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Dieser Artikel befasst sich mit einer Art von Studentenverbindung. Weitere Bedeutungen des Wortes finden Sie unter Burschenschaft (Begriffsklärung). |
Burschenschaften (abgekürzt „B!“) sind eine tradierte Form einer Studentenverbindung. Fast alle Burschenschaften bekennen sich zur Herkunft aus der Urburschenschaft von 1815. Dabei ist der inhaltliche Bezug eher verschwommen, die Bezeichnung „Burschenschaft“ wird heute von teilweise sehr unterschiedlichen Studentenverbindungen verwendet.
Obwohl sich nur circa 300 der insgesamt 1500 bis 2200 studentischen Verbindungen im deutschen Sprachraum „Burschenschaft“ nennen, wird der Begriff in der Öffentlichkeit fälschlicherweise oft als Überbegriff für alle Studentenverbindungen verwendet. Die meisten studentischen Korporationen jenseits der Burschenschaften haben historisch allerdings keine Verbindung zu deren Ursprung und besitzen auch heutzutage eine andere Ausrichtung. Da insbesondere die Mitgliedsbünde des größten burschenschaftlichen Dachverbandes Deutsche Burschenschaft aus ihrem historischen Verständnis heraus politisch tätig sind, gelten traditionsorientierte Studentenverbindungen in der öffentlichen Wahrnehmung heute oft als politisch rechtsgerichtet oder gar rechtsradikal.[1]
Das Wort „Burschenschaft“ bedeutet so viel wie „Gesamtheit der Burschen“. Das Wort Bursche leitet sich wiederum aus dem neulateinischen Bursarius, dem Bewohner einer Burse, ab und war im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts eine allgemeine Bezeichnung für Studenten. So gibt es aus dieser Zeit Belege, in denen das Wort „Burschenschaft“ gleichbedeutend mit dem Wort Studentenschaft verwendet wird. Dies war noch auf dem Wartburgfest 1817, zwei Jahre nach der Gründung der Urburschenschaft in Jena, der Fall. Diese Urburschenschaft betrachtete sich als ein Zusammenschluss aller Studenten unter Aufhebung der damals üblichen landsmannschaftlichen Zusammenschlüsse. Erst später, als klar wurde, dass sich dieser allgemeine Anspruch nicht durchsetzen ließ, wurde „Burschenschaft“ zu einer Bezeichnung für einen bestimmten Typus von Studentenverbindungen, der neben verschiedenen anderen existierte.
Die Mitglieder einer Burschenschaft heißen Burschenschafter. Die häufig benutzte Fremdbezeichung „Burschenschaftler“ mit einem „l“ ist falsch. Von der Burschenschaft gegenüber negativ eingestellten Studenten werden sie oft abwertend als „Burschis“ bezeichnet, von anderen Korporierten salopp auch als Buxen.
Siehe auch: Geschichte der Studentenverbindungen
Die Burschenschaften entstanden nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon, die die studentische Kultur Deutschlands entscheidend prägten. Historiker schätzen, dass etwa 20 bis 50 Prozent der Studenten an diesen Kriegen teilnahmen.[2] Zwar konnten nur etwa fünf Prozent der Gesamtzahl der Kriegsfreiwilligen als Studenten gelten, aber keine gesellschaftliche Gruppe hatte einen so hohen Anteil an Freiwilligen. Viele Studenten hatten unter anderem im Lützowschen Freikorps mitgekämpft, das sich nicht nur aus preußischen Untertanen sondern aus Freiwilligen aus ganz Deutschland rekrutierte. Aus den Befreiungskriegen an die Universitäten zurückgekehrt, setzten sie sich danach in der Zeit der Restauration und des Wiener Kongresses für die Abschaffung der deutschen Kleinstaaterei und die Schaffung eines gesamtdeutschen Reiches unter einer konstitutionellen Monarchie ein.
Die am 12. Juni 1815 in Jena gegründete Urburschenschaft bestand aus Gruppen mit nationalen, christlichen und freiheitlichen Ideen. Zu ihren geistigen Wegbereitern gehörten u.a. Ernst Moritz Arndt, „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn und Philosophen wie Johann Gottlieb Fichte. Sie forderte mit den Werten Ehre, Freiheit, Vaterland staatsbürgerliche Verantwortung, ethnische Solidarität und individuelle Freiheitsrechte zugleich ein. Möglich war diese Synthese verschiedener Elemente durch den elitären Ansatz, der in erster Linie die Pflicht des Einzelnen, für das Ganze einzutreten, betonte.
In der Verfassungsurkunde der Jenaischen Burschenschaft vom 12. Juni 1815 heißt es:
Der vaterländische Gedanke war eine Idee, für die sich sehr viele Studenten begeistern konnten. Um diese Gesinnung der ganzen Welt mitzuteilen, wurde am 17. Oktober 1817 auf der Wartburg bei Eisenach ein Burschenfest gefeiert, an dem über 500 Burschen aus ganz Deutschland teilnahmen. Das Festdatum war bewusst gewählt, um der Reformation Martin Luthers (1517) und zugleich des Sieges über Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813) zu gedenken.
Hier wurde vor allem das Ziel der Zusammenführung der Studentenschaft in eine einheitliche Organisation durchformuliert, um damit die Einheit Deutschlands im universitären Bereich vorwegzunehmen. So zitierte die Zeitschrift Isis oder Encyclopädische Zeitung im Jahre 1817 einige Redner auf dem Wartburgfest:
Nach weiteren emotionalisierenden Festreden forderte Hans Ferdinand Maßmann eine Bücherverbrennung von Schriften, die als reaktionär, antinational oder undeutsch galten. Es wurden unter anderem Werke des August von Kotzebue (galt als pro-russisch), August Friedrich Wilhelm Crome (galt als pro-französisch), Karl Leberecht Immermann, der Code Napoléon sowie die „Germanomanie” des jüdischen Schriftstellers Saul Ascher den Flammen übergeben. Letzterer hatte sich in seinem Werk über das beginnende „Deutschlandgefühl“ abfällig geäußert. Auf Grund des hohen Wertes von Büchern wurden jedoch nur mit deren Titeln beschriftete Makulaturbündel verbrannt. Dies war zu jener Zeit nichts außergewöhnliches, doch wurden auch Symbole der französischen und der Fürstenherrschaft, wie ein Schnürleib, ein Zopf und ein Korporalstock verbrannt, was nach der damaligen Auffassung die eigentliche Sensation war.
Die Versammlung auf der Wartburg 1817 formulierte und beschloss dann gemeinsame Grundsätze und Ziele, um allen deutschen Burschenschaften ein gemeinsames politisches Programm zu geben:
Das Programm griff also wesentliche liberale Ideen der französischen Revolution auf und bettete sie in eine „vaterländische“ und „wehrhafte“ Monarchie. Die bürgerlichen Rechte finden sich heute in allen europäischen Verfassungen, auch dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.
Im folgenden Jahr kam es an vielen Universitäten zur Gründung von Burschenschaften, die diese Grundsätze vertraten. Diese verstanden sich anfangs nicht als Vielzahl unabhängiger Burschenschaften, sondern als Teil einer einzigen großen Burschenschaft, die die gesamte Studentenschaft umfassen und alle bisher bestehenden Studentenverbindungen ablösen sollte: der „Allgemeinen deutschen Burschenschaft“.
Die Vereinigung wurde letztlich nicht erreicht, da sich die Bewegung gleichzeitig zu ihrer Ausbreitung stark diversifizierte und die überwiegende Zahl der Corps weiterhin an ihren alten Traditionen festhielt. So gab es – zumindest an den großen Universitäten – weiterhin mehrere Corps und jetzt auch mehrere Burschenschaften.
Wenig später beschloss die Burschenschaft, keine Juden aufzunehmen, da diese ein eigenes Volk im Volk seien und kein Vaterland hätten. Später, nach Abkehr vom christlichen Glauben und Aufspaltung in germanische und arminische Linie, wurde der Beschluss 1827 durch Änderung des Grundsatzes der „christlich-deutschen“ Ausbildung in „deutsche Ausbildung“ fallengelassen, und bis zum Burschentag 1896 konnten jüdische Deutsche Mitglieder in Burschenschaften werden.[4]
Heinrich Heine studierte zwischen 1819 und 1825 Jura in Bonn, Göttingen und Berlin. In seiner Göttinger Studienzeit war er Mitglied einer Studentenverbindung, die sich später zum Corps Hildeso-Guestphalia formierte. Schon 1820 äußerte er sich sehr kritisch über das Wartburgfest und seine Göttinger Erfahrungen:
Allerdings waren Heines Betrachtungen und Reflexionen durch seine eigenen, dem frühen deutschen Nationalbewusstsein abgeneigten Ansichten geprägt. Zudem handelt es sich um seine persönliche Einzelmeinung, der andere positive Erfahrungsberichte aus dem 19. Jahrhundert gegenüberstehen. Interessant ist jedoch, dass wie Heine viele Corpsstudenten jener Zeit der Burschenschaft offenbar äußerst kritisch gegenüberstanden.
1819 ermordete der Theologie-Student und Burschenschafter Karl Ludwig Sand den Schriftsteller und angeblichen russischen Agenten August von Kotzebue, dessen Werk „Geschichte des deutschen Reichs“ schon beim Wartburgfest verbrannt worden war. Sand war in der Burschenschaft Anhänger des besonders radikalen Flügels der „Unbedingten“. Sein Attentat bot den zum Bundestag in Karlsbad versammelten Regierungen des Deutschen Bundes einen willkommenen Anlass, strenge Verbote jeder studentischen Organisierung zu beschließen.
Diese als Karlsbader Beschlüsse bekannt gewordenen Verbote gingen maßgeblich auf den Einfluss des reaktionären österreichischen Staatskanzlers Fürst Metternich zurück. Ihretwegen waren viele Burschenschafter in den nächsten Jahren staatlicher Beobachtung und Verfolgung ausgesetzt. In den Beschlüssen wurde festgelegt, dass für jede Universität ein „landesherrlicher Bevollmächtigter“ zu ernennen sei, der vor Ort genau kontrollierte, ob die Professoren den Studenten politisch unliebsame Ideen vermittelten. Wichtigstes Gremium wurde die Mainzer Zentraluntersuchungskommission, der jede Auffälligkeit zu melden war. Missliebige Professoren konnten von der Universität verwiesen werden und erhielten im ganzen Deutschen Bund Berufsverbot.
In weiterer Folge kehrte die Burschenschaft dem christlichen Prinzip den Rücken und lehnte sich im Geheimen, um Anerkennung zu gewinnen, den alten Corps an und übernahm deren Mensurstandpunkt (die Urburschenschaft war noch nichtschlagend und lehnte die Mensur ab). Gleichzeitig zersplitterte sie zum einen in eine radikal-republikanisch und nationale Linie („Germania“) und zum anderen in eine hochschulpolitisch freidenkerisch-liberale Linie („Arminia“). Noch heute sind die Bezeichnungen Germania und Arminia die häufigsten Burschenschaftsnamen und an vielen Universitäten anzutreffen. Diese beiden Namen stammen häufig noch von der ursprünglichen Ausrichtung der Verbindung, auch wenn von ihnen heute in der Regel kein Rückschluss mehr auf die aktuelle politische Ausrichtung gezogen werden kann.
Nach der Julirevolution in Paris 1830 gewann die Demokratiebewegung in Deutschland wieder an Fahrt. Nach und nach wurden auch die Verbote in vielen deutschen Staaten wieder gelockert. Auf dem Hambacher Fest 1832 wurden die Farben der Burschenschaft Schwarz-Rot-Gold erstmals auch von Nicht-Studenten verwendet und wurden schließlich zum Symbol des deutschen Strebens nach Einheit und Demokratie. 1848 wurden sie darum zu Farben des Deutschen Bundes und später zur Staatsflagge der Weimarer Republik, der Bundesrepublik Deutschland und auch der DDR.
Es waren vor allem Burschenschafter der germanischen Richtung aus Heidelberg und Würzburg, die im Jahre 1833 den Frankfurter Wachensturm organisierten, durch den Waffen und die Kasse des Deutschen Bundes erobert werden sollten, was zur Auslösung eines bewaffneten Volksaufstandes hätte führen sollen. Das Scheitern dieser Aktion, bei der es neun Tote und 24 Verletzte unter den Aufständischen gab, stellte einen schweren Rückschlag für die burschenschaftliche Bewegung dar. Nur wenige Burschenschaften überstanden die nun wieder rigoros angewandten Verbote der immer noch gültigen Karlsbader Beschlüsse. Die Gründungsdaten der meisten heute noch existierenden Burschenschaften liegen daher nach diesem Datum.
Der Bundestag setzte eine Untersuchungskommission ein, die jahrelange, ausgedehnte Nachforschungen nach den Verschwörern und ihren Hintermännern anstellte. Bis 1838 schrieb diese mehr als 1.800 Personen − zu etwa zwei Dritteln Burschenschafter − zur Fahndung aus. Nicht wenige Burschenschafter verließen als sogenannte Dreißiger Deutschland und flohen nach Nordamerika. Wegen Hochverrats wurden schließlich 39 Personen zum Tode verurteilt, später jedoch zu − zum Teil lebenslänglichen − Haftstrafen begnadigt.
Am 10. Januar 1837 gelang es sechs der zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilten Burschenschafter mit Hilfe von außen, dem Gefängnis zu entfliehen. Die Sympathie der Bevölkerung war auf ihrer Seite. Gegen die Suchmaßnahmen der Behörden wurde Spottverse gedichtet, die noch heute in studentischen Liederbüchern stehen und regelmäßig gesungen werden.
Das Lied Die freie Republik wurde unter anderem auch von Hannes Wader interpretiert und auf Tonträgern veröffentlicht (siehe: Hannes Wader: Volkssänger).
Nach dem Scheitern des Frankfurter Wachensturms gewann die Progress-Bewegung auch innerhalb der Burschenschaft an Anhängern. Ziele dieser liberalen Fortschrittsbewegung in der Studentenschaft waren die Gleichheit aller Studenten durch Aufhebung der Privilegien der Studentenverbindungen und die Aufhebung der akademischen Privilegien gegenüber der Bürgerschaft. Mitte der 1840er Jahre radikalisierte sich diese Bewegung und forderte die Abschaffung der überlieferten studentischen Traditionen und Sonderstellungen. Letztendlich wurden diese Ziele nicht erreicht. Für die burschenschaftliche Bewegung bedeutete der Progress aber eine weitere Diversifizierung durch zahlreiche Spaltungen und Neugründungen.
Die Burschenschaften waren eine treibende Kraft der Revolution von 1848. Infolge der Einrichtung der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, deren erster Präsident Heinrich von Gagern Burschenschafter war, wurden die Karlsbader Verbote endgültig aufgehoben. Die ehemals verfolgten und in den Untergrund getriebenden Organisationen verwandelten sich nun in Vereine der akademischen Elite. Burschenschaften und alle Arten von Studentenverbindungen schossen in den folgenden Jahren wie Pilze aus dem Boden.
Nach dem Scheitern der Revolution mussten erneut zahlreiche Burschenschafter Deutschland verlassen und emigrierten als Teil der sogenannten Forty-Eighters vor allem in die USA (unter anderem der spätere US-Innenminister Carl Schurz) aber auch nach Australien und Südamerika.
Nach der Aufhebung der Karlsbader Beschlüsse wurde immer wieder der Versuch gestartet, einen burschenschaftlichen Dachverband zu gründen. Kurzfristig bestehende Dachverbände waren die Allgemeine Burschenschaft (gegründet 1850), der Eisenacher Burschenbund (1864), die Eisenacher Konvention (1870) und der Eisenacher Deputierten-Convent (1874), die aber nie eine Mehrheit der Burschenschaften in sich vereinigen konnten und sich jeweils nach wenigen Jahren wieder auflösten.
Anlässlich des 100. Geburtstag von Friedrich Schiller kam es 1859 zu den ersten offiziellen Gründungen von Burschenschaften in Österreich. Zuvor hatte Metternich dort ein Koalitionsverbot mit effizienten Unterdrückungsmethoden durchsetzen können. Erst nach der verlorenen Schlacht von Solferino musste Kaiser Franz Joseph II. Zugeständnisse an die Bürger unter anderem in Form von liberaleren Vereinsgesetzen machen. Bis 1849 hatten in Österreich-Ungarn noch die mittelalterlichen Nationes existiert, nach der Revolution hatte nach deren Verbot ein zehnjähriges Vakuum geherrscht. Dies wurde nun durch eine Gründungswelle studentischer Korporationen kompensiert. In Österreich entstanden also Burschenschaften, Corps, neue Landsmannschaften und katholische Verbindungen nicht nacheinander und aus unterschiedlichen Beweggründen, sondern gleichzeitig und parallel in den Jahren 1859−64. Die Burschenschaft hatte im Vielvölkerstaat jedoch mit nationalen Identitätsproblemen zu kämpfen und begann sich in Österreich-Ungarn verstärkt in Richtung Deutschnationalismus zu entwickeln.
Die katholische Kirche sah in den Burschenschaften und anderen Korporationen zunehmend eine Gefahr für die Sittlichkeit und den Glauben und ahndete die Mensur mit der Exkommunikation. Daraufhin kam es – vor allem im preußisch-protestantisch dominierten Deutschland – zur Unterdrückung katholischer Studenten durch andere Korporationen, weswegen auf Initiative der Kirche und einzelner Pfarrer nach und nach katholische Studentenverbindungen gegründet wurden, die sich, ohne die Ideologie der Burschenschaft zu teilen, fast genau deren Aussehen und Brauchtum gaben. CV und KV entstanden, teilweise wird das bis heute insbesondere in Österreich von Burschenschaftern als Affront verstanden.
Nach der Einigung des Reiches 1871 sahen die Burschenschaften im deutschen − anders als im österreichisch-ungarischen − Kaiserreich ihr wichtigstes Ziel, nämlich den Zusammenschluss der deutschen Länder und Staaten, als erreicht an. In dieser Zeit glichen sich alle Studentenverbindungen nach dem Vorbild der Corps untereinander an. Für die Burschenschaften hieß das vor allem, dass Duelle zur Pflicht wurden. Bisher hatten die Burschenschaften zumindest theoretisch Duelle abgelehnt. Aus der revolutionären Bewegung wurde eine staatstragende Organisation. Der Kampf für Einheit und Freiheit verflachte zu bloßem Nationalismus. Das politische Spektrum blieb aber dennoch sehr breit und reichte von radikal-demokratischen über national-konservative bis zu völkisch-antisemitisch eingestellten Gruppen.
Anders in Österreich: Massive chauvinistische, nationalistische und antisemitische Propaganda drohte immer wieder zur Sprengung des Vielvölkerstaates zu führen. Deutschnationale und radikal antisemitische Politiker wie der Burschenschafter Georg von Schönerer polemisierten gegen das supranationalistisch-katholisch eingestellte Kaiserhaus der Habsburger für einen alldeutschen Zusammenschluss. Antisemitische und antislawische Positionen übten einen großen Einfluss auch auf christlich-soziale Politiker wie Karl Lueger aus.
1881 wird in Eisenach von zunächst ausschließlich reichsdeutschen Burschenschaften der Allgemeine Deputierten Convent gegründet, der sich ab 1902 Deutsche Burschenschaft nennt. 1883 entsteht als Gegenbewegung der Allgemeine Deutsche Burschenbund (ADB), der Dachverband der sogenannten Reformburschenschaften.
1896 wird in Santiago de Chile von den Nachfahren deutscher Einwanderer die erste von heute fünf Burschenschaften in Chile gegründet.
Obgleich die Verfassung der Weimarer Republik große Teile der burschenschaftlich geprägten Paulskirchenverfassung übernommen hatte, waren viele junge Burschenschafter monarchistisch eingestellt (Konservative Revolution), während die meisten Alten Herren die neue Staatsform befürworteten. Der Antisemitismus nahm auch innerhalb der Deutschen Burschenschaft zu und führte zu dem Beschluss, keine Juden mehr als Mitglieder aufzunehmen. Auf der anderen Seite waren Burschenschafter in vielen wichtigen Positionen tätig. Der bekannteste Burschenschafter war der Reichskanzler und Außenminister Gustav Stresemann (B! Suevia Leipzig), einer der Wegbereiter der deutsch-französischen Freundschaft und Friedensnobelpreisträger.
Zu Adolf Hitlers Machtergreifung verhielten sich Burschenschafter nicht einheitlich. So wurde sie, wie von großen Teilen der Bevölkerung, auch von einem großen Teil der Burschenschafter, welche mitunter führende Ämter einnahmen, begeistert begrüßt, während andere vereinzelt sogar im Widerstand aktiv waren (z. B. Hermann Kaiser).
Die Deutsche Burschenschaft als Dachverband hatte sogar noch vor Hitlers Machtergreifung „den Nationalsozialismus als wesentlichen Teil der völkischen Freiheitsbewegung“ per Beschluss auf dem Burschentag von 1932 „bejaht“, in demselben Beschluss aber dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) das Vertrauen versagt. [5]
Noch im selben Jahr wurde die in Opposition zum NSDStB stehende „Hochschulpolitische Arbeitsgemeinschaft studentischer Verbände“ (Hopoag) gegründet, die aber schon im April 1933 von den neuen Machthabern aufgelöst wurde.
Nach der Machtergreifung fanden in Deutschland Bücherverbrennungen statt, bei welchen sich die nationalsozialistischen Veranstalter auf die Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest beriefen. [6]
Ab 1934 wurden alle Studentenverbindungen und -verbände im Rahmen der Gleichschaltung immer stärker unter Druck gesetzt, um sie dem NSDStB, der als einzige Großorganisation etabliert werden sollte, einzugliedern. Dazu wurden zahlreiche Korporationsverbände zunächst zwangsfusioniert. So ging der ADB 1934 in der DB auf. Gegen diese der Burschenschaft von außen aufgezwungenen Veränderungen regte sich Widerstand: Noch im selben Jahr gründeten aus der DB ausgetretene und ausgeschlossene Burschenschaften die Alte Burschenschaft, die sich allerdings schon 1935 wieder auflösen musste.
Viele Burschenschaften entzogen sich der Umwandlung in eine NS-Kameradschaft, indem sie sich vorher selbst auflösten. Andere führten ihre Traditionen verdeckt innerhalb der Kameradschaften fort.
Nachdem die Nationalsozialisten alle offen agierenden Studentenverbindungen verboten hatten und ihre Mitglieder in Kameradschaften innerhalb des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes eingegliedert hatten, wurde das klassische Verbindungsleben nach 1945 nur in den westlichen Besatzungszonen, der späteren Bundesrepublik, und in Österreich, nicht aber auf dem Boden der DDR wiederbelebt. Da die sowjetische Verwaltung signalisierte, dass sie kein Verbindungsleben auf dem Territorium der sowjetischen Besatzungszone dulden würde, versuchten dort ansässige Verbindungsstrukturen, möglichst viel an Material und historischen Erinnerungsstücken in den Westen zu schaffen und an einer Universität in der entstehenden Bundesrepublik eine neue Existenz aufzubauen. Berliner Verbindungen verlegten ihren Sitz an die neugegründete Freie Universität Berlin oder an die Technische Universität Berlin im Westteil der Stadt. Die im Westen wiedergegründeten Verbindungen hielten mit den „Alten Herren“ in der DDR aus Sicherheitsgründen nur auf sehr diskrete Weise Kontakt. Die kommunistische Führung der DDR wertete die Burschenschaften negativ als konservativ-reaktionäre Vereinigungen. So verschwand die verbindungsstudentische Kultur auf dem Gebiet der DDR aus dem Bewusstsein der Bevölkerung. Eine Ersatzfunktion übernahmen später DDR-Studentenverbindungen. Erst nach der politischen Wende von 1990 konnten sich Burschenschaften auch wieder in den neuen Bundesländern betätigen.
Der größte Teil der Burschenschaften ist heute in den Korporationsverbänden Deutsche Burschenschaft (DB) und Neue Deutsche Burschenschaft (NeueDB) organisiert. Viele Burschenschaften in Österreich gehören − zum Teil zusätzlich zur Mitgliedschaft in der DB − den Dachverbänden Deutsche Burschenschaft in Österreich (DBÖ) oder Conservativer Delegierten Convent der fachstudentischen Burschenschaften in Österreich (CDC) an. Daneben gibt es noch verschiedene andere Dachverbände, die vollständig oder teilweise aus Burschenschaften bestehen.
Die Deutsche Burschenschaft sieht sich in der patriotischen Traditionslinie der Urburschenschaft und vereint Verbindungen aus der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Österreich.
Die DB stellt ihren Mitgliedsbünden seit dem Historischen Kompromiss von 1971 die Pflichtmensur frei und nimmt seitdem im Gegenzug dafür auch wieder Burschenschaften aus Österreich auf. Nach wie vor gilt der volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff, der den deutschen Sprach- und Kulturraum und damit die „deutsche Kulturnation“ bzw. das „deutsche Volkstum“ umfasst.
In Österreich bestehen die Deutsche Burschenschaft in Österreich (DBÖ), deren Mitgliedsbünde überwiegend zugleich auch der DB angehören, und der Conservative Delegierten Convent der fachstudentischen Burschenschaften in Österreich (CDC). Beide Verbände sind pflichtschlagend und vertreten ähnliche Programme wie die DB.
Der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) gehören heute 42 Burschenschaften aus der DB, der DBÖ und dem CDC an. Sie ist damit der größte burschenschaftliche Interessenverband unterhalb der Verbandsebene. Ursprüngliches Ziel der BG war es, Burschenschaften aus Österreich den Beitritt in die DB zu ermöglichen. Die BG wurde 1961 auf dem Haus der Münchener Burschenschaft Cimbria gegründet, nachdem ein Antrag auf eine Fusion der DB mit der DBÖ auf dem Burschentag nicht die nötige Mehrheit der bundesdeutschen Burschenschaften gefunden hatte. Dieses Ziel wurde 1971 schließlich durch den historischen Kompromiss erreicht.
Die BG kann über die drei wesentlichen führenden Organe der DB Einfluss auf die gesamte Organisation nehmen. Da zum Beispiel für Neuaufnahmen Zwei-Drittel-Mehrheiten benötigt werden, hat sie eine Art Vetofunktion und somit großen Einfluss. Die BG tritt dafür ein, in der DB das Prinzip der Pflichtmensur wieder einzuführen. Da sie sich auch der Historie verschrieben hat, beziehen sich viele kritische politische Diskussionen auf vergangene Ereignisse, wie die Vertreibungen aus den ehemaligen Ostgebieten des vormaligen Deutschen Reiches und auf die Anerkennung/ Nichtanerkennung von Gebietsabtretungen, zumal die Heimatvertriebenen darüber nicht abstimmen durften. Eine Sperrminorität unter den DB-Burschenschaften lehnte in diesem Zusammenhang allerdings bislang eine Verschärfung der Mensurverpflichtungen und politisch des Volkstumsbegriffes ab.
Im selben Kontext sind die „weißen” Burschenschaften zu nennen, die politisch als bürgerlich-konservativ gelten. Einige von ihnen bilden, ähnlich der BG, eine kartellähnliche Interessengemeinschaft innerhalb der DB, den Ring Weißer Burschenschaften, und sind alle pflichtschlagend.
Burschenschaften, die anderen Dachverbänden angehören oder dachverbandsfrei sind, vertreten oftmals liberalere politische Programme oder sind gänzlich unpolitisch. Alle sind farbentragend, das waffenstudentische Prinzip reicht allerdings von nichtschlagend bis pflichtschlagend.
Daneben gibt es viele dachverbandsfreie Burschenschaften, die meist aus einem Dachverband ausgetreten sind. Sie sind oft weltanschaulich unabhängig und aufgrund ihrer Vielfältigkeit schwer mit den Mitgliedsbünden der großen burschenschaftlichen Dachverbände zu vergleichen. Einige dachverbandsfreie Burschenschaften nehmen heute auch Frauen oder Nichtakademiker auf.
Siehe auch: Liste der Burschenschaften und Liste der Dachverbände von Studentenverbindungen
Zur Kritik an Studentenverbindungen im allgemeinen siehe dort.
Ein häufiger Kritikpunkt ist das elitäre Gesellschaftsverständnis der Burschenschaften. In diversen Publikationen (siehe auch: Burschi-Reader), bei Veranstaltungen und Demonstrationen werden die Traditionen der Burschenschaften und anderer Verbindungen zudem oftmals als rechtsradikal bezeichnet.
Günther Beckstein, selbst Alter Herr einer musischen Studentenverbindung, kritisierte 2001 als bayerischer Innenminister, Rechtsextremisten versuchten, in akademischen Burschenschaften und über diese an den Hochschulen Einfluss zu gewinnen. Bayern sehe daher nicht weg, wenn Rechtsextremisten Kontakte mit Burschenschaften pflegten oder gar versuchten, akademische Verbindungen zu unterwandern.
Burschenschaften in Österreich wird allgemein ein starker Bezug zum deutschnationalen Lager vorgeworfen. Der Wiener Rechtsextremismusforscher Heribert Schiedel spricht von einer zentralen Bedeutung der Burschenschaften „an der Schnittstelle zwischen Rechtsextremismus, legalem Deutschnationalismus und (Neo-)Nazismus“.[7] Die Verteidiger der Burschenschaften halten dem meist entgegen, dass die Burschenschaften in ihrer Geschichte auf eine demokratische Kontinuität zurückblicken könnten, die sie auch heute noch weiterführten.
Die Burschenschaftliche Gemeinschaft wird politisch häufig am rechten Rand der Studentenverbindungen eingeordnet. Einzelne Burschenschaften der BG werden im Jahreslagebericht Rechtsextremismus des österreichischen Innenministeriums für die Jahre 1994, 1999 und 2000 erwähnt,[8] sowie in dessen Verfassungsschutzbericht 1998, 2001 und 2002.[9][10][11] Die Verfassungsschutzinformationen des Bayerisches Staatsministerium des Innern erwähnen sie 2001 und 2002.[12][13]
In einem offenen Brief an Egon Bahr, der einen Vortrag bei einer Burschenschaft gehalten hatte, kritisierten die Jusos 2005: „Burschenschaften behandeln Menschen ungleich, Frauen werden oft wegen ihres Geschlechts strukturell benachteiligt. Für viele Burschenschaften sind rassische Kriterien, Nationalität, sexuelle Orientierung, Religion oder die Wehrdienstverweigerung Ausschlusskriterien für eine Aufnahme. (...) Wir halten es für nicht akzeptabel, wenn Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten durch Reden vor Burschenschaften daran mitwirken, dass Burschenschaften an Einfluss gewinnen und ihr elitäres und undemokratisches Weltbild salonfähig wird.“
Innerhalb der SPD wurde zunächst an einem Unvereinbarkeitsbeschluss gearbeitet, in dem Parteimitgliedern die Mitgliedschaft aufgekündigt wird, wenn sie Mitglied einer Verbindung sind, welche der Dachorganisationen Deutsche Burschenschaft, Coburger Convent, Neue Deutsche Burschenschaft oder Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen zugeordnet sind. Ausschluss drohte auch Mitgliedern aus Verbindungen, welche sich nicht „klar von geschichtsrevisionistischen Meinungen abgrenzen“, „Ungleichbehandlung von Mann und Frau“ betreiben oder „Randgruppen“ (Ausländer, Homosexuelle, Wehrdienstverweigerer usw.) diskriminieren. Nach Protesten verschiedener studentischer Verbände und dem Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA) gegen diesen Antrag stellte die Projektgruppe Rechtsextremismus, die vom SPD-Parteivorstand mit der Vorbereitung des Beschlusses „Burschenschaften und SPD“ beauftragt worden war, im November 2005 klar, dass sich der zu fassende Beschluss ausschließlich auf Burschenschaften beziehen soll, die Mitglied des Dachverbandes Deutsche Burschenschaft seien.
Der Parteivorstand der SPD fällte schließlich am 16. Januar 2006 seine Entscheidung: Er distanzierte sich, schloss aber eine generelle Unvereinbarkeit aus. Auf einen förmlichen Unvereinbarkeitsbeschluss wurde verzichtet, weil dies keine Prüfung des jeweiligen Einzelfalls ermöglicht hätte, zudem einige der genannten Dachverbände sich gegen die aus ihrer Sicht erfolgte Verleumdung juristisch gewehrt hätten.
Ein Abgrenzungsbeschluss des Vorstandes sollte klarstellen, dass gegen die Grundsätze der Partei und gegen die Beschlüsse der Parteiorganisation handele, wer sich in einer Mitgliedsburschenschaft der DB engagiere und sich nicht ausdrücklich persönlich von rechten Umtrieben distanziere. Soweit der Partei durch dieses Parteimitglied und dessen Mitgliedschaft schwerer politischer Schaden entstünde, sollten die Schiedskommissionen als Ergebnis eines rechtsstaatlichen Parteiordnungsverfahrens auch Ausschlüsse aus der SPD verhängen können. Andere Studentenverbindungen bzw. ihre Dachverbände wären von diesem Beschluss nicht betroffen gewesen.
Am 27. März 2006 konkretisierten Präsidium und Vorstand der SPD ihre Haltung gegenüber der DB und beschlossen, dass nur die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft der Burschenschaftlichen Gemeinschaft nicht mit einer Mitgliedschaft in der SPD vereinbar sei. Der Parteirat hat diesen Beschluss am 24. April bestätigt. Einen ersten Prozess um den Ausschluss eines Burschenschafters hat die SPD allerdings bereits rechtskräftig verloren [14].
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte es bei der SPD bereits einen generellen Unvereinbarkeitsbeschluss gegeben, der aber nach Gesprächen mit den studentischen Verbänden in den 1960er Jahren aufgegeben wurde, da die SPD sich im Rahmen ihres Godesberger Programms mehr zur politischen Mitte hin öffnen wollte. Ein Ausschluss der Korporierten hätte damals beispielsweise auch für die Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf und Georg Diederichs gegolten, ebenso für den späteren Minister Dieter Haack. In Nordrhein-Westfalen wäre von einem neuen generellen Unvereinbarkeitsbeschluss unter anderem der frühere Landesminister und SPD-Fraktionsvorsitzende Friedhelm Farthmann betroffen gewesen.
Siehe auch: Kategorie: Burschenschafter
Allgemeines:
Zur Geschichte der Deutschen Burschenschaft:
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