Hawker Siddeley Harrier
Bei dem Kampfflugzeug Hawker Siddeley Harrier handelt es sich um ein senkrechtstartendes Kampfflugzeug. Benannt wurde die Maschine nach der Greifvogelgattung Weihen (engl.: harrier) und ihrem Entwickler Hawker Siddeley.
Die erste Generation
Entwicklung
Prototyp der Harrier, die Hawker P.1127
Harrier II der Royal Air Force
Harrier II der Royal Air Force
Die Maschine wurde in Großbritannien von Hawker Siddeley unter Leitung von Sidney Camm im Regierungsauftrag entwickelt. Der Erstflug erfolgte 1966 in Großbritannien. Die Harrier verfügt über ein Düsentriebwerk im Rumpf, dessen Abgasstrahl durch drehbare Schubdüsen nach unten bzw. nach hinten geleitet wird. In der Regel erfolgt der Start nicht senkrecht, sondern mit einer kurzen Anlaufstrecke (STOVL) oder auf Flugzeugträgern über eine Rampe, jedoch ohne Katapulthilfe – so kann erheblich mehr zugeladen werden. Die Landung (mit dann in der Regel nur noch halbem Startgewicht) kann dagegen wieder senkrecht erfolgen.
Als Einsatzrolle war ursprünglich Bodenunterstützung und Jagdbomber vorgesehen. Erstkunde war die Royal Air Force, die drei der vier Einsatzstaffeln der RAF Germany unterstellte. Diese, es waren die 3., 4. und 20., lagen bis 1977 in RAF Wildenrath und anschließend bis zur Außerdienststellung 1990 in RAF Gütersloh. Aufgrund der örtlichen Gegebenheiten wurden die nominell 36 Flugzeuge dort auf nur 2 Staffeln, die 3. und die 4., verteilt. Während des Falkland-Krieges erwies sich die Harrier den reinen Jagdflugzeugen, wie der von den argentinischen Streitkräften eingesetzten Mirage III, im Luftkampf als ebenbürtig (teils wegen der von USA gelieferten AIM-9L Sidewinder-Luft-Luft-Raketen), hauptsächlich aber, weil sich erwies, dass das – so nie vorgesehene – Schwenken der Schubdüsen während des Fluges bisher nicht für möglich gehaltene Manöver gestattete. Für seinen ursprünglichen Verwendungszweck zur Luftnahunterstützung ist er jedoch zu schwach gepanzert.
Die erste Generation der Harrier (GR.1/T.2/GR.3/T.4/T.8), zu der auch die Sea Harrier (FRS.1, FA.2) zählen, wird nur noch von der thailändischen und der indischen Marine geflogen. Alle übrigen Nutzer fliegen die modernisierte, von der US-Firma McDonnell Douglas weiterentwickelte Version AV-8B (siehe unten).
Im Luftwaffenmuseum der Bundeswehr in Berlin-Gatow haben die XV278 und in der Flugzeugausstellung Hermeskeil die XZ998 überlebt.
Versionen aus britischer Produktion
- Die Hawker Siddeley Harrier GR.1 war das erste Serienmodell, welches aus der Kestrel entwickelt wurde. Ihr Erstflug erfolgte am 28. Dezember 1967, sie wurde von der RAF am 1. April 1969 in Dienst gestellt.
- Die Sprungschanzen-Technik (nach oben gebogene Enden des Flugdecks) für den STOVL-Start der Harrier auf den Royal Navy-Flugzeugträgern wurde auf dem Royal Navy-Flugplatz RNAS Yeovilton (HMS Heron) in Somerset getestet.
- Die GR.1A war eine verbesserte Version der GR.1. Der größte Unterschied war das verbesserte Pegasus-Mk-102-Triebwerk. Achtundfünfzig GR.1As wurden durch die RAF in Dienst gestellt, wovon 17 neu produziert wurden sowie 41 GR.1s umgebaut wurden.
- Zweisitzige Trainerversion für die RAF, von der 11 Stück gebaut wurden. Die erste Maschine wurde 1970 ausgeliefert.
- Verbesserte Version der T.2 mit Pegasus-Mk-102-Triebwerk für die RAF. Vier Stück wurden neugebaut und 1972/1973 geliefert, der Rest waren umgerüstete T.2.
- Die einsitzige Harrier GR.3 besaß gegenüber der GR.1/GR.1A verbesserte Sensoren (wie ein Laserentfernungsmesser in der verlängerte Nase), eine Ausrüstung für elektronische Gegenmaßnahmen und ein weiter verbessertes Pegasus Mk. 103 Triebwerk. Sie war die leistungsfähigste Variante der 1. Generation Harrier. Dieses Modell wurde zum Beispiel im Falklandkrieg eingesetzt. 40 Stück wurden als GR.3 neu gebaut, der Rest waren modernisierte GR.1/GR.1A. Die RAF bestellte insgesamt 118 Stück der GR.1/GR.3-Variante der Harrier.
- Zweisitzige Trainerversion für die RAF ähnlich dem GR.3 Standard der Einsitzer. Die RAF erhielt zwischen 1976 und 1983 12 neugebaute sowie modernisierte T.2 und T.2A.
- Zweisitzige Trainerversion für die Royal Navy. Diese erhielt ab 1983 je zwei neue und zwei T.4/T.4A aus Beständen der RAF.
- Zweisitzige Trainerversion für die Royal Navy. Die fünf Maschinen waren modernisierte T.4 und T.4N.
- Einzelner Prototyp des Herstellers aus dem Jahr 1971.
- Zweisitzige Trainerversion für Sea Harrier FRS.51 der indischen Marine, von denen diese zwischen 1984 und 1992 vier Stück erhielt.
- Auf der GR.3 basierendes Muster für die Royal Navy (Flugzeugträgereinsatz), jedoch mit in der Sicht verbessertem Cockpit, verbessertem Radar und seetauglichen Materialien. Ab 1978 wurden insgesamt 57 Stück in Dienst gestellt.
- Verbesserte Version des FRS.1, die die gesammelten Erfahrungen aus dem Falklandkrieges umsetzte. Die Umbauten wurden anfangs mit FRS.2-Upgrade bezeichnet. So wurden neue Luft-Luft-Bewaffnung, ein besseres Radar (Blue Vixen Radar mit look down Fähigkeiten) und ein verbessertes Cockpit eingesetzt sowie eine größere Reichweite erzielt. Der Erstflug erfolgte 1988, es wurden Aufträge für 34 umgebaute und 19 neue Flugzeuge durch die Royal Navy erteilt.
- Auf der FRS.1 basierendes Muster für die indische Marine (Flugzeugträgereinsatz), die auch die R550 Magic-Luft-Luft-Raketen tragen konnte. 23 Stück erhielt Indien zwischen 1984 und 1992.
Versionen aus US Produktion
- Einsitzige Bodenangriffsversion für den Einsatz in der Luftnahunterstützung und als Aufklärer. Die AV-8A des US Marine Corps waren der frühen GR.1-Version sehr ähnlich, aber mit dem Triebwerk der GR.3 ausgerüstet. 113 Flugzeuge wurden für die US Marines und die spanische Marine bestellt. Die AV-8A war mit zwei 30-mm-ADEN-Kanonengondeln unter dem Rumpf und zwei AIM-9 Sidewinder Luft-Luft-Raketen bewaffnet. Das Flugzeug wurde von einem Rolls-Royce Pegasus-Mk-103-Triebwerk mit 95,6 kN Schub angetrieben. Es war sehr wendig und ein leistungsfähiges Jagdflugzeug, welches in der Lage war, alle damaligen Kampfflugzeuge auszumanövrieren. Die Herstellerbezeichnung lautete Harrier Mk.50.
- Verbesserte AV-8A für die US Marine Corps.
- Exportversion der AV-8A Harrier für die spanische Marine. Später an die Royal Thai Navy verkauft. Die Bezeichnung der spanischen Marine lautet VA-1 Matador, die Herstellerbezeichnung Harrier Mk.53 für die erste Produktionscharge und Harrier Mk.55 für die zweite Charge.
- Zweisitzige Trainerversion für die US Marine Corps. Herstellerbezeichnung Harrier Mk.54.
- Exportversion der TAV-8A Harrier für die spanische Marine. Später ebenfalls an die Royal Thai Navy verkauft. Die Bezeichnung der spanischen Marine lautet VAE-1 Matador, die Herstellerbezeichnung Harrier Mk.54.
Technische Daten BAe Harrier
| Kenngröße |
Daten Gr.3 |
Daten FA.2 |
| Länge |
13,87 m |
14,17 m |
| Flügelspannweite |
7,70 m |
7,70 m |
| Tragflügelfläche |
18,69 m² |
18,69 m² |
| Tragflächenbelastung |
Minimal (Leergewicht): 299 kg/m²
Nominal (normales Startgewicht): 607 kg/m² |
Minimal (Leergewicht): 352 kg/m²
Nominal (normales Startgewicht): 636 kg/m² |
| Höhe |
3,45 m |
3,71 m |
| Antrieb |
Ein Rolls-Royce Pegasus-Mk-103
Turbofantriebwerk mit 95,65 kN Schub |
Ein Rolls-Royce Pegasus-Mk-106
Turbofantriebwerk mit 96,73 kN Schub |
| Schub-Gewicht-Verhältnis |
Maximal (Leergewicht): 1,75
Nominal (normales Startgewicht): 0,86 |
Maximal (Leergewicht): 1,50
Nominal (normales Startgewicht): 0,83 |
| Höchstgeschwindigkeit |
1186 km/h |
1190 km/h |
| Einsatzradius |
~490 km |
~550 km |
| Besatzung |
1 |
1 |
| Dienstgipfelhöhe |
15.240 m |
15.545 m |
| Leergewicht |
5.579 kg |
6.580 kg |
| Fluggewicht |
11.340 kg |
11.884 kg |
| Bewaffnung |
Außenlasten bis zu 2.268 kg |
Außenlasten bis zu 3.630 kg |
Die zweite Generation
Eine AV-8B Harrier II+ des US-Marine Corps beim Landen auf einem LHD
Die AV-8B Harrier II stellt die zweite Generation der Harrier dar. British Aerospace startete das Projekt zur Weiterentwicklung in den frühen 1980er-Jahren, welches später von Boeing/BAE Systems seit den 1990er-Jahren weitergeführt wird.
Durch Aktualisierung der Avionik, des Triebwerks und der Waffensysteme konnte die Leistungsfähigkeit erheblich gesteigert werden und die Harrier soll in ihrer neuesten Version bis weit nach 2010 im Einsatz bleiben. Danach wird die F 35B die Harrier in den USA und Großbritannien ersetzen.
Der Erstflug erfolgte am 9. November 1978 (YAV-8B), diese Ausführung ging ab Dezember 1985 in Dienst. Die Harrier wird zur Zeit in der aus dem Jahre 1985 stammenden Version AV-8B Harrier II vom US Marine Corps, der Royal Air Force, der Royal Navy sowie auf den Flugzeugträgern Spaniens und Italiens eingesetzt. Diese Version wird in Großbritannien als Harrier GR.5/GR.7/GR.9/T.10/T.12 bezeichnet. Sie wurde von BAE Systems und McDonnell Douglas (später Boeing) hergestellt. Die wesentlichsten Neuerungen sind ein modernes Glas-Cockpit (EFIS), neue Avionik, neues stärkeres Triebwerk, eine größere Abflugmasse und eine größere Anzahl von verfügbaren Waffen.
Die AV-8B Harrier II Plus sind mit Raytheon APG-65 Radar und Northrop Grumman Litening II „targeting and reconnaissance pod“ ausgestattet. Damit ist auch der Einsatz von Langstrecken Luft-Luft-Lenkwaffen und lasergelenkten Bomben möglich.
Technische Daten AV-8B Harrier II
| Kenngröße |
Daten Harrier II |
Daten Harrier II+ |
| Länge |
14,12 m |
14,55 m |
| Flügelspannweite |
9,25 m |
9,25 m |
| Tragflügelfläche |
21,37 m² |
22,18 m² |
| Tragflächenbelastung |
Minimal (Leergewicht): 297 kg/m²
Maximal (maximales Startgewicht): 658 kg/m² |
Minimal (Leergewicht): 317 kg/m²
Maximal (maximales Startgewicht): 658 kg/m² |
| Höhe |
3,55 m |
3,55 m |
| Antrieb |
Ein Rolls-Royce Pegasus-Mk-106
Turbofantriebwerk mit 96,73 kN Schub |
F402-RR-408/Mk-107
Turbofantriebwerk mit 105,87 kN Schub |
| Schub-Gewicht-Verhältnis |
Maximal (Leergewicht): 1,56
Minimal (maximales Startgewicht): 0,70 |
Maximal (Leergewicht): 1,60
Minimal (maximales Startgewicht): 0,77 |
| Höchstgeschwindigkeit |
1.041 km/h mit und 1.065 km/h ohne Waffen |
1.093 km/h |
| Reichweite |
1.780 km |
1.780 km |
| Besatzung |
1 |
1 |
| Dienstgipfelhöhe |
15.240 m |
15.250 m |
| Leergewicht |
6.343 kg |
6.764 kg |
| max. Startgewicht |
14.061 kg (STO) bzw 8.505 kg (VTO) |
14.061 kg |
| Bewaffnung |
eine GAU 12U 25-mm-Gatling-Maschinenkanone
Außenlasten bis zu 3.630 kg
AIM-9 Sidewinder- und AGM-65 Maverick-Raketen |
eine GAU 12U 25-mm-Gatling-Maschinenkanone
Außenlasten bis zu 5.350 kg
AIM-9 Sidewinder- und AGM-65 Maverick-Raketen |
- Max. Nutzmasse: 7.717 kg
- Tankkapazität: 4.320 Liter
Versionen der Harrier II aus US Produktion
- AV-8B Harrier II/EAV-8B Harrier II
- Version für das US Marine Corps (entspricht in etwa der britischen GR.5-Version). An die italienische Marine gingen 16 Stück, die spanische Armada erhielt 20 Maschinen.
- AV-8B Night Attack Harrier II
- Aufgerüstete Version mit FLIR die 1991 in Dienst gestellt wurde (entspricht in etwa der britischen GR.7-Version).
- Diese modernisierten AV-8B Harrier II sind mit Raytheon APG-65 Radar und Northrop Grumman Litening II „targeting and reconnaissance pod“ ausgestattet. Damit ist auch der Einsatz von Langstrecken Luft-Luft-Lenkwaffen und lasergelenkten Bomben möglich. Es wurden alle AV-8B der USA, Italiens und Spaniens umgerüstet.
- TAV-8B Harrier II/EAV-8B Matador II
- Zweisitzige Trainerversion AV-8B für das US Marine Corps (22 Stück), die italienische (2 Stück) und die spanische Marine.
Stand 1996
Versionen der Harrier II aus britischer Produktion
- Die GR.5 war die erste Version der zweiten Generation der Harrier für die RAF. Ihre Entwicklung begann 1976, wobei zwei AV-8A zur Harrier II Standard umgebaut wurden und ab 1979 als Testflugzeuge dienten. Die erste Serienmaschine von BAE hatte am 30. April 1985 ihren Erstflug und wurde im Juli 1987 in Dienst gestellt. Die GR5 unterschied sich von der AV-8B in einigen Punkten, so zum Beispiel bei der Avionik, der Bewaffnung und der Ausrüstung für elektronische Gegenmaßnahmen. Es wurden 41 GR.5 gebaut.
- Die GR5.A war eine verbesserte Variante der GR.5, die Teile des GR.7-Upgrade erhielt. 21 Stück wurden gebaut.
Zwei Harrier GR.7 der IV. Staffel der RAF beim Startvorgang
- Die GR.7 ist eine weiter verbesserte Variante der Harrier. Ihr Erstflug fand im Mai 1990 statt, sie kam ab 1997 (Test ab 1994) auf den Flugzeugträgern der Invincible-Klasse zum Einsatz. 34 Stück wurden von 1990 bis 1992 neu gebaut, die letzten einsitzigen gebauten Harrier aus britischer Produktion. Hinzu kamen die modernisierten GR.5 und GR.5A.
- Als GR7A wurde die erste Stufe der Umrüstung auf den Standard der GR9 bezeichnet. Sie erhielt das leistungsfähigere Rolls-Royce Pegasus-Mk-107-Triebwerk. Später auf den GR.9-Standard gebrachte Maschinen behielten dabei den Buchstaben A und wurden als GR.9A bezeichnet. 40 GR.7 wurden derart umgebaut. Das neue Triebwerk lieferte etwa 13 kN mehr Schub, was die Zuladung vor allem unter extremen klimatischen Bedingungen, wie sie zum Beispiel in Afghanistan vorherrschen, erhöhte und die Kosten für die Einsätze reduzierte (geringere Wartung, Landung ohne Abwurf nicht benutzter Waffen).
- Beim GR.9-Standard wurde die Avionik verbessert und es konnten neue Waffen benutzt werden. Dieses Upgrade (auch als Integrated Weapons Programme, IWP bezeichnet) erlaubte den Harriern den Einsatz von präzisionsgelenkter Munition und Avionik mit neuer Trägheits- and GPS-Navigation (INS/GPS).
- Auf Basis der TAV-8B 1994/1995 neugebaute zweisitzige Trainerversion für die RAF, der jedoch im Gegensatz zu diesem voll kampftauglich war. 14 Stück wurden neu gebaut, die letzten überhaupt neu gebauten Harrier aus britischer Produktion.
- Modernisierte T.10, die auf den GR.9-Standard gebracht wurden.
Sonstiges
Im Spielfilm True Lies mit Arnold Schwarzenegger spielen Harrier eine namhafte Rolle. Superagent Harry Tasker (Schwarzenegger) rettet mit einer Harrier seine entführte Tochter und siegt über die Terroristen. Der Film zeigt besonders anschaulich die vielseitigen Flugeigenschaften dieses Fluggerätes.
Museen in Deutschland
Siehe auch
Weblinks
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