
Geldtheorie ist eine Disziplin der Volkswirtschaftslehre, in der Wesen und Funktionen, Wert sowie Wirkungen des Geldes untersucht werden. Teilgebiete der Geldtheorie sind unter anderem die Theorie der Geldnachfrage, die Theorie des Geldangebotes (siehe Geldschöpfung), die Erklärung des geldpolitischen Transmissionsmechanismus, die Inflationstheorie, die Zinstheorie und die Theorie der Geldpolitik.
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Die Geschichte der Geldtheorie ist eng mit der Geschichte der Makroökonomie verzahnt. Die Entwicklung der Geldtheorie kann in folgende Phasen untergliedert werden: Klassische Geldtheorie, Keynesianische Geldtheorie, Neoklassische Synthese, Monetarismus, Neuklassische Geldtheorie und Neukeynesianische Geldtheorie.
Die Phase der klassischen Geldtheorie währte von etwa 1800 bis 1936. Das wesentliche Merkmal der klassischen Geldtheorie war die Annahme, dass der güterwirtschaftliche (reale) und der geldwirtschaftliche (monetäre) Sektor der Volkswirtschaft voneinander unabhängig waren (Klassische Dichotomie von realem und monetärem Sektor). Geld hatte nach Auffassung der Klassiker lediglich die Aufgabe, den Tausch von Gütern und Dienstleistungen zu vereinfachen (Tauschmittelfunktion des Geldes). Folglich bestand die Geldpolitik damals auch im Wesentlichen darin, Banknoten auszugeben und die Umtauschbarkeit der Banknoten in Gold (oder Silber) zu gewährleisten. Die klassische Quantitätstheorie war ein Resultat dieser Sichtweise. Sie besagt, dass sich eine Veränderung der umlaufenden Geldmenge direkt proportional auf das gesamtwirtschaftliche Preisniveau auswirkt, während das reale gesamtwirtschaftliche Einkommen (der um Preisveränderungen bereinigte Wert aller produzierten Güter und Dienstleistungen) vollkommen unabhängig von Höhe und Veränderung der umlaufenden Geldmenge ist.[1]
Die Veröffentlichung der Allgemeinen Theorie von John Maynard Keynes stellt einen Meilenstein in der Geschichte der Geldtheorie dar.[2] Mit der Allgemeinen Theorie unternahm Keynes u.a. den Versuch, die in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre in bis dahin unvorstellbarem Ausmaß zu beobachtende Arbeitslosigkeit zu erklären. Während es in der Theorie der Klassiker keine (unfreiwillige) Arbeitslosigkeit gab, zeigte Keynes, dass es unter bestimmten Voraussetzungen auch in einer Marktwirtschaft zu gravierender und anhaltender Arbeitslosigkeit kommen kann. Er baute seine Argumentation auf einer simultanen Analyse realer (Einkommen und Beschäftigung) und monetärer (Geldmenge und Zinsen) Variablen auf und verließ damit den Rahmen der klassischen Dichotomie von realem und monetären Sektor. Man sprach von einer wissenschaftlichen Revolution.
Die von Keynes vorgenommene Analyse war im Wesentlichen verbaler Natur. In der Folgezeit wurde sie formalisiert und erweitert. John Richard Hicks überführte die Keynessche Argumentation in ein mathematisches Mehrgleichungssystem, das unter der Bezeichnung IS-LM-Modell für einige Jahrzehnte die Makroökonomie stark beeinflusste.[3] Ein Bestandteil des IS-LM-Modells ist die Keynessche Geldnachfragetheorie (Liquiditätspräferenztheorie). Diese stellt insofern eine Erweiterung der klassischen Sichtweise dar, als dass nun auch eine zweite Funktion des Geldes, nämlich die Wertaufgewahrungsfunktion, berücksichtigt wurde. Die Formalisierung bildete die Grundlage für die keynesianisch orientierte Geld- und Fiskalpolitik der 1950er und 1960er Jahre. Es bestand die Vorstellung, dass der Staat durch eine Feinsteuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage anhaltend positive Effekte auf die gesamtwirtschaftliche Produktion und die Beschäftigung erzielen könne. Diese Feinsteuerung hatte jedoch nicht die erhofften Wirkungen. Ein wesentliches Problem bestand darin, dass die Folgen für die Inflationsrate im Rahmen der keynesianischen Geldtheorie nicht hinreichend berücksichtigt wurden.
Die Keynesianische Revolution blieb nicht ohne Gegenrevolutionen. Die drei bedeutenden Gegenrevolutionen waren der Monetarismus, die Neuklassische Makroökonomik und die Real-Business-Cycle-Theorie.
Der Monetarismus, zu dessen bedeutendsten Vertretern Karl Brunner, Milton Friedman und Allan Meltzer zählen, sieht in der Geldpolitik die Hauptursache für konjunkturelle Schwankungen. Sie argumentieren, dass eine lockere Geldpolitik, die zu einem Anstieg der Geldmenge führt, kurzfristig zwar Effekte auf Produktion und Beschäftigung haben kann, aber mittel- bis langfristig nur die Inflationsrate erhöhe. Um dies zu verhindern, solle die Zentralbank als Träger der Geldpolitik nicht versuchen, aktive Konjunktursteuerung zu betreiben, sondern die Geldmenge gleichmäßig mit der durchschnittlichen langfristigen Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts ausweiten (Geldmengen-Regel nach Friedman).[4]
Die Neuklassiker, deren bedeutendste Vertreter Robert E. Lucas, Thomas Sargent und Neil Wallace sind, erweiterten die geldtheoretische Analyse vor allem um das Konzept der Rationalen Erwartungen. Bei rationaler Erwartungsbildung fließen alle verfügbaren Informationen in die Erwartungsbildung ein. Dies hat zur Folge, dass systematische wirtschaftspolitische Maßnahmen vorhergesehen werden und keine Wirkungen auf die reale gesamtwirtschaftliche Entwicklung haben. Systematische Geldpolitik, die in vorhersehbarer Weise auf gesamtwirtschaftliche Schwankungen reagiert, hat im Modellrahmen der Neuklassiker keine realwirtschaftlichen Wirkungen (Politikineffektivität[5]), sondern beeinflusst lediglich die Inflationsrate. Realwirtschaftliche Effekte kann die Geldpolitik demnach nur durch überraschend ausdehnende (expansive) oder einschränkende (restriktive) Maßnahmen erzielen.
Auf Robert Lucas geht auch die Forderung nach einer einzelwirtschaftlichen Fundierung gesamtwirtschaftlicher ökonomischer Modelle zurück (Mikrofundierung der Makroökonomik). Die Zusammenhänge zwischen gesamtwirtschaftlichen Variablen ändern sich, wenn sich das wirtschaftspolitische Umfeld ändert, d.h. auch wenn sich die Geldpolitik ändert. Daher können in der Vergangenheit beobachtete Regelmäßigkeiten nicht ohne weiteres als Grundlage für die Simulation der Effekte geldpolitischer Maßnahmen dienen (Lucas-Kritik). Vielmehr seien die Effekte geldpolitischer (und anderer wirtschaftspolitischer) Maßnahmen aus Modellen abzuleiten, die das Verhalten der einzelnen Marktteilnehmer unter Berücksichtigung des jeweiligen Umfeldes abbilden. Solche Modelle bilden gleichsam das Labor des Makroökonomen; denn schließlich kann die Makroökonomik nur in seltenen Ausnahmefällen Experimente durchführen, um die Wirkungen wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu studieren.[6]
Die Neuklassiker haben die Geldtheorie vor allem in methodischer Hinsicht weiterentwickelt. Rationale Erwartungen und mikroökonomische Fundierung sind heute fester Bestandteil der Geldtheorie. Die inhaltlichen Aussagen über die Wirksamkeit der Geldpolitik ließen sich jedoch nicht aufrecht erhalten, insbesondere weil die tatsächlichen Märkte nicht so flexibel und vollkommen sind, wie es in der Neuklassik unterstellt wurde.
Die Neukeynesianische Geldtheorie verbindet die methodischen Fortschritte der Neuklassik (und insbesondere auch der Real-Business-Cycle-Theorie) mit der Analyse der in der Realität zu beobachtenden Unvollkommenheiten auf diversen Märkten. Man spricht daher auch von einer Neuen Neoklassischen Synthese.[7] Für die Geldtheorie bedeutsame Marktunvollkommenheiten sind insbesondere langsame Preisanpassung (rigide Preise), unvollkommener Wettbewerb auf Gütermärkten und asymmetrische Information auf Finanzmärkten. Diese Unvollkommenheiten haben einen großen Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung:[8]
Die Neukeynesianische Geldtheorie bildet in methodischer Hinsicht die Grundlage für die moderne kurz- bis mittelfristige geldtheoretische Analyse. Sie hat auch die praktische Geldpolitik vieler Zentralbanken nachhaltig beeinflusst. Insbesondere liefert sie eine Erklärung des geldpolitischen Transmissionsprozesses, d.h. der Übertragung geldpolitischer Maßnahmen auf die Gesamtwirtschaft.
Als Geld bezeichnet man alles, was als Zahlungsmittel in einer Volkswirtschaft akzeptiert wird. Heutzutage dienen vor allem Banknoten und Münzen (Bargeld) und Guthaben auf Bankkonten (Buchgeld) als Zahlungsmittel. Banknoten und Münzen werden beim täglichen Einkauf insbesondere für kleinere Beträge verwendet. Guthaben auf Bankkonten können durch Überweisung, Lastschrift, Scheck oder mittels Kreditkarte übertragen werden; dies wird als bargeldloser Zahlungsverkehr bezeichnet. Ein wichtiges Merkmal des heutigen Geldes ist, dass es keinen realen Stoffwert besitzt. Die Akzeptanz von heutigem Bargeld und Bankguthaben im Geschäftsverkehr basiert auf dem Vertrauen darauf, dass das Geld auch in Zukunft als Zahlungsmittel akzeptiert werden wird.
Geld erfüllt drei Funktionen im Wirtschaftsalltag.[9] Erstens dient es als Tauschmittel. Ohne Geld wäre es viel schwieriger, Tauschgeschäfte abzuschließen. Ein Bäcker der Fleisch haben möchte, müsste einen Schlachter finden, der zum gleichen Zeitpunkt eine entsprechende Menge an Brot haben möchte, damit ein Tauschgeschäft zustande kommt.[10] Ein allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel bewirkt, dass schneller Tauschpartner gefunden werden und damit die Kosten für die Suche nach einem Tauschpartner reduziert werden. Außerdem sind die meisten Menschen über den Wert des täglich verwendeten Geldes besser informiert als über andere von Dritten angebotene Produkte, so dass es nicht notwendig ist, vor dem Tausch den Wert der Gegenleistung mühsam zu ermitteln.
Zweitens ist Geld ein Wertaufbewahrungsmittel. Für die Aufbewahrung des gesamten Vermögens stehen in modernen Volkswirtschaften zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, und zwar sowohl in physischer Form (wertvolle Güter, zum Beispiel Gold, oder reales Anlagevermögen, zum Beispiel Maschinen) als auch in finanzieller Form (Bargeld und Bankguthaben, Rentenpapiere, Aktien, Investmentzertifikate, Ansprüche gegenüber Versicherungen oder Ansprüche aus Pensionsrückstellungen usw.).
Drittens können die in Geldeinheiten ausgedrückte Werte verschiedener Güter und Dienstleistungen gut miteinander verglichen werden. Bei vier Gütern, von denen eines als Geld verwendet wird, gibt es genau drei Geldpreise. Ohne Geld als allgemeinem Wertmaßstab (Recheneinheit) gäbe es insgesamt 6 Preisverhältnisse (Preis von Gut 1 in Einheiten der Güter 2, 3 und 4; Preis von Gut 2 in Einheiten der Güter 3 und 4; Preis von Gut 3 in Einheiten von Gut 4). Ohne Geld ist die Situation also viel unübersichtlicher, so dass es schwieriger ist, ökonomische Entscheidungen zu fällen.
Die Funktionen des Geldes begründen die Nachfrage nach Geld. Die Nachfrage nach Geld als Tauschmittel hängt vor allem von der Höhe des beabsichtigten Tauschvolumens und der Höhe der Zinsen ab, auf die man verzichtet, wenn man statt zinsbringender Vermögenswerte Geld hält (bei hohen Zinsen ist es vorteilhaft, durchschnittlich weniger Geld zu halten und im Gegenzug öfter Wertpapiere zu verkaufen, um Geld für den Erwerb von Gütern und Dienstleistungen zu bekommen). Die Nachfrage nach Geld als Wertaufbewahrungsmittel hängt vor allem von der Höhe des gesamten Vermögens, von der Höhe der Verzinsung alternativer Vermögenswerte und von dem Risiko ab, das der Besitz von Geld in Form von Geldentwertung im Vergleich zum Risiko anderer Vermögenswerte mit sich bringt. Wenn das offizielle Zahlungsmittel eines Landes die Geldfunktionen aufgrund schneller Geldentwertung (Inflation) nicht mehr erfüllt, wird es immer weniger nachgefragt und reale Güter oder ausländische Währung übernehmen die Geldfunktionen. Diesen Vorgang bezeichnet man als Währungssubstitution.
Um die Entstehung modernen Geldes (Geldschöpfung) zu verstehen, müssen wir zwischen zwei Arten von Geld unterscheiden, nämlich dem Zentralbankgeld und dem Buch-oder Giralgeld. Bargeld und Guthaben (Einlagen) von Geschäftsbanken bei der Zentralbank stellen Zentralbankgeld dar. Die Einlagen der Nichtbanken (private Haushalte, Unternehmen und Staat) bei den Geschäftsbanken sind Buchgeld. Dieses Buchgeld entsteht, wenn eine Bank einem Kunden einen Kredit gibt und den Kreditbetrag auf dem Bankkonto des Kunden gutschreibt. Überweist der Kunde den Kreditbetrag ganz oder teilweise an einen Kunden einer anderen Bank, so kann diese Bank die zugeflossenen Mittel erneut für die Kreditvergabe verwenden und die gesamtwirtschaftliche Geldmenge steigt weiter an. Man spricht in diesem Fall von multipler Geldschöpfung. Dieser Vorgang wird dadurch begrenzt, dass ein Teil des Geldes von den Kunden als Bargeld abgehoben wird, und dass ein gewisser kleiner Prozentsatz der Einlagen als Mindestreserve bei der Zentralbank hinterlegt werden muss.
Unter Inflation versteht man den Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Durch den Anstieg des allgemeinen Preisniveaus verliert das Geld an Wert. Die prozentuale Veränderungsrate des Preisniveaus heißt Inflationsrate. Es ist empirisch gut belegt, dass auf mittlere und lange Frist eine hohe positive Korrelation zwischen der Wachstumsrate der Geldmenge und der Inflationsrate besteht.[11] Sehr hohe Inflationsraten, so genannte Hyperinflationen, wurden immer durch eine starke Ausweitung der Geldmenge hervorgerufen. Bei vergleichsweise niedrigen Inflationsraten (unter 10 Prozent pro Jahr) ist hingegen umstritten, inwieweit die mit der Inflation einhergehende Geldmengenausweitung Ursache oder Folge der Inflation ist.
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