
Assia Djebar (bürgerlich Fatima-Zohra Imalayène; * 30. Juni 1936 in Cherchell bei Algier) ist eine in französischer Sprache schreibende algerische Schriftstellerin, Regisseurin, Historikerin und Hochschullehrerin. Sie gilt als eine der renommiertesten Autorinnen aus dem Maghreb. Ihre Werke sind in mehr als 15 Sprachen übersetzt worden.
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Geboren wurde sie als Fatima-Zohra Imalayène in eine Großfamilie mit überwiegend traditionell arabischen Strukturen. Ihre Mutter entstammte jedoch einer Berberfamilie, ihr Vater war einer der wenigen einheimischen Lehrer an einer Grundschule der französischen Kolonialmacht und bezeichnete sich als Sozialist. Fatima-Zohra besuchte sowohl eine Koranschule als auch die Schule, an der ihr Vater unterrichtete. Anschließend konnte sie als eine von wenigen arabischen Schülerinnen ein französischsprachiges Gymnasium absolvieren.
Ihr Vater ermöglichte ihr auf der einen Seite den Erwerb von Bildung, ein Leben ohne Schleier und die Möglichkeit, sich relativ frei im öffentlichen Raum zu bewegen. Auf der anderen Seite unterband er jedoch strikt jeden Versuch, mit dem anderen Geschlecht Kontakt aufzunehmen. In ihrem Roman L’Amour, la fantasia (1985) beschreibt Djebar u.a. ihre Kindheit zwischen Tradition und Moderne unter der Herrschaft des französischen Kolonialismus.
1955 nahm sie das Studium der Geschichte in Paris auf und wurde die erste algerische Studentin an einer französischen Eliteuniversität, der École Normale Supérieure de Sèvres. Sie engagierte sich gemeinsam mit anderen algerischen Studenten im antikolonialistischen Kampf, nahm an einem Studentenstreik teil und musste die Universität deshalb nach zwei Jahren Studium verlassen.
Um ihre Familie nicht zu verletzen und zu gefährden, nahm sie - bevor sie 1957 ihren ersten Roman über die Situation von arabischen Frauen im damals noch besetzten Algerien veröffentlichte - den Namen Assia Djebar an.
1958 zog sie mit ihrem damaligen Ehemann, einem algerischen Freiheitskämpfer, ins Exil nach Tunesien, schloss dort ihr Studium ab und arbeitete als Journalistin für eine politische Zeitung.
Für kurze Zeit hatte sie anschließend an der Universität von Rabat (Marokko) einen Lehrauftrag, bevor sie nach der Unabhängigkeit 1962 an die Universität in Algier wechselte und dort Geschichte - insbesondere diejenige des Maghreb - und Theaterwissenschaften unterrichtete.
Nach ihrer Scheidung 1975 lehrte sie Theaterwissenschaft an der Universität in Algier. 1980 heiratete sie den algerischen Schriftsteller Malek Alloula. Das Ehepaar wohnte vorwiegend in Paris, besuchte aber häufig die algerische Heimat. Seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts mussten diese Besuche aus politischen Gründen unterbleiben.
In den siebziger Jahren verfasste Djebar keine Romane, hielt sich häufig in Algerien zu Recherchen auf, schuf zwei erfolgreiche Dokumentarfilme in arabischer und berberischer Sprache und arbeitete als Regisseurin und Regieassistentin in anderen Filmen.
Seit Anfang der 80er Jahre veröffentlicht sie wiederum Romane, Erzählungen und Essays, darunter ihr bisheriges Hauptwerk, die Algerische Tetralogie.
1979: Preis der internationalen Kritik auf der Biennale in Venedig für La Nouba des Femmes du Mont Chenoua. 1989 erhielt sie für ihr Werk Die Schattenkönigin den LiBeraturpreis. 1997 wird sie Trägerin des Prix Marguerite Yourcenar.
Assia Djebar wurde 1995 mit der Ehrendoktorwürde der Universität Wien ausgezeichnet. 1996 erhielt sie den Neustadt International Prize for Literature verliehen. 1997 bekam sie eine Professur an der Louisiana Staatsuniversität (USA). 1999 wurde sie Mitglied der Königlichen Belgischen Académie für französische Sprache und Literatur und erhielt die Médaille de Vermeil de la francophonie der Académie française. Im Jahr 2000 wurde ihr der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. Seit 2001 lehrt sie an der New York University.
Anlässlich der Frankfurter Buchmesse mit dem Schwerpunkt Arabische Literatur im Oktober 2004 fand eine Lesung mit Assia Djebar statt.
Am 16. Juni 2005 wurde Assia Djebar als erste Autorin oder Autor des Maghreb in die Académie française gewählt (Einnahme des Sitzes 22.6.).
Die Universität Osnabrück - Fachbereich: Sprach- und Literaturwissenschaft - verlieh ihr Ende Juni 2005 die Ehrendoktorwürde.
Schon mit 21 Jahren wurde sie 1957 mit ihrem ersten Roman La Soif in Frankreich berühmt. Sie beschreibt darin den Emanzipationsversuch einer jungen arabischen Frau in Algerien, kurz vor dem Unabhängigkeitskampf. Auch ihr zweites Buch befasst sich mit dem Streben nach Freiheit, dem Aufbegehren gegen die Grenzen der patriarchalischen Tradition. In den beiden folgenden Werken verknüpft sie Schicksale von Frauen, die im Schatten stehen, mit der algerisch - französischen Geschichte.
Die frühen Romane weisen eine kontinuierliche Erzählstruktur auf. Die Gefühle und Wünsche eines Teils von (vorwiegend intellektuellen) arabischen Frauen, die sich nicht selbst äußern konnten, werden thematisiert. Von Kritikern sah sich Assia Djebar mit dem Vorwurf konfrontiert, sie stelle die Geschlechterfrage in den Mittelpunkt ihrer Romane, anstatt sich vornehmlich mit dem Freiheitskampf des algerischen Volkes zu beschäftigen. Außerdem schreibe sie in der Sprache des Feindes.
Djebar setzte sich daraufhin intensiv mit der Sprache ihrer Literatur auseinander, die sie einerseits ansah als Medium der Kolonialisten, andererseits aber als Instrument zum Transport freiheitlicher, emanzipatorischer Ideen einer arabischen intellektuellen Frau.
Sie legte eine literarische Schaffenspause ein. Anfang der 70er Jahre studierte sie klassisches Arabisch. Ihre Dokumentarfilme in arabischer Sprache bezogen sich auf die Lebenswirklichkeit in Algerien. Hier lag ihr Schwerpunkt bei der Darstellung der Äußerungen vergessener algerischer Frauen, zum Teil mit berberischem Hintergrund.
Seit den 1980er Jahren publiziert Djebar erneut in französischer Sprache, benutzt jedoch häufig arabische oder berberische Wendungen. Auch ihr Rhythmus erinnert an das Arabische und Berberische. Sie ist sich des Problems bewusst, Gedanken und Gefühle beispielsweise von berberischen Frauen, die in einem Kontext ohne Schriftsprache stehen, über das Arabische ins Französische zu transportieren und dabei Unschärfen hinnehmen zu müssen.
Djebar, die mit ihren neuen Romanen weltweit bekannt geworden ist, wendet nun verfeinerte, partiell postmoderne Stilmittel an. Die stringente Erzählweise weicht einem gebrochenen fluiden bilderreichen Sprachduktus. Stimmen unterschiedlicher Protagonistinnen werden mit historischen Diskursen der Kolonialgeschichte und des Befreiungskampfes verknüpft. Auf diese Weise soll die erzwungene bleierne Stummheit der algerischen Frauen aufgehoben und das Schweigen über die Verbrechen des Kolonialsystems gebrochen werden. Die zahlreichen kulturellen und historischen Anspielungen, Quellen und Eigennamen, teilweise im Original in arabischer oder berberischer Sprache, sind für westliche Rezipienten nicht ohne weiteres verständlich, sodass ihren Büchern häufig ein Glossar angefügt ist. Hinzu kommt die besondere Problematik, ihre Werke durch Übersetzung in einer weiteren, der vierten, Sprache zugänglich zu machen.
Auch heute noch ist Assia Djebar als Autorin und intellektuelle Frau im nicht definierten Raum zwischen arabischer und westlicher Kultur umstritten. Auf der einen Seite ist sie eine renommierte, vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, die Leser im westlichen Kulturkreis und auch eine Minderheit in den arabischen Ländern, für die ihre Bücher erreichbar sind, mit ihren Werken berührt. Andererseits wird kritisiert, sie ordne sich westlichen Wert- und Kulturstandards unter, lehne bewährte Traditionen ab und diskreditiere damit ihre Herkunft.
Die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels wurde unter anderem mit den Worten begründet: Sie hat in ihrem Werk ein Zeichen der Hoffnung gesetzt für die demokratische Erneuerung Algeriens, für den inneren Frieden in ihrer Heimat und für die Verständigung zwischen den Kulturen. Den vielfältigen Wurzeln ihrer Kultur verpflichtet, hat Assia Djebar einen wichtigen Beitrag zu einem neuen Selbstbewusstsein der Frauen in der arabischen Welt geleistet. Assia Djebar widmete ihre Dankesrede unter dem Titel: Sprache des Exils – Sprache der Unbeugsamkeit -, drei in Algerien ermordeten Schriftstellern.
(alphabetisch geordnet und kommentiert)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Djebar, Assia |
| ALTERNATIVNAMEN | Imalayène, Fatima-Zohra |
| KURZBESCHREIBUNG | in französischer Sprache schreibende algerische Autorin, Regisseurin, Historikerin und Hochschullehrerin |
| GEBURTSDATUM | 30. Juni 1936 |
| GEBURTSORT | Cherchell, Algerien |
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