Der Begriff Individualität (lat.: Ungeteiltheit) bezeichnet im weitesten Sinne die Tatsache, dass ein Mensch oder Gegenstand einzeln ist und sich von anderen Menschen bzw. Gegenständen unterscheidet. Verwendet wird der Ausdruck unter anderem in der Philosophie, Psychologie, Soziologie und in der Pädagogik.
In der Philosophie spielt der Gedanke der Individualität seit der Antike eine große Rolle. Diskutiert wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein insbesondere die Frage nach dem Individuationsprinzip, d.h. die Frage, was dafür verantwortlich ist, dass Menschen und Gegenstände individuell sind. Hierfür wurden verschiedene Kandidaten ins Rennen geschickt: Nach Aristoteles und Thomas von Aquin werden Gegenstände durch Materie, nach Hobbes durch Raum und Zeit, nach Fichte und Hegel durch die Selbstverendlichung des Geistes individuell.
Ein zweiter häufig diskutierter Problemkreis der Individualität liegt in ihrer ambivalenten Beschaffenheit begründet: Individualität zeichnet einerseits die Unverwechselbarkeit des Menschen aus; andererseits sind alle Menschen individuell. Darin, dass sie voneinander verschieden sind, sind sich merkwürdigerweise alle Menschen gerade wieder gleich. Diese Zwiespältigkeit des Individualitätsbegriffs hat seit der Romantik einige philosophische Strömungen den Versuch aufgeben lassen, Individualität begrifflich zu fassen. Stattdessen versuchen etwa Schopenhauer, Kierkegaard und Nietzsche vermehrt, Individualität performativ oder künstlerisch auszudrücken.
Spricht man in der Psychologie und den Sozialwissenschaften von der Individualität eines Menschen, dann werden damit einerseits auch alle über seinen Charakter hinausgehenden für ihn charakteristischen Eigenheiten bis hin zu seinem Körperbau und Aussehen gemeint. Wird dieser Aspekt mitgedacht, ist psychologisch von Individuation die Rede. Hierbei wird jedoch nicht nur die Art und Weise des jeweils für eine Person typischen Handelns und Verhaltens (Agierens und Reagierens) – die Subjektivität – in Betracht gezogen, sondern auch noch das persönliche Selbstverständnis und die gesamte individuelle Lebensauffassung dieser Person mit einbezogen, potenziell also 'das Gesamt' aller für sie relevanten Aspekte ihres Lebens. Der aus der Soziologie stammende Begriff Individualisierung bezieht sich dagegen auf die zunehmende Vereinzelung von Menschen in der Gesellschaft.
Im Gegensatz zu der Auffassung der Soziologie, dass Individualität zur Vereinzelung führt, wird Individualität von anderer Seite hauptsächlich über die Qualität von Bindungen an eine Gruppe gekennzeichnet und nur in diesem Punkt von der Identität unterschieden. Anders als die Identität, die durch eine nur begrenzte Rollenvariabilität definiert ist und i.d.R. eine festgelegte und oft sogar psychisch unauflösbare Bindung an Gruppen (Familie, Clan, Nationalstaat) ergibt oder sogar voraussetzt, entwickeln individualisierte Personen in Gesellschaften, die Individualität nicht verhindern, offene, jederzeit lösbare, oft auch ambivalente Bindungen an Gruppen und natürlich variable Rollen in diesen Gruppen.
Individualität ist nach dieser Auffassung also das Fortbestehen der „natürlichen Identität“ ( die Habermas als erste Stufe der ontogenetischen Entwicklung benennt), die nicht in eine fixierte „Rollenidentität“ einer Gruppe („Kultur“) gedrängt wird. Zusammen mit einer ausgeprägten „Ich-Identität“ (als 3.Stufe) ist es dem Individuum dann möglich, eine zugetragene Rollenidentität zu beenden und andere Rollenidentitäten zu errichten oder einzunehmen.
„Individualität entsteht durch die Kreuzung sozialer Kreise“ (Simmel, 1908)
„Auf der Grundlage der Entscheidung und der Fähigkeit zur Herausbildung einer offenen „Individualität“ hat sich eine spontane, nicht über traditionelle Gruppenbindung vermittelte Kooperation in modernen Gesellschaften entwickelt“ (Lauder: Der Staat gegen die Gesellschaft, Seite 65).
Auch in der Systemtheorie (Niklas Luhmann u.A.) ist Individualität die Voraussetzung, um offene Systeme zu schaffen, in einer entgrenzten Gesellschaft (aktuell: multikulturelle Industriegesellschaften) Kontingenzen durchschaubar zu gestalten, Kommunikation (Systemtheorie) zu ermöglichen und das Problem Doppelte Kontingenz zu lösen, während Identität - gemessen an der Exklusion der Funktionssysteme - „ein ständig defizitärer Zustand“ ist (C. Neugebauer, 2002), der allgemein Kommunikation innerhalb der Gruppe eher vermeidet, erübrigt oder sogar nicht zulässt. Luhmann geht zunächst davon aus, dass Individuen nicht direkt miteinander kommunizieren, sondern nur sozial determiniert, wohl aber ist erst durch die freie Individualität ein Soziales System möglich, das Kommunikation (Systemtheorie) bedingt und gleichzeitig dadurch existiert. Persönliche Individualitäten verschmelzen hierin und es entsteht mittels der Autopoiesis des sozialen Systems eine soziale Individualität. Dieser Zustand unterscheidet sich jedoch weiterhin grundsätzlich von der Identität, denn die notwendige Dynamik eines sozialen Systems erhält sich nur über die weiterhin existierende persönliche Individualität (und damit Kommunikationsbereitschaft) der beteiligten Personen - es entsteht eine "Emergente Ordnung", die durch individuelle Bereitschaft zu selbstverantwortlichen Entscheidungen ihre Dynamik erhält, und diese ist gleichzeitig Voraussetzung für ein Soziales System. (Vgl. Luhmann 1993 (4), S. 156f. In: Balgo 1998, S. 206)
Einige neuere Psychologen (u.A. M. Hoffman) gehen davon aus, dass Individualität sich natürlich entwickelt, wenn sie nicht bereits in der Individuationsphase unterdrückt wird. Individualität entsteht aus derzeitiger Sicht der Psychologie und Pädagogik zunächst durch Erkennen der Grenzen anderer Individuen (in frühkindlicher Phase der Grenzen der Bezugspersonen). Durch das Erkennen derer Grenzen lernt bereits das Kleinkind seine eigenen Grenzen kennen und entwickelt sie schrittweise mittels "trial and error". Hierzu ist Empathie Voraussetzung, die jedoch schon bei Kleinkindern als vorhanden vorausgesetzt werden kann. Diese Empathie kann im weiteren Verlauf gefördert oder gebremst werden - Letzteres i.d.R. durch Angst einflößende Erziehungsmaßnahmen (oft kulturell begründet). Umgekehrt kann dem gemäß Individualität gefördert werden, wenn auch Kleinkindern bereits früh geholfen wird, Grenzen Anderer und die eigenen Grenzen wahr zu nehmen, jedoch ohne gleichzeitig negativ wirkende Emotionen wie Angst auszulösen.
Schon das Kleinkind erreicht hierdurch eine stabile Bindung, die auf Vertrauen basiert und hohe individuelle Qualität erreicht, insbesondere die Kommunikation und den Anschluss an weitere Bezugspersonen oder Gruppen nicht verhindert oder erschwert.
Zusammen mit der Empathie wird „empathischer Altruismus“ (Hoffman, 1981) bei Kleinkindern als vorhanden vorausgesetzt, so dass natürliche Empathie und natürlicher Altruismus zunächst eine Einheit sind, deren Elemente nicht einzeln bestehen bleiben können.
Eine fixierte RollenIdentität kann Empathie durch kulturelle Werte und Normen substituieren, es entwickelt sich Gruppenaltruismus einerseits und Egoismus nach Außen andererseits.
Gemäß Hoffman (1981) ist Empathie in individualisierten Gesellschaften für jede Individualität nötig, um Soziale Kompetenz und nicht nur gruppenbezogenen Altruismus zu entwickeln, umgekehrt führt Unterdrückung oder Verhinderung von Empathie in entgrenzten Gesellschaften zwangsläufig zu zunächst allgemein egoistischem Verhalten, das dann durch kognitive Empathie zwar überwunden werden kann, es besteht die Gefahr, dass Reziproker Altruismus (auch invertierter R. A.) entsteht , nicht mehr jedoch natürlicher Altruismus.
Eine Individualität muss bei jedem Gruppenwechsel die Grenzen anderer Individuen in der Gruppe ganzheitlich wahrnehmen und kommunizieren bzw. ggfl. auch neu definieren können, hierzu dient als „Brücke“ die Empathie.
Im Gegensatz zur Rollenidentität erfordert Individualität also ausgebildete Empathie, die im Idealfall während der Individuationsphase erworben oder in dieser als angeborene natürliche Empathie ( gemäß M. Hoffman 1975) weiter entwickelt wird. Später erworbene kognitive Empathie kann diese natürliche Empathie zwar ersetzen, jedoch nicht vollständig.
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