Kipper- und Wipperzeit


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Der Begriff Kipper- und Wipperzeit entstand aus dem „Umwippen“ der Münzwaage, wenn vollwertige Münzen vor dem Beschneiden („Kippen“) aussortiert wurden.

Als große Kipper- und Wipperzeit bezeichnet man eine weite Teile Mitteleuropas erfassende Finanzkrise im zweiten und dritten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts (siehe auch: Dreißigjähriger Krieg), die ihre regionalen Höhepunkte in der Zeit um 1621 bis 1623 hatte. Um 1680 gab es noch eine „kleine Kipper- und Wipperzeit“ in Deutschland. Der Name leitet sich von der Praktik der betrügerischen Münzentwertung ab, nämlich dem Wippen, bei dem vollwertige Münzen mittels einer Schnellwaage aussortiert wurden, um sie dann entweder einzuschmelzen oder sie an den Rändern zu beschneiden, zu kippen (niederdeutsch für „beschneiden“), und mit dem so gewonnenen Metall unter Zugabe von Kupfer neue Münzen herzustellen.

Inhaltsverzeichnis

Ursachen und Praxis der Geldentwertung

Den Anreiz für die systematische Münzentwertung gab die seit Mitte des 16. Jahrhunderts eingetretene Geldknappheit im Gebiet des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Die Ursachen für diese Geldknappheit lagen einerseits im Rückgang der deutschen Silberproduktion, der Anhäufung von Schatzgeld zur Finanzierung von Söldnerheeren und dem gleichzeitigen Ansteigen des Luxusbedürfnisses an den deutschen Fürstenhöfen. Diese Geldknappheit konnten auch die über Spanien und Portugal aus der "Neuen Welt" ab etwa 1560 importierten Edelmetallmengen - trotz zeitweisem Edelmetallüberangebot - nicht dauerhaft kompensieren. Gleichwohl trat - neben der unten beschriebenen Münzverschlechterung durch geringeren Feingehalt - noch ein allgemeiner Preisverfall der Edelmetalle gegenüber den Nahrungsmittelgrundstoffen ein. Als Ursache kann in Deutschland eine allgemeine Bevölkerungszunahme in den Städten, die auch durch Landflucht in die Städte von Leibeigenen nach den Bauernkriegen nach 1525 verursacht war ("Stadtluft macht frei"), bei gleichzeitiger Stagnation der landwirtschaftlichen Produktivität und Produktion angesehen werden. Im ausgehendem 16. Jahrhundert überlagerten sich somit eine Reihe preistreibender Faktoren, die in den Kriegswirren des Dreißigjährigen Krieges in der Kipper- und Wipperzeit ihren Höhepunkt um 1621 bis 1623 fanden.

In dieser Situation nutzten die Landesherren auch noch einen strukturellen Fehler der Reichsmünzordnung von 1559 aus, die ihnen als territorialen Münzherren die Ausgabe von Landesmünzen mit einem – gegenüber den Reichsmünzen – geringeren Silbergehalt ermöglichte. Betroffen von dieser Geldverschlechterung waren die kleineren Münzsorten wie Pfennig, Kreuzer, Groschen und Halbbatzen. Einige, relativ wenige Großsilbermünzen, Kippertaler genannt, waren jedoch auch von dieser Münzverschlechterung betroffen. Die genannten Kleinmünzen wurden als Nachahmungen gängiger Münzen mit einem unter dem Nennwert liegenden Silbergehalt hergestellt und dann in großen Mengen in anderen Gegenden des Reichs in Verkehr gebracht.

Beispielsweise wurden meist im Feingehalt noch weiter verschlechterte Nachahmungen des bisher wegen seines noch relativ hohen Silbergehaltes geschätzten Schreckenbergers im Ardennenfürstentum Château-Renault und anderen Münzstätten nachgeprägt. Eine andere Methode war die (zeitweise) Duldung und sogar Förderung des flächendeckenden Überziehens der Feudalterritorien durch die Landesherrn mit sogenannten vom Reich nicht autorisierten Heckenmünzen, wo große Mengen minderwertiger Münzen geprägt wurden, die dann durch ihren zusätzlichen Geldumlauf wesentlich zum Anstieg der Inflation beitrugen. Es begann ein durch das Greshamsche Gesetz erzwungener „Wettbewerb“ bei der Verschlechterung der Kleinmünzen zwischen den Münzständen, der erst teilweise sein Ende mit der Einführung der offiziellen Scheidemünze bzw. Landmünze am Ende des 17. Jahrhunderts fand.

Siehe auch: Böhmisches Münzkonsortium durch Hans de Witte, Paul Michna von Vacínov, Karl von Liechtenstein, Wallenstein und Jacob Bassevi (1622)

Folgen und Beendigung

Hauptbetroffene der Geldentwertung waren Festbesoldete, die ihre Einkommen in den von den Fürsten und Städten verschlechterten Münzsorten erhielten, während die Erzeuger landwirtschaftlicher und gewerblicher Produkte eine Bezahlung in harter Währung verlangen konnten. Die einsetzende Preissteigerung führte zu Not, Verarmung und Hunger, woraufhin besonders das städtische Volk in Form zahlreicher Flugblätter gegen die Münzverschlechterung protestierte. Als die Landesherren und Städte endlich erkannten, dass die erzielten Gewinne nur scheinbar waren, weil sie das schlechte Geld nun in Form von Steuern und Abgaben wieder zurückerhielten, begannen sie das Kippergeld wieder einzuziehen und neues nach "alten Schrot und Korn" auszuprägen. Ein weiterer, wichtiger Grund für eine Münzreform mag auch bei den Anwerbungen von Söldnern begründet gewesen sein, die nur für "gutes Geld" kämpfen wollten ... Die Kippermünzen wurden in der Zeit nach 1623, wenn überhaupt noch, dann teilweise weit unter ihrem innerem Metallwert in das neue Geld umgewechselt.

Im Zusammenhang mit weiteren Perioden der Währungsmanipulation spricht man auch von einer „Zweiten Kipper- und Wipperzeit“ (sechziger bis neunziger Jahre des 17. Jahrhunderts), sowie von einer „Dritten Kipper- und Wipperzeit“ (ab 1757, siehe Ephraimiten).

Kursverlauf

Folgende Tabelle gibt den Kursverlag zwischen vollwertigem Reichstaler und minderwertigem Kreuzer wieder

  • 1566: 68
  • 1590: 70
  • 1600: 72
  • 1610: 84
  • 1616/17: 90
  • Ende 1619: 124
  • Ende 1620: 140
  • Ende 1621: < 390
  • 1622/23: 600 und mehr (regional bis über 1000)
  • ab 1623: 90

Siehe auch

Literatur

  • Gustav Freytag: Die Kipper und Wipper und die öffentliche Meinung, in: ders.: Reformationszeit und Dreißigjähriger Krieg. Bilder aus der deutschen Vergangenheit. Band 2. Reformationszeit und Dreißigjähriger Krieg. Gütersloh / München 1998, S. 299–318.
  • Gabriele Hooffacker: Avaritia radix omnium malorum. Barocke Bildlichkeit um Geld und Eigennutz in Flugschriften, Flugblättern und benachbarter Literatur der Kipper- und Wipperzeit (1620-1625) (= Mikrokosmos. Beiträge zur Literaturwissenschaft und Bedeutungsforschung; Bd. 19), Frankfurt a. M. [u.a.] 1988 - vgl. auch diese Rezension.
  • Niklot Klüßendorf: Der Münzschatz von Herborn. Zur Kipperzeit in der Grafschaft Nassau-Dillenburg, Marburg 1989, ISBN 3-7708-0925-4.
  • Fritz Redlich: Die deutsche Inflation des frühen Siebzehnten Jahrhunderts in der zeitgenössischen Literatur. Die Kipper und Wipper, Köln 1972, ISBN 3-412-92872-0.
  • Ulrich Rosseaux: Die Kipper und Wipper als publizistisches Ereignis (1620–1626): eine Studie zu den Strukturen öffentlicher Kommunikation im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges, Berlin 2001, ISBN 3-428-10362-9 – dazu die Rezension von Silvia Serena Tschopp, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 3.
  • Konrad Schneider: Hamburg während der Kipper- und Wipperzeit, in: Zeitschrift des Vereins für hamburgische Geschichte 67 (1981), S. 47–74.
  • Konrad Schneider: Frankfurt und die Kipper- und Wipperinflation der Jahre 1619–1623, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-7829-0395-1.
  • Konrad Schneider: Artikel Kipper- und Wipperzeit, Münzwaage und Schreckenberger, in: Michael North [Hrsg.]: Von Aktie bis Zoll. Ein historisches Lexikon des Geldes, München 1995, ISBN 3-406-38544-3.
  • Karl Weisenstein: Die Kipper- und Wipperzeit im Kurfürstentum Trier, Koblenz 1991, ISBN 3-923708-06-8.
  • Bernd Sprenger: Das Geld der Deutschen, 3.Auflage Paderborn u.a. 2002, S.107, ISBN 3-506-78623-7

Weblinks

Wikisource Wikisource: Kipper- und Wipperzeit – Quellentexte






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