Die Christliche Soziallehre ist die Sammelbezeichnung für die katholischen, evangelischen und orthodoxen Soziallehren. Je nach Gesichts- und Standpunkt werden dafür auch andere Bezeichnungen verwendet: Christliche Gesellschaftslehre, Christliche Gesellschaftsethik, Christliche Gesellschaftswissenschaft, Christliche Sozialethik, Christliche Sozialwissenschaft usw. Diese alternativen Bezeichnungen stehen wieder unter ökumenischem Vorbehalt, d.h. es gibt diese Bezeichnungen jeweils auch in katholischer, evangelischer und orthodoxer Version. Dabei haben die einzelnen Konfessionen und deren Vertreter des Fachgebiets unterschiedliche Präferenzen. So sprechen Katholiken mehrheitlich von Soziallehre, evangelische Christen mehrheitlich von Sozialethik.
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Die katholische Soziallehre geht vom Grundgedanken eines Ordo Socialis (“Soziale Ordnung”) aus, also einer vernünftigen Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Je mehr die Rechts- und Marktordnung an diese Prinzipien angenähert werden, umso mehr entspricht die politische oder wirtschaftliche Realität dem prinzipiell erreichbaren Ideal sozialer und individueller Gerechtigkeit. Die katholische Kirche hat zu allen Zeiten bestimmte Tugenden für das Zusammenleben der Menschen gelehrt. Darin findet sich auch der Ursprung der Doktrin von "gottgewollten Ordnung" (im Blick auf das Ancien regime aus der Zeit vor 1789 in Misskredit geraten).
Die neuere Soziallehre kam mit der Enzyklika "Rerum novarum" von Papst Leo XIII. 1891 zum Durchbruch, v.a. unter dem Eindruck der unübersehbar negativen Auswirkungen der industriellen Revolution und der Verstädterung für die soziale Lage der Arbeiterschaft (Soziale Frage).
Die Sozialethik ergibt sich - unter praktischer Anwendung theologischer Vorgaben - aus den vom kirchlichen Lehramt erarbeiteten Prinzipien der Personalität, des Gemeinwohls, der Solidarität und der Subsidiarität. Zur Gesamtschau der Lehrschriften der römisch-katholischen Kirche treten die Päpstlichen Lehrschreiben hinzu, die so genannten Sozialenzykliken:
Papst Pius XII. (1939-1958) widmete der Soziallehre zwar keine eigene Enzyklika, traf jedoch bedeutende Entscheidungen (Hinwendung zur Demokratie, 1944) und hielt zahlreiche sozialethische Ansprachen (sog. "Soziale Summe" Pius XII.). Papst Paul VI. veröffentlichte zwar nur die Enzyklika von 1967, mit der er die Soziallehre in die Dimension der Globalisierung hob, verfasste jedoch 1971 noch den Apostolischen Brief Octogesima Adveniens und etliche kürzere Stellungnahmen zu sozialen und politischen Fragen. Insbesondere führte Paul VI. ein, dass der Neujahrstag in der katholischen Kirche seit 1968 zugleich als Hochfest der Gottesmutter Maria und als Weltfriedenstag gefeiert wird.
Die wohl größte Aufmerksamkeit erzielte die Friedensenzyklika "Pacem in terris" von Papst Johannes XXIII. im Jahre 1963.
Wie das heutige Lehramt (bestätigt durch Benedikt XVI.) argumentieren einige Vertreter der Moraltheologie mit den Begriffen Vernunft und Naturrecht. Sie verfolgen einen intrinsischen Ansatz, indem sie von Setzungen von innerhalb des christlichen Glaubens ausgehen und so Ethik betreiben. Ein Vertreter dieser Richtung ist z.B. Eberhard Schockenhoff.
Eine weitere Linie der christlichen Sozialethik (z.B. Franz Furger, Dietmar Mieth) versucht, diese im Dialog mit philosophischen Konzepten und den Humanwissenschaften zu entwickeln. Denn auch theologische Ethik müsse nach diesem Ansatz argumentativ zu nicht-theologischen Ethikkonzepten konkurrenzfähig und rezipierbar sein. Von Seiten des Lehramts wurde diese Linie bislang jedoch kaum rezipiert.
Prinzipien der katholischen Soziallehre sind traditionell Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität, deren Auslegung im Einzelfall stets größere Anstrengung erfordert als im politischen Alltagsgeschäft häufig zugebilligt wird. Von Personalität und der Gerechtigkeit wird man ebenso sprechen können. Hinzu kommen heute die Prinzipien der Nachhaltigkeit und der Option für die Armen, die ebenfalls in die Soziallehre integriert wurden. Über die Grenzen der Kirche hinaus wird der katholischen Soziallehre zugebilligt, dass sie sich überhaupt mit der ganzen Bandbreite des Zusammenlebens der Menschen unter übergeordneter Perspektive abmüht, sich also weder auf prophetische Agitation noch auf kurzfristige Tagesparolen einlässt. Daher wurden die "Väter" der katholische Soziallehre von diversen politischen Richtungen gern zitiert, z.B. der namhafte Jesuit Oswald von Nell-Breuning.
Wegen der in Deutschland geringer werdenden faktischen Relevanz des katholischen Bevölkerungssegments wird die katholische Soziallehre inzwischen aber weniger beachtet als in der unmittelbaren Nachkriegszeit der Bundesrepublik (1949-1969). In der Schweiz hat die katholische Sozialdoktrin keine nennenswerte Bedeutung gehabt, da dort die calvinistische Arbeitsethik und das Leistungsprinzip dominieren; in Österreich führten unangenehme Erinnerungen an den Austrofaschismus vor 1938, der fälschlich zum katholischen Modellstaat ausgerufen wurde, zu Vorbehalten.
Im südafrikanischen Raum ist der katholischen Soziallehre wieder eine neue Rolle zugewachsen: Durch einen breiten gemeinschaftlichen Prozess für ein "Neues Zimbabwe" wird die ethische Instanz des Staates in der diktatorischen Herrschaft von Robert Mugabe in Zimbabwe in Frage gestellt und die Staatspartei in eine neue Art von Auseinandersetzung gezwungen.
Die evangelische Sozialethik bzw. Soziallehre kennt kein kirchliches Lehramt im katholischen Sinn. So ergibt sich aus den gemeinsamen Stellungnahmen zu gesellschaftlichen und politischen Fragen von evangelischen Christen aus deren Glauben heraus dezentral und deskriptiv ein Substrat an gemeinsamen Prinzipien und Aussagen, die die evangelische Soziallehre bilden.
Die ev. Theologie hält eine Soziallehre aber nicht mehr mit Hinweis auf die Fortwirkung der Ursünde in allen gesellschaftlichen Sphären für unmöglich. Sie hat also sowohl ihren Quietismus als auch das Bündnis von Thron und Altar verlassen. Vor dem Ende des 1. Weltkriegs galt der Protestantismus in Deutschland nämlich als strikt monarchistisch, also in diesem Sinne als politisch ungefährlich.
Der Begründer des Christlichen Sozialismus in Deutschland war der evangelische Theologe Christoph Blumhardt (1842-1919).
Die orthodoxe Soziallehre ist in der Vergangenheit im Gegensatz zur katholischen Soziallehre und evangelischen Sozialethik weitaus weniger entwickelt worden, tritt aber insbesondere seit dem Zusammenbruch des Kommunismus stärker in den Vordergrund (vgl. den Text der Moskauer Bischofssynode "Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche" aus dem Jahr 2000).
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