Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens


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Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens
Die Flagge der Deutschsprachigen Gemeinschaft
Basisdaten
Verwaltungszentrum: Eupen
Ministerpräsident: Karl-Heinz Lambertz
Fläche: 854 km²
Einwohner: 72.521 Einw. (1. Januar 2005)
Bevölkerungsdichte: 84,9 Einw./km²
Feiertag: 15. November
Website: www.dglive.be
Karte
Lage der Deutschsprachige Gemeinschaft

Die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens (DG) ist mit rund 73.000 Einwohnern mehrheitlich deutsch sprechender Staatsbürger die kleinste der drei Gemeinschaften in Belgien. Sie entstand zunächst als Kulturgemeinschaft im Zuge der Föderalisierung des zuvor zentral regierten Staates. Inzwischen hat sie den Status einer Gebietskörperschaft und umfasst das Territorium von neun Gemeinden im Osten der Region Wallonie an der Grenze nach Deutschland. In der Föderalismusforschung wird die DG mit Regierung und einem Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft dem Typus des Kleingliedstaats zugerechnet.

Ostbelgien

Inhaltsverzeichnis


Geografische Lage

Das Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft grenzt im Norden an das Dreiländereck Belgien-Deutschland-Niederlande, im Osten an die Bundesrepublik Deutschland und im Süden an das Großherzogtum Luxemburg.

Innerhalb Belgiens übt die Deutschsprachige Gemeinschaft ihre Kompetenzen auf dem sogenannten „deutschen Sprachgebiet“ aus. Das deutsche Sprachgebiet besteht aus den folgenden neun Gemeinden:

Die neun deutschsprachigen Gemeinden


Die Gemeinden Malmedy und Weismes (frz. „Waimes“) gehören zur Französischen Gemeinschaft und fallen dementsprechend nicht ins Hoheitsgebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Gelegentlich werden die neun deutschsprachigen Gemeinden und die beiden Gemeinden Malmedy und Weismes auf Grund der gemeinsamen Vergangenheit jedoch als „Ostbelgien“, „Ostkantone“, „Eupen–Malmedy–St.-Vith“ oder als „Eupen–Malmedy“ bezeichnet.

Das Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft befindet sich ebenfalls vollständig in der Provinz Lüttich und in der Wallonischen Region. Innerhalb der Europäischen Union gehört die DG sowohl der „Euregio-Maas-Rhein“-Region an als auch der Großregion Luxemburg, Wallonie, Rheinland-Pfalz, Saarland, Lothringen an.

Bevölkerung

Demografie

Der dichter besiedelte Norden (Eupen)

Am 1. Januar 2005 zählt die Deutschsprachige Gemeinschaft genau 72.521 Einwohner (84,9 Einw./km²). 60 % der Bevölkerung leben im Kanton Eupen (Norden), 40 % im Kanton St. Vith (Süden). Allerdings ist die Bevölkerungsdichte in den Kantonen Eupen und St. Vith sehr unterschiedlich:

  • Kanton Eupen: 190,4 Einw./km²
  • Kanton St. Vith: 46,3 Einw./km²

Von den etwa 72.500 Einwohnern sind 18,4 % ausländischer (überwiegend deutscher) Herkunft. 89 % der Ausländer leben im Kanton Eupen.

In der Deutschsprachigen Gemeinschaft gibt es etwa 21.000 Berufstätige. Die Arbeitslosenquote ist mit 8,3 % eine der niedrigsten in ganz Wallonien. [1]

Sprache

Die Einwohner verwenden weitgehend die hochdeutsche Standardsprache in den Verwaltungen, Schulen, im Kirchenleben und in den Sozialbeziehungen. Daneben werden auch verschiedene Dialekte gesprochen:

Die wichtigste Bevölkerungsminderheit, vorwiegend in den nördlichen Gemeinden Kelmis, Lontzen und Eupen, spricht Französisch.

Religion

In der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist die Bevölkerung weitgehend römisch-katholischen Glaubens. Das Gebiet gliedert sich in drei Dekanate mit 32 Pfarreien, die zum Bistum Lüttich gehören. Daneben besteht eine kleine protestantische Gemeinde.

Geschichte (Überblick)

Das Gebiet gehörte bis ins 12. Jahrhundert zum Herzogtum Limburg, fiel nach der Schlacht von Worringen an Brabant. Im 15. Jahrhundert fiel es durch Heirat an die Herzöge von Burgund, dann an die spanischen und 1713, nach dem Frieden von Utrecht, an die österreichischen Habsburger. Von 1794 bis 1815 gehörte es zum französischen Département Ourthe.

Nach dem Wiener Kongress 1815 gehörte es zum Königreich Preußen, und Deutsch wurde zur Amtssprache. Im Zuge der Reichsgründung 1871 wurde das Gebiet als Teil Preußens auch Teil des Deutschen Kaiserreichs. Nach dem Friedens-Vertrag von Versailles wurden die „Kreise Eupen-Malmedy“ 1920 als Ostkantone an Belgien abgetreten und bis 1925 durch den General Herman Baltia kommissarisch verwaltet.

Dann wurde in Eupen und Malmedy eine Volksabstimmung durchgeführt, in der es um die Frage ging, ob die Region permanent von Deutschland abgetrennt werden und zu Belgien gehören sollte.

Allerdings war diese Abstimmung nicht wie vertraglich bestimmt geheim, vielmehr wurden Name und Anschrift jedes Wählers erhoben. Es kann davon ausgegangen werden, dass das Ergebnis der Abstimmung massiv durch die Furcht vor Ausweisung oder anderen Repressalien seitens der Baltia-Verwaltung beeinflusst wurde. Da die ersten Protestierer unter großen Druck kamen (Ausweisung, Ausschluss vom Geldumtausch und bei der Verteilung von Lebensmittelkarten, Entlassung u.a.), wagten nur 271 der 33.726 Wahlberechtigten ihre Eintragung.

Nach einer 5-jährigen Übergangszeit unter der Regierung des königlichen Hochkommissars General Herman Baltia wurde das Gebiet um Eupen, Malmedy, St. Vith und Neutral-Moresnet (Kelmis) 1925 in den belgischen Staatsverband eingegliedert. Während der Zeit von 1918 bis 1925 unterlagen die ostbelgischen Medien der Zensur. Seit 1925 versuchte die deutsche Regierung, eine Rückgabe des Gebietes zu erreichen, was am französischen Druck auf Belgien, das einer Revision nicht abgeneigt war, scheiterte.

Zu dieser Zeit entstanden pro-Deutsche politische Organisationen wie die Heimattreue Front oder die Christliche Volkspartei.

In der Folge wurde die Kreise Eupen und Malmedy, am 6. März 1925 in Belgien einverleibt. Bis Ende der 1920er Jahre liefen Verhandlungen zwischen Belgien und der Regierung der Weimarer Republik, das Gebiet an Deutschland gegen eine Entschädigungssumme von 300 Millionen Goldfranken zurückzuverkaufen, dies scheiterte hauptsächlich am Widerstand der französischen Regierung, während die anderen Unterzeichnermächte des Versailler Vertrages ihre Zustimmung auf diplomatischem Wege kundgetan hatten. Die Gespräche wurden daraufhin abgebrochen.

Nach dem deutschen Überfall auf Belgien wurde das Gebiet am 18. Mai 1940 annektiert. Rund 8.800 Männer aus den Ostkantonen kämpften während des Zweiten Weltkrieges in der Wehrmacht. Im September 1944 erkämpften sich die amerikanischen Truppen den Weg nach Deutschland; nach dem Krieg wurde das Gebiet wieder dem belgischen Staat zugeordnet. 1945 folgte eine offizielle Entnazifizierung (Säuberung), die zur Aberkennung der Bürgerrechte und anderen Sanktionen führen konnte.

Als Folge der Sprachgesetzgebung von 1963 wurde Belgien in drei Sprachgemeinschaften aufgeteilt; dies wurden 1970 umgesetzt und somit konnte der Rat der deutschen Kulturgemeinschaft (RdK) als direkter Vorläufer des Rates der Deutschsprachigen Gemeinschaft (RDG), der seit dem Jahr 2004 Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft (PDG) heißt, eingesetzt werden.

Politik und Institutionen

Kompetenzen

Zum einen besitzt die Deutschsprachige Gemeinschaft die Befugnis für die kulturellen Angelegenheiten, die personenbezogenen Angelegenheiten, das Unterrichtswesen, die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinschaften und die internationale Zusammenarbeit in den erwähnten Angelegenheiten sowie die Regulierung des Gebrauches der Sprachen für den Unterricht in den von den öffentlichen Behörden geschaffenen, bezuschussten oder anerkannten Einrichtungen. [2]

Zum anderen steht ihr die Möglichkeit zu, gewisse Kompetenzen der Wallonischen Region selbst auf ihrem Gebiet auszuüben. Aus diesem Grunde ist die Deutschsprachige Gemeinschaft ebenfalls kompetent für den Denkmal- und Landschaftsschutz (1994), die Beschäftigungspolitik (2000) und die Gemeindeaufsicht und -finanzierung (2005). [3]

Legislative Gewalt

Das Parlamentsgebäude (Eupen)
Der Regierungssitz (Eupen)

Die legislative Gewalt bildet das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft, welches sich aus 25 Vertretern zusammensetzt, die für fünf Jahre direkt von der Bevölkerung gewählt werden. [4] Für die Legislaturperiode 2004-2009 sieht die Besetzung des Parlamentes wie folgt aus:

Partei Sitze
Christlich-Soziale Partei (CSP) 8
Partei für Freiheit und Fortschritt (PFF) 5
Sozialistische Partei (SP) 5
Partei der deutschsprachigen Belgier und Juropa (PJU-PDB) 3
Ecolo 2
Vivant 2
 Total
25

Regierungsparteien sind mit einem Punkt gekennzeichnet (•)

Das PDG bestimmt einen Gemeinschaftssenator, der auf föderaler Ebene im Senat die Deutschsprachige Gemeinschaft vertritt. [5] Dieses Amt wird zur Zeit von Berni Collas (PFF) wahrgenommen. Die legislativen Texte werden Dekrete genannt. Der Präsident des Parlamentes ist Louis Siquet (PS).

Die 25 Vertreter, die eine entscheidende Stimme besitzen, werden von den Gewählten anderer Entscheidungsebenen (zur Zeit ein Gemeinschaftssenator, ein Vertreter des Europäischen Parlamentes, drei Regionalabgeordnete und sechs Provinzabgeordnete) mit beratender Stimme begleitet.

Exekutive Gewalt

Die exekutive Gewalt wird durch die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft ausgeübt. Gegenwärtig besteht sie aus einer Dreiparteien-Koalition (PFF, SP und PJU-PDB). Die Regierung stellt vier Minister:


Ministerpräsidenten der Deutschsprachigen Gemeinschaft

Name Beginn der Amtszeit Ende der Amtszeit Partei
Bruno Fagnoul 30. Januar 1984 11. November 1986 PFF
Joseph Maraite 11. November 1986 6. Juli 1999 CSP
Karl-Heinz Lambertz 6. Juli 1999 amtierend PS

Wirtschaft und Tourismus

Die typische Vennlandschaft

Norden

Der Norden bietet mehrere Industrieschwerpunkte, erleichtert durch den Anschluss an das belgische Eisenbahnnetz und die nahe Verbindung zur E40: Kabelwerk Eupen, kunststoffverarbeitende Betriebe, Herstellung von Trockenfilzen für die Papierindustrie, Schokoladenherstellung, Präzisionsmechanische Betriebe, Aluminiumverarbeitung, Steingruben, Speditionsunternehmen etc.

Touristische Sehenswürdigkeiten sind die Gebäude aus der Hand des Meisterarchitekten Johann Josef Couven und die Wesertalsperre in Eupen, das Töpfereimuseum in Raeren, Neutral-Moresnet und seine Galmeiminen in Kelmis etc.

Süden

Im Süden ist die Wirtschaft durch das nahe liegende Hohe Venn vor allem durch die Forst- und Landwirtschaft und diversen Sägereiunternehmen geprägt. Der Tourismus ist ebenfalls ein Wirtschaftspfeiler in den Eifelgemeinden.

Touristischen Ziele des Südens sind vor allem der Naturpark Hohes Venn-Eifel, die mittelalterliche Burg Reuland, die Bütgenbacher Talsperre mitsamt Sportinfrastruktur „Worriken“ und das Europadenkmal am Dreiländerpunkt.

Kultur

In den deutschsprachigen Gemeinden wird ebenfalls rheinländischer Karneval gefeiert, wobei dieser sich stark am Aachener und vor allem Kölner Karneval orientiert.

Nach der Gründung im Jahre 1992 startete das OstbelgienFestival im Herbst 1993 in die erste erfolgreiche Saison. Das Konzept, zehn hochkarätige Konzerte über die ganze Region zu verteilen, kam sehr gut beim Publikum an. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch die Idee, die gängigen Konzertsäle zu verlassen und akustisch wie architektonisch wertvolle Räume mit ihrem besonderen Ambiente einem breiteren Publikum zu öffnen. Inzwischen finden alljährlich 12 bis 17 Konzerte in der ganzen Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und in den angrenzenden Gemeinden Malmedy und Stavelot statt. Die 16. Saison begann am 27. März 2008 in Eupen. Die künstlerische Leitung wird von BRF-Musikredakteur Hans Reul wahrgenommen, der Geschäftsführer ist seit 1993 Joseph Schroeder.


In Ostbelgien gibt es eine im Verhältnis zur Einwohnerzahl beachtliche Zahl deutschsprachiger Medien:

  • die Tageszeitung Grenz-Echo samt einem Buchverlag.
  • die Wochenzeitung KURIER - Journal, ein Gratisblatt für die Kantone St. Vith und Malmedy.
  • den öffentlich-rechtlichen Belgischen Rundfunk (BRF) mit zwei Radioprogrammen (BRF1 und BRF2) und einem Fernsehsender (BRF TV).
  • ein offener Kanal (Bürgerfernsehen).
  • ein deutschsprachiges Radioprogramm des größten belgischen Privatsenders: Radio Contact.
  • ein Schlager- und volksmusikorientiertes Programm: Radio Sunshine.
  • sowie auf die benachbarte Aachener Region ausgerichtete Sender, die aus Lizenzgründen auf belgischem Gebiet stehen (vor allem 100'5 Das Hitradio und Radio Fantasy).

Literatur

  • Carlo Lejeune, Andreas Fickers, Freddy Cremer: Spuren in die Zukunft. Anmerkungen zu einem bewegten Jahrhundert, Lexis-Verlag, Büllingen 2001, ISBN 90-806682-1-4
  • Frank Berge, Alexander Grasse: Belgien – Zerfall oder föderales Zukunftsmodell? – Der flämisch-wallonische Konflikt und die Deutschsprachige Gemeinschaft, Regionalisierung in Europa Band 3, Leske und Budrich, Opladen 2003, ISBN 3-8100-3486-X
  • Hubert Jenniges: Hinter ostbelgischen Kulissen. Stationen auf dem Weg zur Autonomie des deutschen Sprachgebiets in Belgien (1968–1972), Grenz-Echo Verlag, Eupen 2001, ISBN 90-5433-148-8
  • Katrin Stangherlin (ed.): La Communauté germanophone de Belgique - Die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens, Coll. Projucit, Bruges, La Charte, 2005, ISBN 2-87403-137-2

Siehe auch

Quellen

  1. [1]
  2. Die belgische Verfassung, Art. 127
  3. Die belgische Verfassung, Art. 139
  4. Art. 8 ff des Gesetzes vom 31. Dezember 1983 über institutionelle Reformen für die Deutschsprachige Gemeinschaft (B.S. 18. Januar 1984)
  5. Die belgische Verfassung, Art. 67, §1, 5°

Weblinks







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