians. So wird seit 2001 in der EU derjenige als armutsgefährdet bezeichnet, der weniger als 60 % des Einkommens-Medians hat.[9] Relative Armut macht sich auch durch eine sozio-kulturelle Verarmung bemerkbar, womit der Mangel an Teilhabe an bestimmten sozialen Aktivitäten als Folge des finanziellen Mangels gemeint ist (wie z. B. Theater- oder Kinobesuch, Klassenfahrten).

Anstelle des Medians kann auch die von Amartya Sen und James Foster vorgeschlagene Wohlfahrtsfunktion[10] verwendet werden.

Von Kritikern dieser Festlegung der relativen Armut wird argumentiert, dass sie wenig über den tatsächlichen Lebensstandard der Menschen aussage. Vielmehr ergäben sich Widersprüche bei Anwendung dieser Maßzahl. Wer jetzt weniger als 50 % vom Durchschnittseinkommen zur Verfügung habe, würde auch in dem theoretischen Fall, dass sich alle Einkommen verzehnfachten, weniger als 50 % vom Durchschnitt haben. Er bliebe also weiterhin „relativ arm“, was bei einer entsprechenden Entwicklung der Preise auch zuträfe. Kritisiert wird weiterhin, dass relative Armutsgrenzen die Armutsproblematik mit der Verteilungsproblematik (der Verteilungsgerechtigkeit) vermischten.[11]

Da eine scharfe Trennung zwischen Arm und Reich praktisch nicht vorkommt, ist für die relative Armutsgrenze auch der Begriff der Armutsrisikogrenze oder Armutsgefährdung gebräuchlich (weniger als 60 % des mittleren Einkommens der gesamten Bevölkerung; siehe auch Prekariat).[12]

Transitorische und strukturelle Armut

Armut kann zeitweise oder dauerhaft vorhanden sein.

„Transitorische (vorübergehende) Armut“ gleicht sich für den Betroffenen im Verlauf der Zeit wieder aus. Dies ist der Fall, wenn zu bestimmten Zeiten die Grundbedürfnisse befriedigt werden können, aber zu anderen Zeiten nicht. Dies kann zyklisch schwanken, wie Zeiten kurz vor der Ernte oder in einer jungen Ehe, oder auch azyklisch, zum Beispiel durch Katastrophen.

Dem entgegen steht der Begriff der „strukturellen Armut“. Diese liegt vor, wenn eine Person einer gesellschaftlichen Randgruppe angehört, deren Mitglieder alle unter die Armutsgrenze fallen, mit sehr kleinen Chancen, in ihrem Leben aus dieser Randgruppe auszubrechen. Ein Beispiel ist die Bevölkerung von Elendsvierteln. In Verbindung damit wird oft von einem „Teufelskreis der Armut“ oder „Armutskreislauf“ gesprochen: Die Nachkommen der in struktureller Armut lebenden Menschen werden ebenfalls ihr Leben lang arm sein (zum Beispiel mangelnde sexuelle Aufklärung, die zu frühen Schwangerschaften führt und eine Ausbildung unmöglich macht, aber auch Diskriminierung wegen der Wohnsituation) – siehe auch Sozialstruktur.

Bekämpfte und verdeckte Armut

„Bekämpfte Armut“ beinhaltet verschiedene Maßnahmen insbesondere in den westlichen Industrienationen, in denen versucht wird, die Konsequenzen der Armut abzumildern. Dazu zählen im Feld der Sozialpolitik neben der „klassischen“ Bekämpfung durch Sozialleistungen, die kompensatorische Erziehung und die Einrichtung von Suppenküchen, Tafeln, Kleiderkammern und Notunterkünften.

Zu dieser so genannten „bekämpften Armut“ kommt noch die „verdeckte Armut“ von Personen, die einen Anspruch auf eine Grundsicherungsleistung hätten, diesen aber – z. B. aus Unkenntnis oder Scham – nicht geltend machen. (Siehe auch: Dunkelziffer der Armut.)

Freiwillig gewählte Armut

Armut muss nicht immer unfreiwillig erlitten werden. Sie kann sogar als Tugend aufgefasst werden, etwa im Kontext der Askese. Die Gründe können religiöser oder philosophischer Art sein.

Giotto di Bondone – „Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel“
Giotto di Bondone – „Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel“

Zahlreiche bedeutende Religionen (so der Hinduismus, der Buddhismus oder das Christentum) kennen die freiwillige Armut. Jesus von Nazaret lebte in freiwillig gewählter Armut. Armut wird im Nadelöhr-Gleichnis zeitweise als zwingende Heilsvoraussetzung interpretiert: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! […] Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. (Mk 10,17-30) Auch der heilige Franziskus von Assisi kam aus einem reichen Elternhaus, lebte freiwillig als Bettler und gründete einen Bettelorden. Dessen Mitglieder baten von Haus zu Haus um Gaben für sich und andere Arme.

Seit der Antike wählten insbesondere Mönche oder Nonnen freiwillig die Armut.Ordensleute kontemplativer oder tätiger Orden der römisch-katholischen Kirche legen in der Regel ein Armutsgelübde ab. Das verpflichtet sie, auf persönliche Einkünfte und ein eigenes Vermögen zu verzichten. Dieses Gelübde stellt einen der drei evangelischen Räte dar.

Armut soll jedoch auch einen tieferen Zugang zu anderen – meist armen – Menschen ermöglichen: Während von Reichen automatisch die Hartherzigkeit (der Geiz) und die Habgier befürchtet werden, kann sich der freiwillig Arme ganz auf das Erleichtern der seelischen Armut bzw. der Verkündigung des Weges zum seelischen Heil konzentrieren, ohne den Vorwurf verborgener materieller Eigensucht fürchten zu müssen.

Ähnliche Vorstellungen finden sich in einigen Richtungen der Philosophie. Der Kynismus (griech. κυνισμός, kynismós, wörtlich „die Hundigkeit“ im Sinne von „Bissigkeit“ und „Herrenlosigkeit“, von κύων, kyon „der Hund“) ist eine philosophische Richtung der griechischen Antike und wurde von Antisthenes im 5. Jahrhundert v. Chr. begründet. Kernpunkt der Lehre ist die Bedürfnislosigkeit bei gleichzeitiger Ablehnung materieller Güter. Die Scham vor als natürlich empfundenen Gegebenheiten (z. B. vor Entblößung) – gerade auch bei ‚nackter Armut‘ – wurde ebenfalls verworfen. Diese Einstellung zeigten sie kompromisslos. Oft lebten Kyniker von Almosen.

Als Stoa (griech. stoá, Στοά) wird eines der wirkungsmächtigsten philosophischen Lehrgebäude in der abendländischen Geschichte bezeichnet. Tatsächlich geht der Name (griechisch στοὰ ποικίλη – „bemalte Vorhalle“) auf eine Säulenhalle auf der Agora, dem Marktplatz von Athen, zurück, in der Zenon von Kition um 300 v. Chr. seine Lehrtätigkeit aufnahm. Ein besonderes Merkmal der stoischen Philosophie ist die kosmologische, auf Ganzheitlichkeit der Welterfassung gerichtete Betrachtungsweise, aus der sich ein in allen Naturerscheinungen und natürlichen Zusammenhängen waltendes göttliches Prinzip ergibt. Für den Stoiker als Individuum gilt es, seinen Platz in dieser Ordnung zu erkennen und auszufüllen, indem er durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe zur Weisheit strebt. Stoiker lehnen materiellen Besitz ab und preisen die Bedürfnislosigkeit.

Ursachen

Es gibt in der Wissenschaft verschiedene Theorien darüber, was die Ursache der Armut sei. Generell wird zwischen der Soziologie der Armut, die vor allem die Ursachen der Armut ergründen will, und der Armutsforschung unterschieden, die den Armen helfen will, ihr Leben zu verbessern.

Ursachen für die Armut von Ländern

Geodeterminismustheorie

Die Geodeterminismustheorie geht davon aus, dass die Armut eines Landes durch seine ungünstige geographische Lage bedingt sei. Als wichtiger Faktor wird das Klima genannt[13] Weitere Faktoren sind der Zugang zu fruchtbarem Land, frischem Wasser, Energie und natürlichen Ressourcen. Eine Landesform, die Kommunikation zulässt, ist wichtig. So wurde zum Beispiel im subsaharischen Afrika die Kommunikation mit dem Rest der Welt durch die Wüste Sahara und das Weltmeer erschwert. Dies ist einer der Gründe dafür, warum es in Subsahara-Afrika nur wenige Technologien gibt[14]

Andererseits gehen aber Jeffrey Sachs und Andrew Warner und Richard Auty[15] davon aus, dass es einen Ressourcenfluch gebe. In armen Ländern profitiert die Bevölkerung oft nicht von den eigenen Ressourcen, wie zum Beispiel vom Erdöl. Die Ressourcen werden von einer kleinen korrupten Elite und Unternehmern aus Europa und den USA ausgebeutet. Es kommt zu Umweltzerstörung und bewaffneten Konflikten um die Ressourcen. Die Folge davon ist größere Armut[16]

Demographische Theorien

Anhänger demographischer Theorien sehen das Bevölkerungswachstum als Grund für Armut und Unterentwicklung. Der erste Anhänger demographischer Theorien war Thomas Robert Malthus. Malthus hatte den Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Hungersnöten im historischen Europa studiert. Er ging davon aus, dass das Bevölkerungswachstum eines Landes exponentiell steige, die Nahrungsmittelproduktion in derselben Zeit aber nur linear. Wenn ein Anwachsen der Bevölkerung nicht verhindert werden könne, so werde es zu Hungersnöten kommen. Durch diese werde die Bevölkerung reduziert, fange jedoch nach Abklingen der Hungersnot wieder an zu wachsen, bis es dann zur nächsten Hungersnot komme. Auf Grund dieser Überlegungen rief Malthus zur Abstinenz auf.[17]

Hauptartikel: Bevölkerungsgesetz und Bevölkerungsfalle

Noch heute wird Überbevölkerung von zahlreichen Entwicklungshilfeorganisationen als eine der Ursachen für Armut angesehen.[18]

Stufentheorien / Modernisierungstheorien

Stufentheorien der Armut gehen davon aus, dass Armut ein ganz normalen Entwicklungsstufe in der Entwicklung einer jeden Gesellschaft sei, die schlussendlich überwunden werde (vgl. Fortschritt).

Karl Marx geht davon aus, dass durch Ausbeutung entstandene Armut („Verelendung“) die Bedingung dafür sei, damit es zum Klassenkampf komme. Im Rahmen der Klassenkämpfe könnten die Ausgebeuteten (Sklaven, Bauern oder Proletarier) sich revolutionär erheben. Indem in einer (bei ihm) gesetzmäßigen Kette solcher Revolutionen das „letzte Gefecht“[19] mit einem Sieg der Arbeiterklasse gegen die Kapitalisten ende, ende auch die Ausbeutung überhaupt, und es käme zur klassenlosen Gesellschaft, das „Reich der Freiheit“, wo es keine Armut durch Ausbeutung mehr gäbe. Diesen Gedankengang proklamierten Karl Marx und Friedrich Engels im Manifest der kommunistischen Partei.[20]

Zu den Stufentheorien der Armut zählen auch die Modernisierungstheorien. Diese sehen als Grund für Armut und Unterentwicklung endogene Faktoren traditionaler Gesellschaften wie z.B. mangelnde Investitionsneigung, Korruption, Misswirtschaft, Mangel an Good Governance. Die Überwindung der Armut erfordere einen Prozess der technischen, organisatorischen und kulturellen Modernisierung. Zu den bekanntesten Modernisierungstheoretikern zählt Walt Whitman Rostow. In seinem Werk The Stages of Economic Growth: A Noncommunist Manifesto beschreibt er die Abfolge von fünf Stufen der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine traditionale Gesellschaft entwickelt sich danach im Anschluss an einen Take off zur Reife und zur Gesellschaft des Massenkonsums.

Teufelskreis der Armut

Die Meinung, dass es einen Teufelskreis (vicious circle) der Armut gebe, ist in der Wissenschaft oft zu hören. Demnach verfallen Arme, wenn sie sehen, dass sie mit ihren begrenzten Mitteln ihre Ziele nicht erreichen, dem Fatalismus. Dieser Fatalismus führt zu größerer Armut. Als Vertreter dieser Theorie sind Robert K. Merton und Mario Rainer Lepsius zu nennen. Einschlägig sind auch die Arbeiten von Oscar Lewis. Lewis erforschte die Lebensbedingungen in mexikanischen Slums. Für die Lebensweise, die er dort vorfand, prägte den Begriff „culture of poverty“. Laut Lewis ist die Lebensweise der Armen von Fatalismus einerseits und dem Streben nach sofortiger (oft sogar verschwenderischer) Bedürfnisbefriedigung andererseits geprägt. Diese Lebensweise ist einerseits Reaktion auf die Armut, führt aber andererseits zu noch größerer Armut[21][22]

Rassistische Theorien/Theorie der genetisch bedingten Armut

Theoretiker der selbstverschuldeten Armut stellen die These auf, dass die Armut eines Landes mit der Faulheit und/oder der niedrigen Intelligenz der dort lebenden Bevölkerung zu tun habe. Diese These wird u.a. von Richard Lynn vertreten. Lynn ist der Meinung, dass Menschen verschiedener Rassen hinsichtlich ihrer Intelligenz differierten. Als am intelligentesten sieht Lynn die Juden an, die er als eigene Rasse betrachtet. Auch nicht-jüdische Weiße sind nach Lynn intelligent. Die einheimische Bevölkerung in Afrika und Südasien sei jedoch intellektuell beschränkter.[23] Dies sei auch der Grund für die Armut, die nicht geändert werden könne, da sie das genetische Schicksal der in den armen Ländern lebenden Menschen sei.[24]. Lynn ist für diese Theorie wiederholt kritisiert worden, unter anderem von Leon J. Kamin. Kamin warf Lynn wissenschaftlichen Rassismus, methodische Fehler und Fehlinterpretationen vor.[25]

Gründe für die Armut einzelner (Personen)gruppen innerhalb einer Gesellschaft

Auch die Gründe für die Armut einzelner Personengruppen in ansonsten wohlhabenden Gesellschaften sind in der Wissenschaft umstritten.

Strukturelle Theorien

Als strukturelle Theorien werden Theorien bezeichnet, die den Grund für Armut in der Struktur der Gesellschaft sehen. Laut den Strukturtheoretikern kann Armut durch gesellschaftliche Veränderungen bekämpft werden.

Kultur der Armut
Daniel Patrick Moynihan
Daniel Patrick Moynihan

Nach Oscar Lewis ist die Lebensweise der Armen von Denk- und Handlungsmustern geprägt, die von Generation zu Generation innerhalb der kulturellen Einheit weiter vererbt würden. Diese Kultur ist zwar einerseits eine funktionale Reaktion auf die Lebensbedingungen in der Armut, aber andererseits schadet sie den Armen auch. Diese Kultur der Armut zeichne sich dadurch aus, dass die Armen nach sofortiger Befriedigung ihrer Bedürfnisse strebten. Sie seien nicht in der Lage, ein Bedürfnis zurückzustellen, um später davon zu profitieren. So investierten die Armen zum Beispiel nicht in ihre Ausbildung und auch nicht in die Ausbildung ihrer Kinder. Das führe dazu, dass auch die nächste Generation arm sein werde. Die einzige Möglichkeit, die Armut zu beenden, ist laut Lewis eine von außen kommende Interventionen, etwa durch kompensatorische Erziehung.[21][22]

Daniel Patrick Moynihan sah den Zerfall der Familie als Grund für Armut. Er beklagte die hohe Anzahl alleinerziehender Mütter unter Afroamerikanerinnen, welche deviante Werte an ihre Kinder weitergeben würden. So käme es dazu, dass ihre Kinder (welche ansonsten zu Mitgliedern der Mittelschicht werden könnten) zu Mitgliedern der Armutsschicht würden.[26][27]

Marxismus

Laut Marx entstanden durch die industrielle Revolution zwei sich feindlich gegenüber stehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat. Die Bourgeoisie zeichnet sich durch den Besitz von Produktionsmitteln wie zum Beispiel Land, Fabriken oder auch Geld aus. Angehörige des Proletariates verfügen nicht über Produktionsmittel. Um überleben zu können sind sie gezwungen ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Dabei versucht der Bourgeois (der Arbeitgeber) möglichst wenig für die Arbeitskraft zu bezahlen, da er ja einen hohen Gewinn machen will. Der Proletarier kann sich von allein nicht aus seiner Lage befreien, da er nicht über Produktionsmittel verfügt.

Nach Christoph Spehr ist die aktuelle Armut in der Bundesrepublik Deutschland ein Klassenprojekt von oben[28]

Diskriminierungstheorien
Pierre Bourdieu
Pierre Bourdieu

Als weiterer Grund für Armut bestimmter Personengruppen wird Diskriminierung genannt. Diskriminierung kann entweder direkt oder auch indirekt sein. Von direkter Diskriminierung spricht man, wenn jemandem wegen bestimmten Merkmalen (wie etwa ethnischer Zugehörigkeit, Schichtzugehörigkeit und so weiter) in seinen Möglichkeiten an Geld zu kommen eingeschränkt ist. Ein Beispiel für direkte Diskriminierung wäre eine Stellenanzeige mit dem Zusatz Bewerbungen von Arbeiterkindern/Ausländern/Frauen/Juden zwecklos. Dies ist in den meisten Ländern heute eher selten. Als häufiger gilt die indirekte oder mittelbare Diskriminierung. Nach einer Definition der Europäischen Union liegt eine mittelbare Diskriminierung vor,

[…] wenn dem Anschein nach neutrale Vorschriften, Kriterien oder Verfahren bestimmte Personen aufgrund ihrer Rasse oder ethnischen Herkunft, ihrer Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, ihres Alters oder ihrer sexuellen Ausrichtung in besonderer Weise benachteiligen können.[29]

Als Beispiel ein Beispiel für eine solche Diskriminierung wird oft das Arbeitsverbot gegen Frauen mit Kopftuch diskutiert.[30] Pierre Bourdieu nannte die Diskriminierung aufgrund eines bestimmten Habitus als Beispiel für indirekte Diskriminierung. Personen mit dem Habitus der Arbeiterklasse seien in den europäischen Gesellschaften benachteiligt[31]

Wandel der wirtschaftlichen Struktur hin zur Informationsgesellschaft

Die Theorie des wirtschaftlichen Strukturwandels besagt, dass es durch Verschiebungen in der wirtschaftlichen Struktur zu Arbeitslosigkeit und Armut komme. Es würden immer mehr Jobs für Geringqualifizierte wegfallen, da sie ins Ausland verlagert würden oder von Maschinen übernommen würden. Gleichzeitig würde aber das Bildungsniveau der Bevölkerung nicht stark genug ansteigen. In den 1970er Jahren noch waren nur 5 % der Menschen ohne Berufsausbildung arbeitslos. Heute sind es ungefähr 20-25 %. Zum Vergleich: Nur 3,3 % der Akademiker sind arbeitslos. Die Akademikerarbeitslosigkeit ist damit heute nicht höher als in den 1970er Jahren.[32] 2004 konnten gemäß einer Umfrage des Instituts für Arbeitsmarktforschung (IAB) 10 % der Lehrstellen in Westdeutschland nicht besetzt werden. 77 % der Betriebe gaben als Grund an, dass kein ausreichend qualifizierter Bewerber gefunden werden konnte. Gleichzeitig steckten 600.000 Jugendliche in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Arbeitsagenturen, da sie keine Lehrstelle hatten[33]

Siehe auch: Outsourcing in Niedriglohnländer

Strukturfunktionalismus und Individualistische Theorien

Strukturfunktionalisten wie Herbert Gans sind der Meinung, dass Armut eine gesellschaftliche Funktion erfüllt. Aus diesem Grund trachtet jede Gesellschaft danach, ihre Armen zu haben. Laut Gans dienen die Armen als abschreckendes Beispiel und als Sündenböcke. So helfen sie, die dominante Kultur und Ideologie einer Gesellschaft zu erhalten[34]

Individualistische Theorien sehen den Grund für die Armut in den Defiziten der Armen selbst. Diese Defizite werden entweder als angeboren oder als erworben angesehen.

Sozialdarwinismus
Francis Galton
Francis Galton

Der Sozialdarwinismus ist eine Interpretation der Theorien von Charles Darwin. Darwin vertrat die These, dass es unter den Individuen einer Art gut angepasste und weniger gut angepasste gäbe. Gut angepasste Individuen hätten im Kampf um das Dasein (struggle for existence) bessere Chancen, bis ins fortpflanzungsfähige Alter zu überleben und eine große Anzahl von Nachkommen zu haben. Gut angepasste Individuen wurden von Darwin als „fit“, schlecht angepasste als „unfit“ bezeichnet. Die Sozialdarwinisten übertrugen Darwins Theorien auf das menschliche Zusammenleben. Sie glaubten, dass es durch den Genotyp eines Individuums weitgehend determiniert ist, wie weit es das Individuum einmal bringen wird. Die Armen sind laut dieser Theorie arm, weil sie schlecht angepasst sind.

Der Sozialdarwinismus ist eine relativ alte Theorie. Bereits Darwins Halbcousin Francis Galton bezeichnete sich als Sozialdarwinist. Galton vertrat 1869 die These, dass es vor allem die intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen wären, die dazu führten, ob er arm oder reich sei. Da es allerdings das Wort Intelligenz damals noch nicht gab ist bei Galton nicht von Intelligenz sondern von Begabung und Genie die Rede. Dieses sei stark erblich.[35]

Diese These wird von Richard Herrnstein und Charles Murray in ihrem Buch The Bell Curve wieder aufgegriffen. Herrnstein und Murray behaupten, mit empirischen Daten der amerikanischen National Longitudal Study of Youth nachgewiesen zu haben, dass die Frage, ob man arm sei, stark mit dem IQ zusammenhänge[36] Das Buch wurde von zahlreichen Wissenschaftlern kritisiert. So analysierte Jay Zagorsky vom Center for Human Resource Research der Ohio State University die gleichen Daten und kam zu dem Ergebnis, dass es keinen Zusammenhang zwischen IQ und finanziellen Erfolgen gebe. Er fasste seine Ergebnisse mit „Your IQ has really no relationship to your wealth. And being very smart does not protect you from getting into financial difficulty“ zusammen.[37]

Theorie der erlernten Hilflosigkeit

Der Psychologe Martin Seligman stellte die These auf, dass die Armen unter erlernter Hilflosigkeit litten. Ihre Lebensumstände verleitet sie dazu, persönliche Entscheidungen als irrelevant wahrzunehmen. Laut Seligman betrachten Personen in einem Zustand der erlernten Hilflosigkeit Probleme als persönlich, generell oder permanent:

  • persönlich – Sie sehen (in) sich selbst als das Problem.
  • generell – Sie sehen das Problem als allgegenwärtig und alle Aspekte des Lebens betreffend.
  • permanent – Sie sehen das Problem als unabänderlich.

Daraus zögen sie die Schlussfolgerung, dass es nichts erbringe, etwas gegen ein Problem zu unternehmen, und unternähmen nichts. Erlernte Hilflosigkeit komme in allen Schichten vor, sei jedoch in den unteren Schichten besonders häufig. Dies sei so, weil die Leute dieser Schichten mehr negative Erfahrungen als die aus höheren Schichten machten. Erlernte Hilflosigkeit könne jedoch überwunden werden. Der Betroffene müsse sich klar machen, dass er unter erlernter Hilflosigkeit leide, und dass er über Handlungskompetenzen verfüge und sein Leben selbst in die Hand nehmen könne. Dabei könne die Psychotherapie helfen.[38]

Armut durch schlechten Charakter

Der US-amerikanische Politologe Charles Murray war früher der Meinung, dass Armut sich durch den schlechten Charakter der Armen erklären lasse. In seinem Buch Losing Ground teilt Murray Arme in zwei Klassen ein: die „working class“ und die „underclass“. Die letztere wird von ihm auch als „dangerous class“ („gefährliche Schicht“) oder „undeserving poor“ (Übersetzung in etwa: „Arme, die es nicht verdient haben, dass man ihnen hilft“) bezeichnet. Diese „undeserving poor“ zeichnen sich laut Murray durch mangelnde Selbstdisziplin aus. Sie hätten nicht den Ehrgeiz, ihren Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, sondern lebten lieber von Almosen. Die underclass habe sich als Reaktion auf zu hohe Sozialleistungen entwickelt. Einige Leute hätten die Sozialhilfe zu ihrem Lebensstil gemacht. Dersweiteren sei es durch Sozialleistungen für alleinerziehende Mütter zu einem Zerfall der Familie gekommen. Frauen würden bewusst die alleinerziehende Mutterschaft wählen, um möglichst viel Sozialleistungen zum empfangen. Als natürlichen Feind der „undeserving poor“ sieht Murray die „working class“ an, denn diese finanzierten den Lebensstil der underclass; was aber noch schlimmer sei: Die underclass verdürbe durch ihren Lebensstil die Kinder der arbeitenden Klasse, die die falschen Werte der underclass übernähmen.[39] Später gelangte Murray zu der Auffassung, dass Armut vor allem durch niedrige Intelligenz zustande käme.

Folgen der Armut in den Entwicklungsländern

Unterernährung

Etwa 852 Millionen Menschen weltweit hungern. Davon leben 815 Millionen in den Entwicklungsländern. In den Entwicklungsländern sterben rund 11 Millionen Kinder unter fünf Jahren pro Jahr – das sind 30.000 Kinder pro Tag. Ungefähr die Hälfte der Kindersterblichkeit geht auf Unterernährung (von Mutter und Kind) zurück.[40] (Siehe auch: Recht auf angemessene Ernährung)

Einschränkung der Lebenserwartung

Die Armutskrankheit AIDS ist für eine rückläufige Lebenserwartung in einigen südafrikanischen Staaten verantwortlich (Quelle: World Bank World Development Indicators, 2004)
Die Armutskrankheit AIDS ist für eine rückläufige Lebenserwartung in einigen südafrikanischen Staaten verantwortlich (Quelle: World Bank World Development Indicators, 2004)

Die Lebenserwartung in den Entwicklungsländern ist in der Regel kürzer als in den entwickelten Ländern. In einigen Teilen Afrikas ist die Lebenserwartung gar auf unter 33 Jahre gefallen. In Sambia zum Beispiel liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei nur 32,4 Jahren. Zum Vergleich: Norwegen dagegen sind es 78,9 Jahre. Einer der Gründe dafür ist die AIDS-Epidemie. In Sambia haben 16,5 Prozent der Bevölkerung eine HIV-Infektion, in Simbabwe sogar 25 Prozent.[41] Als einer der Gründe für die AIDS-Pandemie wird Armut gesehen.[42]

Hauptartikel: AIDS in Afrika

Einschränkung der kindlichen Entwicklung

Armut führt zu schlechter Gesundheitsvorsorge und mangelhafter Ernährung. Dies wiederum wirkt sich nachteilig auf die geistige, motorische und sozial-emotionale Entwicklung aus. Die betroffenen Kinder sind weniger leistungsfähig, erzielen später ein schlechtes Einkommen und können schlechter für ihre eigenen Kinder sorgen. Ein Teufelskreislauf. Weltweit sind 219 Millionen Kindern unter fünf Jahren durch Armut kognitiv eingeschränkt. Das sind 39 Prozent aller Kinder dieser Altersgruppe in den Entwicklungsländern. In Afrika sind es gar 61 %.[43]

Armut und Bürgerkriege

Studien zeigen, dass in armen Ländern häufiger Bürgerkriege ausbrechen als in reichen. Statistisch betrachtet lässt ein Einbruch des Wirtschaftswachstums um fünf Prozent die Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Konflikts um 50 Prozent ansteigen.[44]

Armut und Umweltzerstörung

Armut ist in vielen Teilen der Welt auch eine der wichtigsten Ursachen für Gefährdung und Zerstörung der Natur. Denn gerade die in der Armut begründeten schwerwiegenden Nöte und Probleme lassen den Umweltschutz in den Hintergrund treten. Die für den Schutz mitunter notwendigen finanziellen Mittel können in Regionen mit großer Armut nicht aufgebracht werden. Klaus Töpfer, der Leiter der UNO-Umweltbehörde UNEP, bezeichnete Armut als „das größte Gift für die Umwelt“; Erfolge im Umweltschutz setzten eine Bekämpfung der Armut voraus.

Gleichzeitig besteht auch eine umweltbezogene Ungerechtigkeit. Arme sind häufiger die Opfer von Umweltbeeinträchtigungen und -zerstörungen (z.B. in New Orleans durch den Hurrikan Katrina), ihnen stehen aber gleichzeitig weniger Bewältigungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Hauptartikel: Umweltgerechtigkeit

Folgen der Armut in den Industrieländern

Gesundheitliche Konsequenzen

Armut führt bei Kindern und Erwachsenen zu geringeren Gesundheitschancen und höheren Krankheitsrisiken.

Hauptartikel: Sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen

Konsequenzen für das Familienleben

Arbeitslosigkeit und Armut führen oft zu einer Beeinträchtigung der Qualität der ehelichen Partnerschaft.[45] Es kommt zu häufigen Konflikten, geringer gegenseitige Unterstützung und einer geringen Zufriedenheit mit dem Partner. Diese Krisen in der Partnerschaft beeinträchtigen die Fähigkeit der Eltern, auf die Bedürfnisse ihrer Kinder angemessen zu reagieren. Die Eltern sind in diesem Falle weniger unterstützend. Es kommt zu einem restriktiven und inkonsistenten Erziehungsverhalten.[46]

Es gibt eine Reihe von Eigenschaften, die die negativen Folgen von Armut für das Familienleben abmildern können.

Bildung

Bildung scheint die negativen Auswirkungen der Armut auffangen zu können. Gebildete Eltern tragen Streitigkeiten eher sachlich aus. Sie haben in der Regel ein höheres Reflexionsvermögen und mehr Selbstkontrolle. Unter niedrig gebildeten Leuten werden durch Armut auftretende Konflikte dagegen in der Regel eher unsachlich ausgetragen. Dies liegt daran, dass ihnen wichtige Ressourcen zu einer erfolgreichen subjektiven Verarbeitung der Situation fehlen. Starre Rollenmodelle und ein restriktiver Erziehungsstil erschweren in den unteren Schichten eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Situation.[46]

Flexibles Rollenverhalten

Familien, die durch den Mann in patriachalischer Art und Weise dominiert werden, können schlechter mit Armut umgehen.[46]

Konsequenzen der Armut auf Kinder

Hauptartikel: Kinderarmut in den Industrieländern

Die Konsequenzen der Armut auf Kinder sind noch besser erforscht als die Konsequenzen der Armut bei Erwachsenen. Arme Kinder sind körperlich, seelisch und geistig weniger gesund als ihre wohlhabenderen Altersgenossen. Sie erreichen schlechtere Schulabschlüsse und sind von einer Vielzahl sozialer Probleme wie zum Beispiel der Mutterschaft Minderjähriger stärker betroffen. Man muss das jedoch differenziert sehen. Arme Kinder müssen nicht automatisch unglücklich sein. Vielmehr zeigen Studien wie die von Elder (1974)[47], Caplan (1992), Becker (1998) und Elder&Conger (2000), dass es Familien unter bestimmten Bedingungen möglich ist, die Armut zu kompensieren.

Weiß warnt vor einer „einseitige(n) Defizit- und Opferperspektive“[48]

Tatsächlich kann die Familie als „Puffer“ wirken. Das heißt es kann Eltern gelingen, dafür zu sorgen, dass die Kinder die Auswirkungen der Armut weniger oder gar nicht zu spüren bekommen[46].

Dennoch sollte den Eltern nicht die Schuld für die Armutsfolgen ihrer Kinder gegeben werden. Es wäre aus Sicht von Weiß „verfehlt, im Sinne eines Vorwurfs an die Opfer (blaming the victims) die Verantwortung für ökonomische und gesellschaftliche kulturelle Bedingungen von Armut auf die Menschen zu verlagern, die sie zu ertragen haben […] und den Eltern einseitig die Schuld für mögliche Entwicklungsbeeinträchtigungen ihrer Kinder zuzuordnen“.[48]

Konsequenzen für Bildungsentscheidungen

Arme Kinder haben in Deutschland schlechtere Bildungschancen, doch das liegt nicht an der Armut allein. Lauterbach bemerkt:

[Es] kann keineswegs davon gesprochen werden, dass alle Kinder gleichermaßen negativ von […] Armutslagen des Elternhauses betroffen sind […] Es kann in den seltensten Fällen von einem Kausaleffekt ausgegangen werden, der darin besteht, dass Armut und sozioökonomische Deprivation unmittelbar die elterlichen Bildungsentscheidungen und den Bildungserfolg von Kindern bestimmen. Wenn es diesen Kausalzusammenhang gäbe, dann hätte die sozioökonomische Deprivation für alle davon betroffenen Kinder die gleichen Auswirkungen auf ihre Bildungschancen. Modellschätzungen zeigen aber […] schwindende Armutseffekte, wenn das Humanvermögen der Eltern und die soziale Herkunft der Kinder kontrolliert werden. Diese Befunde legen die Vermutung nahe, dass die armutsbedingte Bildungsbenachteiligung auch durch eine Verstärkung bereits vorhandener Defizite bei der Sozialisation und Bildung von Kindern zustanden kommen könnte. […] Die ungünstigen Voraussetzungen für die Kinder werden durch wirtschaftliche Verluste mit ihren Folgeerscheinungen verstärkt.[49]

Bei einer Studie der Arbeiterwohlfahrt schaffen von 100 Kindern, die bereits während ihrer Kindergartenzeit als arm galten, nach der Grundschule nur vier den Sprung aufs Gymnasium.[50]

Doch muss man bedenken, dass diese Kinder oft nicht nur arm waren, sondern multipel depriviert.

Hier wurden also nicht nur die Auswirkungen der Armut, sondern auch die Auswirkungen anderer Benachteiligungen gemessen. Becker und Nietfeld (1999)[51] beschäftigten sich mit den Kindern arbeitsloser Eltern in Dresden. Sie konnten nachweisen, dass Arbeitslosigkeit der Eltern und Armut die Bildungschancen der davon betroffener Kinder verschlechtern. Wenn man jedoch andere Variablen kontrolliert, so fällt jedoch auch auf, dass die Effekte der Arbeitslosigkeit und sozioökonomischen Deprivation geringer werden. Das heißt: der Einfluss von Armut und Arbeitslosigkeit sei kleiner, als man am Anfang der Untersuchung glauben würde. Wichtiger ist das kulturelle Kapital. Insbesondere bildungsferne Schichten neigen zu risikoaversen Bildungsentscheidungen, das heißt sie wählen im Zweifelsfalle eher niedrigere Bildungsentscheidungen. Arme Familien können oft nicht am kulturellen Leben teilnehmen, da Theaterbesuche, Opernbesuche und Musikunterricht für die Kinder zu teuer sind. Auch Kunstgegenstände oder Bücher werden selten gekauft. Es gibt eine kulturelle Diskrepanz zwischen Familie und Schule. Die betroffenen Kinder sind mangelhaft auf die Leistungsanforderungen der Schule vorbereitet, ihre Lernmotivation und Sozialkompetenzen sind defizitär. Allerdings haben Armut und Arbeitslosigkeit fast nur bei wenig gebildeten Eltern negative Konsequenzen. Gebildetere Eltern sind offensichtlich besser in der Lage, die damit einhergehenden Probleme zu kompensieren.

Folgende Tabelle stammt aus „Arbeitslosigkeit und Bildungschancen von Kindern im Transformationsprozess“ von Becker und Nietfeld[51]:

Bildung des
Haushaltsvorstandes
Kind besucht
Hauptschule
Kind besucht
Realschule
Kind besucht
Gymnasium
Hauptschulniveau 30,4 % 39,1 % 30,4 %
Realschulniveau 23,7 % 43,3 % 33,0 %
Gymnasialniveau 8,4 % 30,1 % 61,4 %

Anmerkung: wie in Ostdeutschland üblich, hatten fast alle Eltern eine berufliche Ausbildung. Deswegen wurde nur der Schulabschluss berücksichtigt. Als Hauptschulniveau galt POS bis zur 8. Klasse, als Realschulniveau POS bis zur zehnten Klasse, als Gymnasialniveau Abschluss der EOS.

Konsequenzen für den Charakter

Ruby Payne vertritt die These, dass das Aufwachsen in Armut wichtige Auswirkungen auf den Charakter habe. Um in der Armut zu überleben, müssten arme Kinder non-verbal sein und auf Sinneseindrücke sofort reagieren. In der Schule jedoch wäre dies ein Nachteil für sie. Die Schule sei eine Mittelklasseinstitution. Hier sei es wichtig, Gedanken verbalisieren zu können, abstrahieren zu können und voraus zu planen. Fähigkeiten, die arme Kinder erst erlernen müssen[52][53] Laut Walter Mischel haben arme Kinder weniger Selbstkontrolle und streben eher nach sofortiger Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Dies ist schlecht, da es in der Mittelschichtsinstitution Schule Selbstkontrolle eine wichtige Rolle spielt.[54]

Donna Beegle ist der Meinung, dass arme Familien und wohlhabendere Familien in verschiedenen Kulturen leben.

In armen Familien herrsche eine orale Kultur. Für Mitglieder der oralen Kultur sind Sinneserfahrungen wichtig. Charakteristika der oralen Kultur sind Spontaneität, Orientierung an der Gegenwart, Betonung von Emotionen und die Fähigkeit das „große Ganze“ zu sehen.
In wohlhabenden Familien dagegen herrsche die Schriftkultur. Hier werden Selbstdisziplin, die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub, die Fähigkeit strategisch vorzugehen und zu planen, die Fähigkeit sich Ziele zu setzen und Schritte zu unternehmen, um diese zu erreichen, technische Fähigkeiten und analytische Fähigkeiten geschätzt.[55]

Konsequenzen für die kognitive Entwicklung

Längsschnittstudien belegen in standardisierten Tests signifikante Einbußen der allgemeinen Intelligenz, der Sprachfähigkeit und der Schulleistungen. Dabei erwies sich vor allem die Dauer der Armut als bedeutsamer Faktor für das Ausmaß der kognitiven Defizite[56]

In Deutschland haben Kinder aus Familien, die lange in Armut leben, einen durchschnittlich 9 Punkte geringeren IQ als Kinder aus nie verarmten Familien.[32] Wohlgemerkt geht es hier um durchschnittliche Werte. Die IQs beider Gruppen sind normalverteilt, das heißt sie folgen der Form einer Glockenkurve. Der Scheitelpunkt der Glockenkurve jedoch liegt bei niemals arm gewesenen Kindern bei 100 und bei in Armut lebenden Kindern bei 91. Es gibt also sowohl sehr intelligente arme Kinder als auch sehr intelligente reiche Kinder. Über den IQ eines einzelnen in Armut oder Reichtum lebenden Kindes sagen diese Ergebnisse nichts aus. Wohl aber sagen sie aus, dass unter armen Kinder der Prozentsatz der Kinder, die Gefahr laufen in der Schule zu versagen, stark erhöht ist.

Ähnliche Unterschiede in der Intelligenz zwischen armen und niemals arm gewesenen Kinder zeigten sich auch in den USA.[57] Je länger ein Kind in Armut lebt, desto wahrscheinlicher sind kognitive Defizite. Dabei haben Kinder die bereits in der frühen Kindheit arm waren, größere kognitive Defizite, als Kinder, die erst später im Verlauf ihres Lebens verarmten.

Studien zeigen, dass sich der niedrige IQ von Kindern aus armen Familien vor allem durch Umweltfaktoren erklären lässt. Während in der Mittelschicht die Intelligenz zu einem großen Teil vererbt wird, lässt sich der niedrige IQ der Kinder aus verarmten Bevölkerungsschichten vor allem durch mangelnde Förderung, schlechte Ernährung und schlechte Schulen erklären[58] Gabarino konnte für arme Kinder in den USA jedoch zeigen, dass Armut allein die IQ-Entwicklung kaum beeinflusst, sondern auch noch andere Risikofaktoren gegeben sein müssen.[59] Zu diesem Ergebnis kam auch eine andere Längsschnittstudie. Ein oder zwei Risikofaktoren hatten nur eine sehr geringe Auswirkung auf die kognitive Entwicklung. Kamen jedoch weitere hinzu, so zeigten sich starke Auswirkungen. Kinder, die von acht bis neun Risikofaktoren betroffen waren, hatten gar einen im Schnitt um 30 Punkte geringeren IQ als unbelastete Kinder.[60]

In den USA hat es bereits Anstrengungen gegeben, dies zu ändern. Es hat sich gezeigt, dass die Intelligenzentwicklung mit speziellen Programmen förderbar ist (siehe: kompensatorische Erziehung).

Kritiker argumentieren jedoch, dass Intelligenztest, da sie von Personen der Mittelschicht konstruiert würden, nicht die wahren Fähigkeiten armer Kinder messen würden. Siehe dazu auch: Kritik am Intelligenzbegriff

Resilienzforschung

Als Reaktion auf die Armutsforschung entstand in den USA die Resilienzforschung. Unter Resilienz wird die Fähigkeit verstanden, schwierige Lebenssituationen unbeschadet zu überstehen. Resilienzforscher wie zum Beispiel Caplan oder Haines beklagen, dass zu sehr die Schwächen armer Familien und Personen und zu wenig die Stärken gesehen würden. Als Stärken einiger armer Bevölkerungsgruppen gelten Familienzusammenhalt, Kollektivismus und Leistungsmotivation.

Die Resilienzforschung betrachtet, welche Fähigkeiten ein Individuum haben muss, um konstruktiv mit Armut umgehen zu können. Sie hat einzelne ethnische und soziale Gruppen ausfindig gemacht, die es trotz Armut zu etwas bringen. So erbrachten beispielsweise die Kinder vietnamesischer Boat People in den USA bessere Leistungen als Kinder der US-amerikanischen Mittelschicht.[61][62][63] Die jüdische Minderheit wurde innerhalb von zwei Generationen von einer äußerst armen zu einer äußerst reichen ethnischen Gruppe. Kinder aus US-amerikanischen Mittelschichtsfamilien, die durch die große Depression verarmt waren, wuchsen zu leistungsstarken und gesetzestreuen Bürgern heran[47]. Viele Familien amerikanischer Farmer verarmten durch die Landwirtschaftskrise in den 1980er Jahren. Ihre Kinder erbrachten gute Schulleistungen. Sie waren sozial gut integriert.[64] In Deutschland machen vor allem die Kinder der vietnamesischen Vertragsarbeiter trotz Armut mit guten Schulleistungen auf sich aufmerksam[65][66] Die griechische Minderheit hat innerhalb von zwei Generationen ihren Weg aus der Armut in die Mitte der Gesellschaft gefunden. Ebenso sieht es mit der spanischen Minderheit aus.[67][68] Eine weitere erfolgreiche arme Bevölkerungsgruppe sind jüdische Zuwanderer aus der GUS.[69]

Weiterführende Informationen zur Resilienzforschung sind auf entsprechender Seite zu finden.

Konzepte zur Bekämpfung der Armut

Entwicklungspolitik

Siehe Hauptartikel Entwicklungspolitik.

Der Friedensnobelpreisträger und Ökonom Muhammad Yunus schlägt vor, neben rein den Profit (exakter: die Eigenkapitalrendite) maximierenden Unternehmen auch soziale Unternehmen einzuführen, deren Ziel es nicht ist, Profit zu erwirtschaften, sondern die Welt positiv zu verändern. Investoren in diese Firmen bekämen später ihr Geld zurück, jedoch ohne Dividende. Stiftungsaktivitäten von bestehenden Firmen könnten so in diese Richtung gelenkt werden. Nach Yunus wäre dies eine Lösung im Kampf gegen die Armut, die nach ihm den Weltfrieden bedroht.[70]

Konzepte, um armen Bevölkerungsgruppen in reichen Ländern zu helfen

Selbsthilfe der Betroffenen

Die Art von Selbsthilfe gegen materielle Armut, die Betroffenen möglich ist, hängt von den persönlichen Kompetenzen und der Lebenssituation ab.

Bob Holman[71] weist darauf hin, dass so genannte Nachbarschaftsgruppen (neighbourhood groups) eine wichtige Form der Selbsthilfe armer Menschen sind. Beispiele dafür wären von Armen betriebene Jugendclubs oder von Armen betriebene Kreditinstitute, die armen Geld leihen. Eine Selbsthilfegruppe armer Migranten, die ihren Kindern deutsch beibringen ist HIPPY.

Diese Art der Armutsbekämpfung bietet den Vorteil, dass sie von den Armen selbst ausgeht. Sie kann die Teilnehmer stärken, ihnen Selbstwertgefühl verleihen und die Effekte der Armut modifizieren.[71]

Zu den Möglichkeiten der Selbsthilfe zählt die Suche nach zusätzlichem Einkommen – etwa das Bemühen um einen Arbeitsplatz beziehungsweise eine Beförderung, dem Aufbau einer selbständigen Tätigkeit oder die Aufnahme einer Nebentätigkeit. In Deutschland stieg laut der Bundesagentur für Arbeit die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit zusätzlicher geringfügiger Beschäftigung von 2003 bis 2007 bundesweit um zwei Drittel auf 2,1 Millionen; ein Großteil von ihnen benötige das Geld für den täglichen Lebensunterhalt .[72]

Zu den Möglichkeiten zählt anderseits auch äußerste Sparsamkeit, etwa Verzicht auf alles Entbehrliche, evtl. auf Privatauto und teure technische Geräte im Allgemeinen, das Inkaufnehmen von Zeitaufwand anstelle von Kosten (beispielsweise Do it yourself anstelle von Handwerkerdiensten), eine auf Sparsamkeit ausgerichtete Auswahl von Einkaufsmöglichkeiten, etwa Discounter, Secondhandläden und Kindersachenflohmärkte, sowie Teilnahme an Nachbarschaftshilfe oder Tauschringen.

Auch die Wahrnehmung von Beratungsangeboten – Einzelfallhilfe wie gegebenenfalls Schuldnerberatung oder andere Formen der Sozialberatung – kann ein Schritt zur Selbsthilfe sein. Langfristige Selbsthilfe geschieht auch durch die Erweiterung persönlicher Kompetenz, insbesondere durch Bildung bzw. Weiterbildung.

Die Hilfe zur Selbsthilfe wird als wichtiges Element sozialer Unterstützung hervorgehoben, so auch im deutschen Sozialgesetzbuch I (§ 1 Absatz 1):

„Das Recht des Sozialgesetzbuchs soll zur Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit Sozialleistungen einschließlich sozialer und erzieherischer Hilfen gestalten. Es soll dazu beitragen, ein menschenwürdiges Dasein zu sichern, gleiche Voraussetzungen für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, insbesondere auch für junge Menschen, zu schaffen, die Familie zu schützen und zu fördern, den Erwerb des Lebensunterhalts durch eine frei gewählte Tätigkeit zu ermöglichen und besondere Belastungen des Lebens, auch durch Hilfe zur Selbsthilfe, abzuwenden oder auszugleichen.“

Politische Strategien

Strategien zur Bekämpfung der Armut hängen entscheidend davon ab, was man als die Ursache der Armut annimmt. Folgende sind die häufigsten Strategien um die Armut zu bekämpfen:

  • Armutsbekämpfung durch finanzielle Zuwendungen

Ein in vielen Ländern hierzu verwendetes Mittel sind Sozialversicherungen, welche in Notsituationen eingreifen. Weitere Ideenbeispiele sind die Sozialhilfe oder in Deutschland die relativ neue Idee für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

  • Armutsbekämpfung durch kompensatorische Maßnahmen

Befürworter kompensatorischer Maßnahmen gehen davon aus, dass arme Familien Defizite aufweisen. Diese Defizite werden als erworben betrachtet.[73] Durch Familienschulungen, Beratungen und so weiter wird versucht, die Defizite auszugleichen. Als wichtigste Maßnahme wird jedoch die kompensatorische Erziehung. Hauptziel der kompensatorischen Erziehung ist es, kognitive Fähigkeiten und schulische Leistungen der in Armut aufwachsenden Kinder zu fördern. So will man erreichen, dass die nächste Generation nicht wieder arm ist. Kritiker der kompensatorischen Erziehung erheben den Vorwurf, dass das Kind der Mittelschicht hier als Vorbild genommen werde. Es werde versucht arme Kinder zu Mittelschichtskindern umzuerziehen. Das Arbeiterkind werde seiner Lebenswelt entfremdet.[74] Weitere kompensatorische Maßnahmen sind etwa Elternschulungen, Mentorenprogramme und ähnliches. Oft wird kritisiert, dass die Schule zu kurz wäre. Arme Kinder kämen mit Defiziten in die Schule und die Halbtagsschule, wäre nicht in der Lage diese auszugleichen.[75] Gefordert wird eine Schule mit einem ganztägigen Programm, das „unterrichtliche, erzieherische sowie sozialpädagogische Aktivitäten und Maßnahmen“ (Palentien 2005, S. 164) einschließt. In Deutschland sind solche Programme selten. In anderen Ländern existieren jedoch zahlreiche. Das bekannteste Programm sind hier die 21st Century Community Learning Centers. Doch hat dieses Programm auch dazu geführt, dass Nachmittagsbetreuung in den Schulen heute teilweise im kritischen Licht gesehen wird, weil sie insgesamt zu keiner Verbesserung der schulischen Leistungen führte, jedoch zu verstärkten Verhaltensproblemen. Lediglich für die Gruppe der Grundschüler, die anfangs jedoch sehr schlechte Leistungen zeigten, konnte eine kleine Verbesserung in den Kompetenzen im Fach Englisch gezeigt werden.[76]

  • Armutsbekämpfung durch Zwangsmaßnahmen

In früheren Zeiten wurden vor allem Zwangsmaßnahmen zur Armutsbekämpfung eingesetzt. Im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts stand das Arbeitshaus im Zentrum der Armutsbekämpfung. Es herrschte die Auffassung vor, dass Armut- selbstverschuldet sei und durch Faulheit komme. Arbeitshäuser dienten der Abschreckung und Umerziehung. In Deutschland wurden Arbeitshäuser 1969 abgeschafft.

In Europa setzte sich im Zuge der Industrialisierung und der Auseinandersetzung um die Soziale Frage die Auffassung durch, dass Armut durch genossenschaftliche oder wohlfahrtspolitische Maßnahmen verringert werden könne. Armutsbekämpfung stand etwa im Vereinigten Königreich am Ausgangspunkt der modernen Sozialpolitik.
:Siehe auch: Sozialgesetzgebung

Inzwischen wird die Wirksamkeit sozialpolitischer Armutsbekämpfung aber in vielen Industrieländern durch neue Erscheinungsformen von Armut in Frage gestellt. In der Wirtschaftswissenschaft wird nicht selten die These vertreten, dass auch eine zu hohe Staatsquote zu einem Ansteigen der Arbeitslosenquote führen kann (insbesondere in Westeuropa).

Armut im geschichtlichen Wandel

Hauptartikel: Armut im geschichtlichen Wandel

Geographie der Armut

Lückenhaft In diesem Artikel oder Abschnitt fehlen folgende wichtige Informationen: Die Beispielliste erfasst ausschließlich Länder mit einem weit unterdurchschnittlichen Anteil relativer Armut.

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Slum-Bewohner in Jakarta
Slum-Bewohner in Jakarta

Nach Angaben der Weltbank hatten im Jahr 2001 weltweit ca. 1,1 Mrd. Menschen (entspricht 21 % der Weltbevölkerung) weniger als 1 US-Dollar in lokaler Kaufkraft pro Tag zur Verfügung und galten damit als extrem arm. (Zum Vergleich: 1981 waren es noch 1,5 Mrd. Menschen, damals 40 % der Weltbevölkerung; 1987 1,227 Mrd. Menschen entsprechend 30 %; 1993 1,314 Mrd. Menschen entsprechend 29 %).

Die größte Zahl dieser Menschen lebt in Asien; in Afrika ist allerdings der Anteil der Armen an der Bevölkerung noch höher. Die Mitglieder der UN haben sich beim Millenniumsgipfel im Jahr 2000 auf das Ziel geeinigt, bis zum Jahr 2015 die Zahl derer, die weniger als 1 US-Dollar am Tag haben, zu halbieren (Punkt 1 der Millenniums-Entwicklungsziele). Nach Angaben der Weltbank vom April 2004 kann dies gelingen, allerdings nicht in allen Ländern. Während durch einen wirtschaftlichen Aufschwung in Teilen Asiens der Anteil der Armen deutlich zurück ging (in Ostasien von 58 auf 16 Prozent), hat sich in Afrika die Zahl der Ärmsten erhöht (in Afrika südlich der Sahara von 1981 bis 2001 fast verdoppelt). In Osteuropa und Zentralasien wurde eine Zunahme der extremen Armut auf 6 Prozent der Bevölkerung errechnet. Zieht man die Armutsgrenze bei zwei US-Dollar pro Tag, gelten insgesamt 2,7 Milliarden Menschen und damit fast die Hälfte der Weltbevölkerung als arm.

Deutschland

Das vom Statistischen Bundesamt errechnete monatliche Nettoäquivalenzeinkommen betrug für 2003 bundesweit 1 564 €, in den westdeutschen Ländern 1 624 €, in den ostdeutschen Ländern 1 335 €. Nach den EU-Kriterien für die Armutsgefährdungsgrenze (60 %) liegt die bundesdeutsche Armutsgefährdungsgrenze demnach bei 10 274 € jährlich bzw. 856 € monatlich (armutsgefährdet demnach: alte Bundesländer 12 %, neue 17 %). Als relativ arm gilt ein Nettoäquivalenzeinkommen von 40 %, das sind 6 849 € jährlich bzw. durchschnittlich 571€ monatlich.[77] Das sozio-kulturelle Existenzminimum, das auf der Basis von Verbraucherbefragungen des Statistischen Bundesamtes durch die Bundesregierung festgelegt wird, liegt bei 7 356 Euro pro Jahr für eine erwachsene Einzelperson. Für ein Ehepaar ist es 12 240 Euro. Für ein Kind beträgt es 3 684 Euro.[78]

Armutsquoten einiger Bevölkerungsgruppen in der BRD
(nach Daten des Mikrozensus)
Gruppe Armutsquote
Selbständige insgesamt 8,7 %
Selbständige ohne Mitarbeiter 10,0 %
Selbständige mit 1-4 Mitarbeitern 7,3 %
Selbständige mit 5 und mehr Mitarbeitern 4,6 %
Arbeiter insgesamt 7,5 %
An- und Ungelernte 10,6 %
Facharbeiter 5,2 %
Angestellte insgesamt 2,9 %
ausführende Angestellte 6,9 %
einfache Angestellte 4,3 %
Angestellte mit schwierigen Tätigkeiten 2,1 %
Quelle (PDF-Datei)

Nach Zahlen aus dem „Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht“, den die Bundesregierung im März 2005 vorgelegt hat, galten im Jahr 2003 13,5 Prozent der Bevölkerung als in relativer Armut lebend. 2002 waren es nach diesen Angaben noch 12,7 Prozent, 1998 12,1 Prozent.

Das Institut für Macroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) stellt folgende Veränderung der Jahre 2000 bis 2006 fest. In Prozent der deutschen Bevölkerung: Einkommensstarke Schicht: 18,8 % auf 20,5 %, Mittelschicht 62,3 % auf 54,1 %, und armutsgefährdete Schichten von 18,9 % auf 25,4 %. Damit sind erstmals seit vielen Jahren ein Viertel der deutschen Bevölkerung konkret armutsgefährdet.[79]

Der Großteil der in relativer Armut lebenden Menschen ist arbeitslos. Doch gibt es auch erwerbstätige Arme, die Working Poor. Nach Daten des Mikrozensus gelten 5,5 % aller Erwerbstätigen in Deutschland als arm. Besonders häufig von Armut trotz Arbeit betroffen sind Selbstständige. 8,7 % der Selbständigen gelten als arm.[80]

Studenten sind überdurchschnittlich oft von relativer Einkommensarmut betroffen. Da Studenten keine Sozialleistungen beziehen können, leben viele von ihnen unterhalb der offiziell festgelegten Armutsgrenze.[81] In Wohngemeinschaften lebende Studenten werden jeweils als Einpersonenhaushalt gezählt, solange jeder für sich selbst wirtschaftet. Dieser Umstand, wie auch die Zahl allein lebender Studenten, treibt den Anteil der von Armut betroffenen Einpersonenhaushalte in die Höhe (siehe Abbildung). Man geht davon aus, dass ohne Einbezug der Studenten die Zahl armer Einpersonenhaushalte sehr gering wäre.

Die Armut in Deutschland verfestigt sich. Hauptbetroffene verfestigter Armut seien laut einem Bericht des DIW nach wie vor Arbeiter, vor allem Arbeiterfamilien mit Migrationshintergrund oder mehreren Kindern. Armut entweder als Problem einer kulturell verwahrlosten Neuen Unterschicht zu deuten oder als kollektive Abstiegsbedrohung der gesamten Gesellschaft zu dramatisieren, gehe an der Realität vorbei.[82]

Die Bundeszentrale für politische Bildung fasst zusammen:

Durch hohe Armutsrisiken gefährdet sind insbesondere folgende Bevölkerungsgruppen: Schulabbrecher und beruflich gering qualifizierte Jugendliche und Erwachsene (häufig aus zugewanderten Familien); Familien mit Langzeitarbeitslosen; Schwangere; allein erziehende Frauen; junge Familien mit kleinen Kindern, Migranten- und kinderreiche Familien.[83]Kinder leben nach Angaben von UNICEF überdurchschnittlich oft in Armut. Je nachdem, welche Armutsgrenze man wählt leben zwischen 5,9 % und 14,2 % der Kinder in Armut.[84]
Armut in der BRD

Der Studie Kinderreport 2007 des Deutschen Kinderhilfswerks zufolge ist inzwischen jedes 6. Kind in Deutschland auf Sozialhilfe angewiesen. Damit leben Kinder deutlich häufiger als Erwachsene von der Sozialhilfe. Der Trend sei dramatisch, da sich jedes 10. Jahr die Zahl von Kindern in Armut in Deutschland verdoppele. 1965 war jedes 75. Kind unter sieben Jahren auf Sozialhilfe angewiesen, 2007 sei es jedes 6. Kind. Besonders betroffen seien Kinder aus Einwanderfamilien.[85]

Bundesland Anteil Kinder, die Sozialleistungen beziehen (Sozialgeld) Anteil Armer an der Gesamtbevölkerung (gemessen am Bezug von Sozialleistungen ALGII und Sozialgeld)
Bayern 6,6 % 3,9 %
Baden-Württemberg 7,2 % 4,1 %
Rheinland-Pfalz 9,9 % 5,5 %
Hessen 12,0 % 6,5 %
Niedersachen 13,5 % 7,6 %
Nordrhein-Westfalen 14,0 % 8,1 %
Saarland 14,0 % 7,4 %
Schleswig-Holstein 14,4 % 8,2 %
Hamburg 20,8 % 10,6 %
Thüringen 20,8 % 10,4 %
Brandenburg 21,5 % 12,0 %
Sachsen 22,8 % 11,8 %
Mecklenburg-Vorpommern 27,8 % 14,9 %
Sachsen-Anhalt 27,9 % 14,2 %
Bremen 28,1 % 13,8 %
Berlin 30,7 % 15,2 %
Stand: Juni 2005 [86],[87]

Es sind starke regionale Unterschiede festzustellen. So sind nach Forschungen der Ruhr-Uni Bochum im reichen Bayern nur 6,6 % der Kinder als arm zu bezeichnen, in Berlin hingegen 30,7 % (als Indikator für Armut galt der Bezug von Sozialgeld).[88] In den nördlichen und östlichen Bundesländern sind die Armutsquoten am höchsten.

(Anmerkung zur Tabelle: Unter Wissenschaftlern herrscht ein Streit darüber, ob der Bezug von Sozialleistungen ein guter Armutsindikator ist. Einige argumentieren, dass wer Soziallleistungen beziehe nicht mehr arm sei, da die Sozialleistungen das kulturelle Existenzminimum sichern würden. Die meisten Wissenschaftler schließen sich dieser Meinung nicht an)

Scheidungen und Trennungen erhöhen laut Ergebnissen eines Forschungsprojekt des Bundesfamilienministeriums das Armutsrisiko für beide Geschlechter; insbesondere nimmt die Armutsquote von Frauen im ersten Trennungsjahr einer Ehe drastisch zu.[89]

Siehe auch: Kinderarmut in den Industrieländern

Altersarmut

Im Gegensatz zur Entwicklung der Kinderarmut ist die Altersarmut in Deutschland rückläufig: von 13,3 Prozent 1998 auf 11,4 Prozent im Jahr 2003. Längerfristig wird hier ein Wiederanstieg erwartet, weil die derzeit vielen Arbeitslosen, Teilzeitbeschäftigten, Minijobber und Geringverdienenden geringere Renten bekommen werden und allgemein das Rentenniveau aller zukünftigen Rentner (und aller heutigen Arbeitnehmer) im Zuge der Rentenreform gesenkt wurde. Einer Studie zufolge, die das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) 2005 vorlegte, droht nahezu jedem dritten Bürger Verarmung im Alter. Grund sei neben der steigenden Lebenserwartung, die Reformen von 2001 und 2004, die das gesetzliche Rentenniveau um rund 18 Prozent sinken ließen und die fehlende Bereitschaft zu privater Altersvorsorge, die viele Bürger nicht zahlen wollen oder können (etwa 60 %). Der Sozialexperte des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Deutschland Ulrich Schneider äußerte im November 2006 seine Befürchtung: „Die Altersarmut wird deutlich zunehmen“.[90]

Die Grenze der Armutsgefährdung (s.o.) trifft nach den Ergebnissen der Studie Leben in Europa 2006 die Älteren (65 und plus) im früheren Bundesgebiet mit 14 Prozent überdurchschnittlich, in den neuen Ländern und Berlin dagegen lag die Armutsgefährdungsquote mit 9 % deutlich unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.[12]

Die Tabuisierung und die Begrifflichkeit „Sozial schwach“

Obschon die Armut in Deutschland steigt, wird sie selten als Armut benannt.[91] In den letzten Jahren wird stellvertretend der Begriff sozial schwach benutzt, zunehmend auch in der substantivierten Form Sozialschwache. Der Begriff ist schillernd, irreführend und lässt sich interpretieren, sowohl als Hinweis auf die schwache gesellschaftliche Stellung als auch auf einen Mangel an sozialer Kompetenz; im letzteren Fall – so eine Kritik – setzt dieser Begriff euphemistisch die Zuschreibung „asozial“ fort. Die Arbeiterwohlfahrt lehnt die Verwendung der Bezeichnung „sozial schwach“ ab, da es ihrer Auffassung nach einen Mangel an sozialer Kompetenz vortäusche. „Diese ‚sozial Schwachen‘“, so ihr Bundesvorsitzender Wilhelm Schmidt, „sind alles andere als sozial schwach. Von den meisten [finanzschwachen] Eltern wird eine nur schwer vorstellbare Stärke verlangt, ihre Situation täglich zu bewältigen und für ihre Kinder zu sorgen.“ In der Armuts- und Bildungsforschung wird dieser Begriff ebenfalls vermieden.

Ähnlich umstritten ist der Begriff „Unterschicht“ oder „Neue Unterschicht(siehe dort).

Schweiz

Trotz wirtschaftlichen Wachstums gibt es auch in der Schweiz Armut. 2005 waren rund 237.000 Personen auf staatliche Unterstützung angewiesen. Die Sozialhilfequote lag somit bei 3,3 Prozent. Auf dem Land war die Sozialhilfequote niedriger als in der Stadt. Das Sozialhilferisiko ist stark von der Familienform abhängig. Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche, die mit einem Elternteil oder in kinderreichen Familien aufwachsen. Kinder und Jugendliche sind besonders häufig arm. Sie sind unter den Sozialhilfe beziehenden Personen mit einem Anteil von 31 Prozent deutlich übervertreten. Ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt nur 21 Prozent. Überdurchschnittlich oft geraten allein Erziehende in Armut: Fast 17 Prozent der Haushalte mit nur einem Elternteil bezog 2005 Sozialhilfe.[92]

Österreich

Bewohner der Wiener Kanalisation um 1900, als es noch kein Sozialnetz gab.
Bewohner der Wiener Kanalisation um 1900, als es noch kein Sozialnetz gab.

Nach Angaben des Sozialministeriums („Bericht über die soziale Lage 2003–2004“) waren 2003 in Österreich über eine Million Menschen (13,2 Prozent der Bevölkerung) armutsgefährdet, das heißt, von Einkommensarmut betroffen. Im Jahr 2002 waren es noch 900.000 oder 12 Prozent, 1999 11 Prozent. Als Armutsgefährdungsschwelle gelten 60 Prozent des mittleren Einkommens (Medianeinkommen). Etwa jede/r Achte muss demnach mit weniger als 785 Euro monatlich auskommen.

Frauen sind (mit 14 Prozent) leicht überproportional armutsgefährdet.

Neben der Einkommensarmut als Indikator für die finanzielle Situation eines Haushalts wird in Österreich von „akuter Armut“ gesprochen, wenn zusätzlich zur finanziellen Benachteiligung gewisse Mängel oder Einschränkungen in grundlegenden Lebensbereichen auftreten (zum Beispiel Zahlungsrückstände bei Miete, oder wenn Heizung, Urlaub, neue Kleider, Essen, unerwartete Ausgaben nicht leistbar sind). Von akuter Armut waren 2003 467.000 Menschen (5,9 Prozent der Bevölkerung) betroffen. Im Jahr davor waren es noch 300.000 Menschen oder 4 Prozent. Nach einem Bericht der Armutskonferenz sind erstmals Daten über so genannte Working Poor verfügbar: in Österreich seien 57.000 Menschen (2003) von Armut trotz Arbeit betroffen. Des weiteren hängt der Grad der Armutsgefährdung von der Art des Beschäftigungsverhältnisses ab:

Teilzeitbeschäftigte mit bis zu 20 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit haben ein dreifaches, bei 21 bis 30 Stunden ein doppelt so hohes Risiko armutsgefährdet zu sein, als Personen, die zwischen 31 und 40 Stunden beschäftigt sind.

Des Weiteren kritisiert der Schattenbericht der Armutskonferenz zum 2. Nationalen Aktionsplan für soziale Eingliederung 2003–2005 der österreichischen Bundesregierung, dass Langzeitarbeitslose und Migranten und Migrantinnen in diesem Plan vollkommen fehlten.

Siehe auch: Leben im Wiener Untergrund

USA

Nach Angaben des Armutsberichts des Amts für Volkszählungen vom August 2005 ist in den USA die Zahl der Menschen mit Einkommen unterhalb der Armutsgrenze 2004 zum vierten Mal in Folge angestiegen. 12,7 Prozent der Bevölkerung oder 37 Millionen Menschen seien arm. Dies ist ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr von 0,2 Prozentpunkten. Der Anstieg sei vor allem auf den höheren Anteil von Weißen zurückzuführen. Als arm gilt eine vierköpfige Familie, wenn sie weniger als rund 19.310 Dollar im Jahr ausgeben kann. Für Alleinstehende liegt die Grenze bei etwa 9.650 Dollar.

Wie in allen Industrieländern sind Kinder in den USA die Gruppe, die am häufigsten arm ist. Jedoch hat die Kinderarmut in den USA eine abnehmende Tendenz.

Kinderarmutsrate verschiedener
ethnischer Gruppen in den USA
Jahr Insgesamt Afroamerikaner Hispanics
1996 20,5 % 39,9 % 40,3 %
2001 16,3 % 30,2 % 28,0 %
http://www.acf.hhs.gov/programs/ofa/annualreport5/chap09.htm

Schon seit den 1990er Jahren gibt es in den USA keine Sozialhilfe mehr, wie wir sie kennen. 1992 wurde die so genannte Family Cap in New Jersey eingeführt. Frauen, die schwanger werden, während sie staatliche Unterstützung bekommen, bekommen keine zusätzliche staatliche Unterstützung für das weitere Kind. Heute haben 22 Bundesstaaten der USA Family Caps.[93]

Der Personal Responsibility and Work Opportunity Act (PRWORA) von 1996 regelte die staatliche Sozialfürsorge neu und fasste bisherige Wohlfahrtsleistungen zu einem einzigen Programm, dem Temporary Assistance for Needy Families (TANF), zusammen und setzte enge Zeitgrenzen, insbesondere eine auf das Gesamtleben bezogene Maximalgrenze von fünf Jahren, für aus Bundesmitteln finanzierte Sozialhilfe .[94] Nach zweijährigem Bezug müssen Fürsorgeempfänger, um weiter Leistungen zu erhalten, mindestens 30 Wochenstunden Arbeitsdienst in öffentlichen Arbeitsprogrammen leisten .[95] Diese mit Arbeitsverpflichtung verknüpfte Sozialfürsorge wird auch als Workfare bezeichnet. Die Sozialleistungen können dabei, pro Stunde betrachtet, auch unter dem Mindestlohn liegen. Die Reform führte laut Kritikern zu einer Zunahme der Beschäftigungszahlen, jedoch nicht zu einer Zunahme der sozialen Mobilität. Viele andere ehemalige Sozialhilfeempfänger erweisen sich in den Worten des Ökonomen Paul Samuelson zudem als »nicht beschäftigungsfähig und schlechter dran ohne kontinuierliche Sozialhilfe«. Zu ihnen zählen vor allem wenig gebildete Niedriglohnarbeiter ohne Arbeitserfahrung, soziale Problemfälle, geistig Behinderte, Drogenabhängige. Für andere dagegen hat sich die Lage gebessert.[96]

Befürworter der Reformen weisen darauf hin, dass durch TANF und die Family Cap