
Bolschewismus war zunächst ein ideengeschichtlicher Begriff, mit dem die von Lenin geschaffene weltanschaulich-politische Lehre der Einheit von den Ideen der russischen Revolutionäre des 19. Jahrhunderts und eine voluntaristisch interpretierte Variante des Marxismus bezeichnet wurde.[1] In der politischen Philosophie entsprach der Bolschewismus dem Dialektischen Materialismus, in der ideologisch-politischen Bedeutung dem Marxismus-Leninismus.[1] Zunächst konkret von der radikalen Fraktion der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), den Bolschewiki, als Eigenbezeichnung benutzt, wurde in der Folge der Russischen Revolutionen von 1905 und 1922 das Bild vom „Bolschewismus“ vornehmlich von erklärten „Antibolschewisten“ geprägt und als Kampfbegriff gegen sämtliche Kommunistische Parteien in Europa verwendet. In Deutschland hefteten insbesondere die Nationalsozialisten dem Begriff ein antisemitisches Vorzeichen an, so dass in der Folge die Begriffe „Bolschewist“ und „Jude“ nahezu synonym verwendet wurden. Zur Popularität derartiger Gesinnungen hatte vor allem der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg beigetragen,[2] der die Revolution von 1917 in Moskau miterlebte und 1922 seine antisemitische Kampfschrift Pest in Russland veröffentlichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor der Bolschewismus im Rahmen des Ost-West-Konflikts als politisches Phänomen und auch der Begriff selbst im wachsenden Maße an Bedeutung.
Inhaltsverzeichnis |
Aus dem politisch-philosophischen Ansatz des Dialektischen Materialismus bildete sich bei einigen Anhängern von Lenin die revolutionär gesinnte, radikale Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) heraus. Alsbald bezeichneten sie ihre eigene politische Gesinnung als Bolschewismus. Den Kern der Ideologie bildeten Theorien und politische Programme zur Eroberung von herrschenden politischen Mächten durch ein klassenbewusste kämpferische Elite von Berufsrevolutionären und die Errichtung einer „Diktatur des Proletariats“, verbunden mit der sozialistischen Vorstellung und dem utopischen Ziel einer klassenlosen Gesellschaft.[1]
Die Anhänger Lenins, die einen baldigen Umsturz in Russland forderten, errangen auf dem zweiten Parteitag SDAPR in London, der 1903 stattfand, die Mehrheit (russisch Большинство; bolschinstwo), weswegen sie „Bolschewiki“ („Mehrheitler“) genannt wurden.[1] Die Minderheit (russisch меньщинство; menschinstwo), die auf Reformen setzten, wurden hingegen als „Menschewiki“ („Minderheitler“) bezeichnet.
Nach der Russischen Revolution entwickelte sich der Fraktionssname zu einem politischen Kampfbegriff, so beispielsweise in den politischen Gesinnungen gegen den Leninismus. Die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) beharrte allerdings auf den Begriff Bolschewismus als Eigenbezeichnung. Ihr Parteiname trug noch bis 1952 den Zusatz „Bolschewiki“.[1]
Das Bild vom „Bolschewismus“ wurde sowohl in der Weimarer Republik als auch in der Zeit des Nationalsozialismus vorwiegend von erklärten antikommunistischen Gegnern geprägt. Mit Startfinanzierung der Deutschen Bank und Friedrich Naumann hat der frühe Nationalsozialist Eduard Stadtler die Antibolschewistische Liga 1918/19 gegründet.[3] Mit der Gründung des 500 Millionen Reichsmark schweren Antibolschewismusfonds der deutschen Unternehmerschaft nach Stadtlers Vortrag Bolschewismus als Weltgefahr am 10.Januar 1919 vor den Spitzenvertretern der deutschen Wirtschaft flossen reichlich Gelder für die „Freikorps“ genannten Privatarmeen, die die Rätebewegung in ganz Deutschland mit Gewalt bekämpfte und auslöschte. Durch diesen Fonds wurden jegliche antisozialistische, völkische Gruppierungen finanziert und auch die frühen nationalsozialistischen Bewegungen und Parteien. Letztlich sollte auch die Zerschlagung der UdSSR die große antibolschewistische Tat sein. Stadtler und die Kapitalvertreter befürchteten, der Kommunismus könnte sich ohne diese Gewalt und ohne nationalsozialistische Gegenpropaganda in ganz Westeuropa und der Welt ausbreiten.
Bereits in der Entstehungsphase der NSDAP in der Weimarer Republik wurde der Ausdruck Bolschewismus von Nationalsozialisten unter einem antisemitischen Vorzeichen interpretiert. So hieß es in einem 1918 veröffentlichten und von Anton Drexler unterzeichneten Flugblatt, dass der Bolschewismus „jüdischer Betrug“ sei.[4] Alfred Rosenberg, der ebenfalls von Beginn an Mitglied in der NSDAP sowie gläubiger Antisemit war, später dann zum Chefideologen dieser Partei avancierte, meinte unter seinem Eindruck der Russischen Revolution ebenfalls, dass ein Kampf gegen den „Bolschewismus“ geführt werden müsse. Hierzu, so zunächst sein Eindruck im Jahre 1918, sei allein Großbritannien in der Lage.[5] Nur ein Jahr später, im Jahre 1919, suchte Rosenberg - wie er viele Jahre später schrieb - Dietrich Eckart auf, weil er „irgendwie über den Bolschewismus und die Judenfrage zu schreiben“ wünschte.[6] Beide waren 1919 Gäste der Thule-Gesellschaft.[7] Rosenbergs erste Veröffentlichungen im Völkischen Beobachter galten den Themen Zionismus und „jüdischer Bolschewismus“.[8] Unter dem programmatischen Titel Der jüdische Bolschewismus schrieb Rosenberg 1921 für Eckarts Schrift Die Totengräber die Einleitung, wobei er herausstellte, dass unter den russischen Revolutionären auch Juden in prominenter Position dabei gewesen seien.[9] Rosenberg hatte es zeitlebens nicht zur Kenntnis genommen, dass sich die allermeisten der von ihm herausgestellten Personen nicht zu ihrem Judentum bekannt haben und darüber hinaus den stalinistischen Säuberungsexzessen zum Opfer fielen.[9]
Zur Popularisierung und Verbreitung antibolschewistischer Gesinnungen in Verbindung mit rassischen Glaubensvorstellungen trug die 1922 von Alfred Rosenberg veröffentlichte Schrift Pest in Russland bei. Die Schrift trägt den Untertitel Der Bolschewismus, seine Häupter, Handlanger und Opfer. Auch aufgrund des Mangels an Zitaten stellte Walter Laqueur 1965 fest, dass in diesem Buch „gelehrte Hinweise in auffälliger Weise fehlen“.[10] Zudem hätte Rosenberg, so Laqueur, im Rahmen der „Dämonologie“ dieses Buches, das er insgesamt mit 75 Fotografien illustrierte, „den Juden“ einen „hervorragenden Platz“ eingeräumt.[10] Aufgrund seiner Wunschhaltung der Germanisierung der Sowjetunion und der damit verbundenen Furcht, bezüglich seiner Erstveröffentlichung missverstanden zu werden, ließ Rosenberg in den 1930er Jahren das Buch neu veröffentlichen,[11] wobei er in dieser Buchversion ganze Textpassagen strich oder kürzte.[12] An Rosenbergs grundsätzlicher Haltung hatte sich bis dahin allerdings nichts geändert. Entsprechend seiner rassenideologischen Ansicht äußerte er in dem Buch seinen Glauben, dass „der Bolschewismus“, „die Juden“ und „das Judentum“ bestrebt seien, „die Germanen“ und den „germanischen Geist“ zu unterdrücken. Daraus folgerte er am Ende seiner Schrift die politische Parole, dass es deswegen nur „die eine Wahl“ geben würde, nämlich „Vernichtung oder - Sieg!“[12] Indem Rosenberg nach 1933 zum Chefideologen der NSDAP wurde und Adolf Hitler ebenfalls seine Ansichten über den so genannten „Weltbolschewismus“ teilte,[13] verbreitete sich bei den Nationalsozialisten im wachsenden Maße die imaginierte Auffassung,[14] dass angesichts der existentiellen „Bedrohung“ durch den „Weltbolschewismus“ bzw. dem „Weltjudentum“, die „Vernichtung“ von jüdischen Menschen zu rechtfertigen sei. Mit dieser Auffassung trugen sowohl Hitler als auch Rosenberg dazu bei, dass sich ein geistiger Nährboden für die systematische Ermordung von Juden in Europa gebildet hatte.[12] Zwar wurde der Antisemitismus in Deutschland ebenso offen postuliert (z.B. stand der Satz „Die Juden sind unser Unglück“ überall in den Schaukästen des Stürmers), der Ausdruck „jüdisch-bolschewistisch“ hatte sich allerdings vor allem durch Alfred Rosenberg im Laufe der Zeit zu einem unauflöslichen Doppelepitheton im Sprachschatz der NS-Propaganda etabliert.[15]
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 wurde das Bild vom „bedrohlichen Weltbolschewismus“ in besonderem Maß verbreitet. Damit einher ging die Ernennung von Alfred Rosenberg zum Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung der NSDAP (DBFU) und die Einrichtung von politischen Institutionen, wie zunächst dem Außenpolitisches Amt (APA) von Rosenberg, dessen Ziel vor allem der Kampf gegen den so genannten „Weltbolschewismus“ war.[16] Aufgrund eines Vorschlags von Robert Ley hatte Hitler am 21. Januar 1934 Rosenberg den Titel des DBFU und den damit verbundenen Auftrag zur Verbreitung seiner politischen Ideologie verliehen. In dieser Position hatte er unter anderen über Hundertschaften von Mitarbeitern Verbindungen zu Universitäten und zum Wissenschaftsbetrieb geknüpft, ebenso zur Wehrmacht. Unliebsame Wissenschaftler wurden in ihrer Tätigkeit massiv eingeschränkt oder aus ihren Ämtern gedrängt. Gleichzeitig förderte er zahlreiche Publikationen der Schriften von regimetreuen Mitarbeitern, die sich seiner Rassenideologie gegenüber verpflichtet hatten. Über verschiedene Verbindungsleute hatte er direkt Einfluss auf die nationalsozialistische Bildung und rassenideologische Erziehung von Kindern und Jugendlichen genommen, so z.B. über den Leiter des Nationalsozialistischen Lehrerbundes, Fritz Wächter, mit dem er im Oktober 1938 eine „Reichsschule der NSDAP“ bei Bayreuth als Dachverband dieses Lehrerverbundes gegründet hatte. Dieser Lehrerbund hatte bis zur Gründung der Reichsschule bereits 150 000 Erzieher und Erzieherinnen ausgebildet. Eine der wichtigsten Verbindungsmänner zur Hitlerjugend war Arthur Axmann. Und noch während des Zweiten Weltkriegs wurden von ihm Soldaten mit Hunderttausenden von ausgewählten Büchern versorgt, insbesondere mit rassenideologischen und antibolschewistischen Schriften sowie mit Gewalt verherrlichender Literatur.[17]
Noch vor dem deutschen Angriffskrieg gegen die Sowjetunion, wurde Rosenberg am 20. April 1941 von Hitler geheim beauftragt, die zentralen Fragen des „Ostraumes“ zu bearbeiten.[18] Verbunden war mit diesem Auftrag die Einrichtung von Rosenbergs Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO). Sowohl Hitler als auch Rosenberg führten hinsichtlich ihrer Rassenideologien primär keinen Kampf gegen „die Russen“, sondern gegen den von ihnen wahrgenommenen „Weltbolschewismus“, also gegen das „Judentum“.[19] Das Feindbild „jüdischer Bolschewismus“ war das Leitthema, unter dem die gesamte Propaganda während des Ostkrieges stand.[20] Unmittelbar nach dem Angriff wurden vom RMfdbO die beiden Reichskommissariate Ostland und Ukraine mit eigenständigen Zivil- und Militärverwaltungen eingerichtet. Ziel der Zivilverwaltungen war es, den „Bolschewismus“ in den besetzten Gebieten vollständig auszurotten und diejenigen, die als „Germanen“ definiert wurden, vor der angeblichen „bolschewistischen Gefahr“ zu schützen.[21]
Seit den späten 1940er Jahren wurde der Begriff Bolschewismus von anglo-amerikanische Politikern als Sammelbegiff für die Ideologie des Leninismus bzw. Marxismus-Leninismus, oder allgemeiner Kommunismus, verwendet. In der Nachkriegszeit nahm die Häufigkeit der Verwendung des Begriffs „Bolschewismus“ im politischen Diskurs zunehmend ab. Statt dessen geriet der allgemeine Begriff „Kommunismus“ immer stärker in den Vordergrund. Im Rahmen des beidseitig ideologisierten Ost-West-Konflikts wurde das Bild vom „Kommunismus“, ähnlich dem Bild vom „Bolschewismus“ vor 1945, in der Nachkriegszeit in einem starken Maße vom Antikommunismus mitgeprägt.[22]
Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts im Jahre 1990 wurde auch der bis dahin politisch verfolgte interne Anspruch innerhalb der KPdSU als ein richtungsweisendes Vorbild aller Formen des Kommunismus hinfällig.[1] Seitdem ist der Bolschewismus als politisches Phänomen in der internationalen Politik bedeutungslos geworden.
Why are we here?
All text is available under the terms of the GNU Free Documentation License
This page is cache of Wikipedia. History