
Individuation ( lat. „individuare“: sich unteilbar/untrennbar machen) ist der Weg zu einem eigenen Ganzen. Es beschreibt den Prozess des Ganzwerdens zu etwas Einzigartigem, einem Individuum. Im Individuationsprozess eines Menschen wird er zu dem, was er „wirklich“ ist. Dieser Prozess beinhaltet die Entfaltung der eigenen Fähigkeiten, Anlagen und Möglichkeiten. Sein Ziel ist die schrittweise Bewusstwerdung, um sich dadurch als etwas Eigenes und Einmaliges zu erkennen und zu verwirklichen (ICH-Werdung und Selbst-Werdung).
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In der Entwicklung des Menschen ist die Individuation ein Schritt, zu dessen Bewältigung ein Konflikt verarbeitet werden muss. In diesem Konflikt geht es darum, sich über die Normen und Werte anderer (z.B. der Eltern) hinwegzusetzen und zu eigenen Normen und Werten zu finden. Dabei ist es nötig, die Erwartungen anderer zu enttäuschen, Verbote zu übertreten und ein eigenes Maß zur Überwindung ungesunder Anpassung zu finden. Das Ergebnis dieses Entwicklungsschrittes bildet sich als innere Repräsentanz ab und nimmt Einfluss auf die Organisation der Persönlichkeit. Je nach Qualität und Ausreifung dieser inneren Repräsentanz verbessert sich die innere Struktur des Menschen. Man kann davon ausgehen, dass die Verarbeitungsmöglichkeiten im späteren Leben weiter verbesserungsfähig sind. [1]
Zitat (1933) des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung: Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte „Individuation“ darum auch als „Verselbstung“ oder als „Selbstverwirklichung“ übersetzen.[2]
Jung betrachtete den Individuationsprozess als einen lebenslangen, unvollendbaren Prozess mit einer stetigen Annäherung an ein „fernes Ziel“, für den der Tod die letzte Grenze ist.[3]
Auf dem Weg seiner Individuation ist der Mensch immer wieder gefordert, sich aktiv und bewusst den neu auftauchenden Problemen zu stellen und seine Entscheidungen vor sich selbst zu verantworten. Individuation bedeutet, sich nicht danach zu richten, „was man sollte“ oder „was im allgemeinen richtig wäre“, sondern in sich hinein zu horchen, um herauszufinden, was die innere Ganzheit (das Selbst) jetzt hier in dieser Situation „von mir oder durch mich“ bewirken will.[4] [5] [6]
Der US-amerikanischer Psychiater und Psychotherapeut Milton H. Erickson legt in der von ihm entwickelten Hypnosetherapie einen besonderen Schwerpunkt auf die Individualität jedes einzelnen Menschen. Für Erickson ist das Unbewusste eine unerschöpfliche Ressource zur kreativen Selbstheilung, Selbstwerdung und Individuation. [7] [8]
Um den Entwicklungsstand der Individuation bei Erwachsenen messen zu können, wurde z.B. der Fragebogen PAFS-Q (Personal Authority in the Family System-Questionnaire von Bray, Williamson & Malone, 1984) entwickelt. Er ist aufgebaut auf der „Persönlichen Autorität im Familiensystem“. Die Selbstwerdung (Individuation des Selbst) innerhalb der leiblichen Familie (Herkunftsfamilie) wird als eine „Autonomie in Bezogenheit“ betrachtet. Dabei bezieht sich hier die Individuation auf das Geschehen innerhalb eines Familiensystems mit mehreren Generationen. Wesentliche Elemente dieses Prozesses, deren Ausreifung Informationen über den Stand der persönlichen Individuation geben, sind ausgeglichenes „Geben und Nehmen“ zwischen den Generationen und auch deren Versöhnung untereinander. Das „Abschließen unerledigter Geschichten“ (keine ungeklärten Situationen offen stehen lassen) und eine Entmystifizierung (unter dem Blickwinkel der Realität betrachten) von Familiengeschichten sind dabei ebenfalls wesentliche Bestandteile.[9]
Fachlich betrachtet ist eine gute Integration der inneren und äußeren Kohärenz der multiplen Selbst- und Beziehungsschemata in direktem Bezug zu sehen mit zunehmender Differenzierung oder Positionierung im Herkunftsfamiliensystem.[10]
Die Psychoanalytikerin Margaret Mahler (1999) (auch: Fred Pine/ Anni Bergman) beschreibt die kindliche Entwicklung als einen Prozess, der durch Loslösung (Ablösung) und Individuation geprägt ist (Individuationsprozess in der Entwicklungspsychologie). Sie betrachtet die Individuation als eine Folge von Entwicklungsschritten, die aus der symbiotischen Verschmelzung mit der Mutter heraus führen. Ziel dieser Entwicklung ist die Ausbildung von individuellen Eigenschaften im Verhalten und des Charakters. Die Phasen im Verlauf dieses Entwicklungsprozesses sind Aufgaben, die Mutter und Kind bewältigen müssen, wenn die Entwicklung des Kindes in die Individualität führen soll.[11] [12]
Der französische Philosoph Gilbert Simondon beschrieb (1964/1989) alle Formen biologischer, psychologischer und sozialer Individuation. Er verbindet die Informationstheorie und die Gestaltpsychologie und versucht so die Individuation insgesamt, betrachtet als verschiedene Formen eines einzelnen Phänomens zu verstehen.[13] [14] [15]
Der Philosoph Bernard Stiegler beschreibt Individuation aufbauend auf der Arbeit von Gilbert Simondon. In der von Stiegler abgewandelten Form berücksichtigt er zusätzlich Ideen von Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud.
Er kritisiert beispielsweise die falschen Vorstellungen, das Individuum sei das, was sich der Gruppe entgegenstellt. Vielmehr sei, wie schon Simondon zeigte, „ein Individuum ein Prozess, der nicht aufhört zu werden, was er ist.“ Auch betrachtet Stiegler die psychische Individuation immer als einen kollektiven Prozess.[16] [17] [18]
Fachlich definiert wird diese kollektive Individuation erst möglich, wenn sich jedes Individuum jede einzelne Einzigartigkeit/Singularität aneignet, die aus dem gemeinsamen vor-individuellen/präindividuellen Vorrat hervorgeht, wie es Simondon nennt. Aus den Prozessen psychischer und kollektiver Individuation gehen die gesellschaftlichen Organisationsformen hervor.
Auch Kuno Lorenz sieht in seiner Beschreibung die Individuation nicht als isolierten Prozess eines einzelnen Wesens. Individuation und Sozialisation erscheinen zunächst wie zwei Gegensätze/Polaritäten. Sie lassen sich jedoch als zwei menschliche Entwicklungsverläufe betrachten, die im wechselseitigen Austausch miteinander stehen. (Fachlich: zwei Phasen einer dialogischen Anthropologie).[19] [20]
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