Bürgerkrieg in Sierra Leone


Bürgerkrieg in Sierra Leone

Karte von Sierra Leone
Datum 19912002
Ort Sierra Leone
Ausgang Sieg der Regierung
Konfliktparteien
Sierra LeoneSierra Leone Regierung von Sierra Leone
Sierra Leone Army
Kamajors
/ Südafrikanische Söldner (Executive Outcomes)
NigeriaNigeriaECOMOG-Kräfte unter der Führung von Nigeria
the United Kingdomthe United Kingdom Großbritannien
Revolutionary United Front
Armed Forces Revolutionary Council
West Side Boys
LiberiaLiberia Liberia
Befehlshaber
Ahmad Tejan Kabbah
Samuel Hinga Norman
Valentine Strasser
Solomon Musa
Tony Blair
Foday Sankoh
Johnny Paul Koroma
Foday Kallay
Charles Taylor

Der Bürgerkrieg in Sierra Leone dauerte von 1991 bis 2002. Hierbei kämpfte die Revolutionary United Front, geführt von Foday Sankoh und unterstützt von dem liberianischen Kriegsherrn und späteren Staatspräsidenten Charles Taylor, gegen die wechselnden Regierungen des Landes. Eine wesentliche Rolle in dem Konflikt spielten die Diamantenvorkommen Sierra Leones.

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund und Vorgeschichte

Diamantensuche in Sierra Leone
Diamantensuche in Sierra Leone

Sierra Leone ist reich an Diamanten. Seit der Unabhängigkeit 1961 befand sich die Macht in den Händen weniger, die exklusiv von dem Diamantenreichtum profitierten und die Bevölkerungsmehrheit kaum daran teilhaben ließen. Korruption und Misswirtschaft waren verbreitet, Sierra Leone zählte zu den ärmsten Ländern der Welt. Mehrere Militärputsche trugen weiter dazu bei, das Vertrauen in die Regierung zu verringern.

1989 brach im benachbarten Liberia der liberianische Bürgerkrieg aus, in dem verschiedene Kriegsparteien um Macht und um natürliche Ressourcen kämpften. Einer der Kriegsherren in Liberia, Charles Taylor, unterstützte ab 1991 den Sierra-Leoner Foday Sankoh und dessen Rebellenorganisation Revolutionary United Front (RUF) dabei, im Osten des Landes an der liberianischen Grenze einen bewaffneten Kampf gegen die Regierung zu beginnen. Wesentliches Motiv für Taylor war hierbei, über die RUF die Kontrolle über die sierraleonischen Diamantenminen zu erlangen und durch den Handel mit „Blutdiamanten“ seinen eigenen Krieg zu finanzieren.

Die RUF selbst kämpfte aus Unzufriedenheit mit der Regierung und aus Machthunger. Sie verfolgte das Ziel, die Regierung zu stürzen, doch machte sie nie wirklich deutlich, durch was für eine Regierung sie diese ersetzen wollte. Viele Kämpfer der RUF waren junge Männer ohne Perspektiven, die sich von den Rebellen anheuern ließen, oder auch Kindersoldaten, die verschleppt und zum Kämpfen gezwungen wurden.

Verlauf

1991–1995: Kriegsbeginn, Putsch und Einsatz von Executive Outcomes

Die reguläre sierraleonische Armee konnte der RUF zunächst wenig entgegensetzen, da sie geschwächt worden war, um keinen inneren Machtfaktor darzustellen und die Gefahr eines Militärputsches zu verringern. In der Folge konnten die Rebellen mehrere Städte und die Diamantenminen im Osten des Landes erobern. Die Einkünfte aus der Diamantengewinnung gingen nun an die RUF und an Charles Taylor, während die Regierung nahezu bankrott war. Die unterbezahlte Armee ging bald dazu über, ebenfalls Dörfer zu überfallen, zu plündern und Menschen – auch Kindersoldaten – zwangsweise zu rekrutieren.

Diamantenmine im Kono-Distrikt
Diamantenmine im Kono-Distrikt

1992 setzte eine Gruppe junger Offiziere unter Valentine Strasser den damaligen Präsidenten Joseph Saidu Momoh ab. Gründe für diesen Putsch waren die ausbleibende Bezahlung und die – aus Sicht der Putschisten – Unfähigkeit der Regierung, mit den Rebellen umzugehen. Die Kämpfe mit der RUF setzten sich fort. 1995 versuchte Strasser die private Sicherheits- und Militärfirma Gurkha Security Group zu engagieren. Nachdem sie bei einem Hinterhalt schwere Verluste erlitten hatte, zog sie sich jedoch schon bald aus Sierra Leone zurück. Daraufhin verpflichtete Strasser im April desselben Jahres ein anderes Unternehmen, Executive Outcomes (EO). In Ermangelung finanzieller Mittel sagte die Regierung EO Diamantenminen-Konzessionen in Koidu im Distrikt Kono zu.

Mit Hilfe von EO konnte die Regierungsarmee die RUF schnell zurückschlagen und die wichtigsten Devisenquellen, die Diamantenminen von Koidu, zurückerobern und die dortige Zivilbevölkerung befreien. Etwa 300.000 Flüchtlinge aus diesen Gebieten konnten zurückkehren. Weniger rohstoffreiche Gebiete wurden allerdings vernachlässigt, sodass die dortige Zivilbevölkerung den Übergriffen der RUF weiter ausgesetzt war.

1996: Weiterer Putsch und Wahlen

Am 16. Januar 1996 putschte sich der Verteidigungsminister und General Julius Maada Bio an die Macht. Es wird vermutet, dass EO hiervon wusste, aber nichts dagegen unternahm, weil sie Bio als verlässlicheren Geschäftspartner einschätzte. Unter Bio wurden im Februar die ersten freien Wahlen seit 1967 durchgeführt, Ahmad Tejan Kabbah wurde zum Präsidenten gewählt. Im November 1996 war die RUF schließlich gezwungen, in Abidjan ein Friedensabkommen mit der Regierung Kabbahs zu unterzeichnen. Als Bestandteil dieses Abkommens musste EO Sierra Leone verlassen.

ab 1997: Eingreifen der ECOWAS

Der Abzug von EO erwies sich als der einzige Teil des Friedensabkommens, der umgesetzt wurde. 97 Tage danach ergriffen im Mai 1997 Offiziere als Armed Forces Revolutionary Council unter Führung von Johnny Paul Koroma die Macht. Sie verbündeten sich mit der RUF und errichteten eine autoritäre Herrschaft. Die Verfassung wurde außer Kraft gesetzt, Demonstrationen und politische Parteien wurden verboten. Kabbah musste ins Exil nach Guinea ausweichen und ersuchte die internationale Gemeinschaft um Hilfe.

Truppen der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS und insbesondere Nigerias in Zusammenarbeit mit der britischen Söldnerorganisation Sandline International (die wiederum aus der schon einmal engagierten Executive Outcomes hervorgegangen war) griffen daraufhin im März 1998 in den Konflikt ein. Sie konnten die Putschisten aus der Landeshauptstadt Freetown vertreiben und die gewählte Regierung wieder einsetzen. Kabbah erhielt bei seiner Ankunft in Freetown einen freudigen Empfang durch die Bevölkerung. Ab Februar 1998 begann die RUF zunächst vor allem in der Kono-Region und bald im ganzen Land mit der sogenannten Operation No Living Thing („Operation Keinerlei Leben“), in deren Rahmen verstärkt Zivilisten getötet oder verstümmelt wurden, um sie für ihre angebliche Unterstützung der Regierung zu bestrafen.

Zur Unterstützung der Regierung blieben die ECOWAS-Truppen im Land; die Kämpfe zwischen Regierungsarmee, ECOWAS und Rebellen hielten an. Im Mai 1999 griffen Rebellen erneut Freetown an. Es kam zu wochenlangen Kämpfen in der Stadt, bei denen etwa 5.000 Menschen getötet und Zerstörungen angerichtet wurden, bis die ECOWAS wieder die Oberhand gewinnen konnte.

1999–2002: UNAMSIL und Kriegsende

Im Juli 1999 unterzeichneten RUF und Regierung in Lomé ein weiteres Friedensabkommen. Die Gewalt ging dennoch weiter, auch die UNAMSIL-Friedensmission der Vereinten Nationen konnte sie zunächst nicht unter Kontrolle bringen. Im Jahr 2000 verhafteten britische Soldaten RUF-Führer Foday Sankoh. Ab 2001 zeigte die UNAMSIL zunehmenden Erfolg, die Entwaffnung der Rebellen konnte beginnen.

Das offizielle Ende des Bürgerkrieges wurde am 18. Januar 2002 verkündet, zwei Tage nachdem die Errichtung des Sondergerichtshofs für Sierra Leone beschlossen worden war. Die Neuwahlen am 14. Mai desselben Jahres bestätigten Ahmad Tejan Kabbah mit 70,1 % der Stimmen in seinem Amt, während die zur Partei umgewandelte RUF keinen Parlamentssitz errang.

2005 lief die UNAMSIL-Mission aus und wurde durch die UNIOSIL ersetzt, die die sierraleonische Regierung dabei unterstützen soll, die Menschenrechte zu stärken, Wiederaufbau und Entwicklung voranzutreiben und die für 2007 vorgesehenen Wahlen vorzubereiten.

Folgen

Etwa 50.000 bis 200.000 Sierra-Leoner (anderen Angaben zufolge 20.000) kamen im Bürgerkrieg um, weitere wurden zu Binnenvertriebenen oder flohen in die benachbarten Länder.

Die RUF machte es sich zum Markenzeichen, bei Überfällen auf Dörfer Zivilisten die Gliedmaßen abzutrennen. Als Folge dieser Vorgehensweise gibt es etwa 20.000[1] Amputees im Land, die nur mit Schwierigkeiten ihren Lebensunterhalt bestreiten können und in vielen Fällen vergeblich auf die versprochene Unterstützung durch Regierung und internationale Organisationen warten. Viele Opfer von Folterungen und Vergewaltigungen sind aufgrund ihrer Erlebnisse traumatisiert. Des Weiteren gilt es, etwa 70.000 ehemalige Kämpfer, darunter viele Kindersoldaten, wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Der Sondergerichtshof für Sierra Leone soll die begangenen Kriegsverbrechen aufarbeiten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Foday Sankoh starb 2003 infolge eines Schlaganfalls in der Haft, ehe er verurteilt werden konnte. RUF-General Sam Bockarie und dessen Familie wurden 2003 in Liberia getötet; es wird vermutet, dass Charles Taylor dies anordnete, um zu verhindern, dass Bockarie ihn vor Gericht belasten würde. Taylor selbst wurde 2006 ausgeliefert und wird sich in Den Haag für seine Beteiligung am Bürgerkrieg verantworten müssen. Der Prozess gegen ihn wurde am 4. Juni 2007 eröffnet und wird voraussichtlich eineinhalb Jahre dauern.

Siehe auch

Quellen

  1. Medico International: Sierra Leone – Der Kampf um Gerechtigkeit: Die War Wounded and Amputees Association

Weblinks


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