
„Konservative Revolution“ ist in der heute verwendeten Form ein 1950 von Armin Mohler eingeführter und bis heute umstrittener Sammelbegriff [1] für eine Gruppe ideologischer Strömungen und der sie tragenden Akteure, die sich im Kontext der Weimarer Republik entwickelten. Gemeinsam war diesen Akteuren, dass ihre Ideologien entschieden antiliberale, antidemokratische und antiegalitäre Züge trugen. Ihr Rechtskonservatismus unterschied sich vom traditionellen Konservatismusbegriff des Zentrums oder der DNVP grundlegend und manifestierte sich nicht in einer politischen Partei. Die Konservative Revolution wird in der Geschichtswissenschaft oft in Verbindung mit dem Nationalsozialismus behandelt.[2] Heute greifen Vertreter der Neuen Rechten auf Ideologiemuster der Konservativen Revolution zurück.[3]
Seltener wird der Begriff in jüngster Zeit auch für verschiedene, meist dem Neokonservatismus oder Neoliberalismus zugeordnete Vorgänge, Personen und Tendenzen der jüngeren Vergangenheit verwendet.
Inhaltsverzeichnis
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Der Begriff wurde ursprünglich nicht für eine bestimmte Strömung, sondern für ganz verschiedene Sachverhalte verwendet. So schrieb Friedrich Engels 1848 in Bezug auf den polnischen Novemberaufstand von 1830:[4]
Charles Maurras benutzte den Begriff in seinem Werk Enquête sur la monarchie (1900). Er beschreibt damit eine radikale Reaktion als Revolution gegen die Revolution, durch eine entschlossene und gut organisierte Minorität.[5]
Thomas Mann bezog ihn in seiner Russischen Anthologie (1921) auf Friedrich Nietzsche:[7]
Hugo von Hofmannsthal machte den Begriff mit seiner Rede Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation (1927) populär:[8]
Er wollte ausgehend von der Literatur ein nationales Traditionsbewusstsein schaffen, das auch durch historische Umwälzungen nicht zerrissen werden könne. Während Frankreich als Nation durch ein unzerreißbares Gewebe der Sprache und des Geistes zusammengehalten werde, seien die „produktiven Geisteskräfte“ Deutschlands zerrissen; hier sei der Begriff der geistigen Tradition kaum anerkannt.
Die Rede wurde von national-konservativer Seite positiv aufgegriffen. Das veranlasste Thomas Mann [9] gegenüber Hofmannsthal kurz darauf zu sorgenvollen Einwänden, wie er 1955 in einem Brief an Willy Haas schrieb:
Ab etwa 1930 verwendeten der konservative Volkstums-Theoretiker Wilhelm Stapel und der Jurist und Politiker Edgar Julius Jung [11] den Begriff in ihren politischen Schriften. Durch die von Jung verfasste Marburger Rede, die 1934 eine staatsstreichartige Brechung der NSDAP-Herrschaft propagierte, erhielt der Begriff politische Bedeutung.
1941 erschien in den USA das Buch The Conservative Revolution (dt.: Die Konservative Revolution – Versuch und Bruch mit Hitler) von Hermann Rauschning. Darin stellte der ehemalige Senatspräsident Danzigs eine Faschismustheorie aus konservativ-bürgerlicher Sicht auf.
1950 löste Armin Mohlers Buch Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932 eine breite historisch-politische Debatte aus. Mohler bezog den Begriff auf etwa 350 Personen, die er fünf verschiedenen republikfeindlichen, aber nur zum Teil nationalsozialistischen Gruppen zuordnete. Damit stellte er eine eigenständige Strömung der Weimarer Zeit mit einem politischen Profil dar, das sich zum Teil deutlich vom Nationalsozialismus unterschieden habe. Sie stieß jedoch bei Historikern auf Widerspruch: Mohler habe den Begriff nur als Opposition zur Weimarer Verfassung und zu liberalen Gesellschaftsmodellen, nicht aber positiv definiert. Dies lassen heutige Politikwissenschaftler nicht als Kriterium für eine eigene politische Richtung gelten.
Für Louis Dupeux jedoch war die Konservative Revolution in der Weimarer Republik die dominierende Ideologie, die als deutscher Präfaschismus (préfascisme allemand) anzusehen sei.[12]
Für den Soziologen Stefan Breuer ist der Begriff unzutreffend, aber dennoch historisch wirksam geworden:
Trotz ähnlicher Denker und Strömungen in anderen europäischen Ländern – etwa Georges Sorel, Maurice Barrès, Julius Evola, Vilfredo Pareto oder Wladimir Zeev Jabotinsky [14][15][16] – wird der Begriff meist nur auf die Weimarer Bewegung bezogen.
Ein wirkungsmächtiger geistiger Einfluss auf Vertreter dieser Bewegung wird nach Mohler dem Dichter Stefan George zugesprochen.[17][18] Zu der Bewegung oder ihrem Umfeld zählt Mohler mit unterschiedlicher Gewichtung u.a. Oswald Spengler, Arthur Moeller van den Bruck, die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger, Ernst von Salomon, August Winnig, Georg Quabbe, Edgar Jung, Othmar Spann, Hans Freyer, Ernst Niekisch, Wilhelm Stapel, Hans Zehrer und den Tat-Kreis, Carl Schmitt, Ludwig Klages, Thomas Mann, Martin Niemöller, Hugo von Hofmannsthal und die Lensch-Cunow-Haenisch-Gruppe.[19]
Thomas Mann distanzierte sich ab 1922 zunehmend von seiner konservativ-monarchistischen Einstellung, die er noch in den Betrachtungen eines Unpolitischen gezeigt hatte, und trat für die Weimarer Republik und ihre Werte ein. In einer Tagebuchnotiz vom 26. September 1933 bezeichnete er den Nationalsozialismus als „politische Wirklichkeit jener konservativen Revolution“, einer geistigen Bewegung, der er aus „Abscheu vor ihrer Realität“ widerstanden habe.[20]
Auch die Zuordnung von Ernst Jünger zur Konservativen Revolution bzw. den Jungkonservativen ist umstritten.[21]
Der konservativ-katholische Staatsrechtler Carl Schmitt kann dieser Strömung nur sehr eingeschränkt zugerechnet werden. Obwohl Schmitt dezidierter Antiliberaler war, richtet er sich scharf gegen eine Politische Romantik, der wie Othmar Spann oder der Tat-Kreis viele der konservativen Revolutionäre anhingen. Die Zuordnung Schmitts zur Konservativen Revolution geht auf das o.g. Standardwerk seines Schülers Armin Mohler zurück.
Die Autoren der Konservativen Revolution bildeten keine feste Gruppe, sondern eher ein verzweigtes publizistisches Geflecht. Sie schufen keine einheitliche Doktrin, bemühten sich jedoch alle, ähnlich dem italienischen Faschismus, die „Phänomene der Moderne“ in eine theoretische Synthese mit einer rechten Weltanschauung zu bringen. Die Konservative Revolution kann auch als Reaktion auf eine als krisenhaft empfundene gesellschaftliche Modernisierung verstanden werden, als eine neokonservative intellektuelle Suchbewegung im Umbruch der sich durchsetzenden Moderne. So interpretiert Rolf Peter Sieferle sie als einen „deutschen antiwestlichen Übermodernismus“ und „den Versuch einer revolutionären Überwindung der Technikkritik“,[22] und Richard Herzinger sieht in ihr „den Versuch der Überbietung des Modernisiserungsprozesses“.[23]
Die Konservative Revolution ist anhand ihres Verhältnisses zu und ihrer Definition von wesentlichen Begriffen und Theorien der Geistesgeschichte und Gesellschaftslehre zu charakterisieren. Aufgrund der mangelnden Trennschärfe des Begriffs Konservative Revolution zu anderen rechtsgerichteten, aber auch gänzlich anders orientierten Bestrebungen der Zeit, sowie wegen der Uneinheitlichkeit ihrer Untergruppierungen (nach Mohler) und des ausgeprägten Individualismus ihrer „wichtigsten Vertreter“, sollte dies aber stets als ein eher „andeutender Versuch der gedanklichen Annäherung“ als eine strikte Einordnung betrachtet werden.
Wie Mohler beschreibt, können viele Widersprüche dieser angeblichen Bewegung verstanden werden, wenn man ihre Ziele analysiert. So habe sie versucht, die antagonistischen – aus ihrer Sicht nur scheinbaren und Deutschland spaltenden – Begriffe wie „rechts – links“, „konservativ – revolutionär“, „nationalistisch – sozialistisch“, „individualistisch – kollektivistisch“ u.a. zu überwindenden und in Gebilden wie einer unklar definierten „Mitte“ bzw. eines „dritten Weges“ (Drittes Reich) aufzulösen bzw. zu integrieren.[24]
Speziell das wissenschaftlich umstrittene, weltanschaulich sehr widersprüchliche Verhältnis der Konservativen Revolution zum Nationalsozialismus lässt sich nach Kurt Sontheimer nur beschreiben, wenn die gemeinsamen Wurzeln aber auch Unterschiede zwischen beiden berücksichtigt werden. Die inneren Widersprüche der Konservativen Revolution und des Nationalsozialismus, sowie die internen Machtkämpfe zu Beginn der nationalsozialistischen Bewegung und Machtergreifung sollten dabei nicht übersehen werden.[25]
Der „neue Konservatismus“ heftet sich nicht an angeblich „bloß Historisches“ sowie Formen und Typen politischer Gestaltung. Er lehnt eine rein zweckgerichtete, politische Vernunftordnung ab.[26] Er ist in wesentlichen Teilen bewusst irrational und beruft sich stattdessen auf vorgeblich ewig gültige Werte und Ideale als Basis der Gesellschaft.[27] Er ist nach Gustav Steinbömer orientiert an der ewigen „ordre de coeur“ [Ordnung des Herzens], nicht an den wechselnden Idealen der Ratio.[28] Einer ihrer Vertreter, Edgar Julius Jung, drückte dies 1932 in folgenden Worten aus:
Hans Mommsens Analyse geht in eine ähnliche Richtung. Ein antibürgerlicher Affekt großer Teile der Kriegs- und Nachkriegsgeneration habe sich in einer emotionalen Abkehr interessenorientierter Politik ausgedrückt. Diese Einstellung habe Ernst von Salomon auf die autobiographisch geprägte Formel gebracht: „Was wir als politisch erkannten, das war schicksalsmäßig bedingt. Jenseits unserer Welt war die Politik interessenmäßig bedingt.“ [30] Dieses Bekenntnis zum politischen Irrationalismus finde sich auch in einer Wendung Ernst Jüngers, der Instinkt sei der Intelligenz überlegen. Beide Autoren seien nicht nur für neokonservative Strömungen repräsentativ, sondern für die Angehörigen ihrer Altersgruppe, weil sie aus gesinnungsethischen Gründen das „unheroische Tagesgeschehen“ als „politischen Kuhhandel“ abtaten.[31]
Einzelne Autoren erkennen in den Zielen, Idealen und Ideologien der Konservativen Revolution sogar eine starke Politikfremdheit.[32] Carl von Ossietzky bezeichnete Moellers Drittes Reich als ein politikfreies Lamento von monotoner Melancholie.[33]
Der Begriff Konservatismus bzw. konservativ bezeichnete zunächst im Sinne des Strukturkonservatismus eine Haltung, die eine gewachsene Gesellschaftsordnung bewahren will und sich positiv auf deren konstituierende Wertvorstellungen bezieht. Die konservative Revolution sei in diesem klassischen Sinne nicht mehr konservativ. Sie wolle nicht Tradiertes bewahren, sondern neue „lebendige Werte“ setzen. Arthur Moeller van den Bruck, Vertreter der Konservativen Revolution schreibt dazu:
Dies „zu Erhaltende“ gilt es nach Auffassung des revolutionären Konservatismus erst noch zu schaffen. In diesem Sinne formulierte Moeller van den Bruck eine neue Definition, die noch heute von Konservativen und Neuen Rechten aufgegriffen wird:
Tatsächlich traten viele Autoren der Konservativen Revolution nicht für eine konservative Restaurierung, sondern für eine radikale Erneuerung der Gesellschaft ein. Ihre Gedanken waren nicht antimodern, zielten aber auf eine andere, eine deutsche Moderne. Die Konservative Revolution grenzte sich dabei ebenso von den alten als reaktionär begriffenen Konservativen wie vom Liberalismus ab. Sie trat dabei als eine vornehmlich literarisch-publizistische Bewegung in Erscheinung, die innerhalb eines sehr viel breiteren konservativen Spektrums zunehmende intellektuelle Anziehungskraft entfaltete.
Aus diesem Selbstverständnis wird auch der aus heutiger Sicht schwer verständliche und unüberbrückbar erscheinende Widerspruch zwischen den scheinbar einander ausschließenden Begriffen „konservativ“ als „bewahrend“ und „Revolution“ als „Veränderung“ leichter begreiflich. So meinte der französische Neurechte Alain de Benoist in einem Interview:
Er habe also nicht zwangsläufig, wie der herkömmliche Konservatismus, die Bewahrung eines aktuellen, für gut erachteten gesellschaftlich oder kulturellen Status quo, sondern die Bewahrung bzw. Wiederherstellung eines fiktiven, vorgeblich schon immer gegebenen „natürlichen Idealzustandes“ zum Ziel.[37] Da er sich an außerhalb der Historie festgemachten Werten und einer angeblich existenziellen Substanz, der genannten Ordre de couer, orientiert, kann er also situativ ebenso revolutionär schaffend und zerstörend, wie konservativ erhaltend, als auch reaktionär orientiert sein.[38] Dass er sich in der damaligen Zeit eher als revolutionär begriff, liegt alleine an den aus seiner Sicht „momentan zugeschütteten Ewigkeitswerten“. So schreibt Gustav Steinbömer im Jahr 1932:
Die durchgehende Ablehnung des Liberalismus und der auf ihm beruhenden Institutionen war ein wesentliches, aber kein alleiniges Merkmal annähernd aller Vertreter der Konservativen Revolution, welches sie mit einem Großteil der damaligen Bevölkerung und Parteien – unabhängig von deren politischer Ausrichtung – verband.[40]
Als historischen Ausgangspunkt der aus ihrer Sicht „verhängnisvollen Entwicklung“ verortet die Konservative Revolution die Aufklärung und speziell die Französische Revolution.[42] Der Liberalismus und seine Auswirkungen werden in den Schriften ihrer Vertreter durch Gleichsetzung mit Formulierungen wie „seelenloser Mechanismus“, „Atomismus“, „krankhafter Individualismus“, „Nihilismus“, „Wertelosigkeit“, oder „kultureller Verfall“ polemisch diskreditiert. So schreibt Moeller van den Bruck in Das Dritte Reich:
Als Gegenmodell zu Gesellschaft, die letztendlich nur auf Summierung von Einzelinteressen beruhenden würde, wurden in Weiterentwicklung des auf Ferdinand Tönnies (Gemeinschaft und Gesellschaft) beruhenden Modells diverse Gemeinschaftsmodelle propagiert.
Die Kritik beschäftigte sich dabei gleichermaßen mit konkreten und aktuellen Erscheinungsformen des Parlamentarismus, wie mit einer grundsätzlichen und nicht nur emphemeren Kritik an dessen Axiomen.
So bemerkt z.B. der in seinen Grundprinzipien antiliberale Carl Schmitt,[44] dass es ihm im Prinzip darum gehe den letzten Kern der Institution des Parlamentarismus zu treffen.[45] Auch manche damalige Schriften des sich selber allerdings als unpolitischen Sensor sehenden Ernst Jüngers sind von einem starken Antiliberalismus geprägt.[46] So schreibt Jünger 1926 über den zukünftigen Staat:
Liberales Gedankengut und Demokratie wurde von Vertretern der Konservativen Revolution, wie dem TAT-Kreis mitunter in folgenden Worten abgelehnt:
Dem Gedanken des Liberalismus entspringende Ideen wie Demokratie, Parlamentarismus, Repräsentation, Parteien, u.a. wurden als einfache Folgeerscheinungen des Liberalismus entweder abgelehnt, oder in „entkernender Weise“ umgedeutet. Demokratische Vordenker wie Rousseau wurden von Vertretern der Konservativen Revolution in vage Berufung auf die Volonte Generale beliebig uminterpretiert.
Ein treffendes Beispiel für eine vollkommene Umdeutung des heutigen Demokratiebegriffs von Vertretern der Konservativen Revolution ist dabei folgender Satz:
Mit der Ablehnung des modernen, demokratischen Staatsgedankens der Weimarer Republik standen die Vertreter der Konservativen Revolution nicht allein da. Einflussreiche Denker wie Alfred Weber oder Carl Schmitt formulierten ähnliche Kritik an Theorie und Praxis von Staat und Gesellschaft.
Man verachtete die Weimarer Republik als einen schwachen (von den Siegermächten mit Absicht so entworfenen) Nachtwächterstaat ohne wirkliche äußere Souveränität.[51] Er sei der Austragung von Interessengegensätzen von Parteien, Verbänden und Einzelnen ausgesetzt und werde daran zugrunde gehen. Hierbei wurde besonders das Vordringen wirtschaftlicher Mächte in die Politik kritisiert und abgelehnt. Diesem Interessenkampf sollte er enthoben werden, um die Nation als eine über allen Parteiungen stehende machtvolle Instanz wieder in Zucht und Ordnung zu halten.[52] Der jungkonservative Publizist Heinrich von Gleichen-Rußwurm formulierte dies folgendermaßen:
Speziell der individualistische Ausgangspunkt des auf Thomas Hobbes, John Locke und Jean-Jacques Rousseau zurückgehenden staatstheoretischen Vertragsdenkens wurde als typisch britisch abgelehnt. Es würde dem deutschen Wesen diametral entgegenstehen und die Bildung einer wahren Volksgemeinschaft verhindern. Oswald Spengler drückte dies 1919 in folgenden Worten aus:
Die Demokratie sah er als Formlosigkeit in jedem Sinne als Prinzip, den Parlamentarismus als verfassungsmäßige Anarchie, und die Republik als Verneinung jeder Art von Autorität.[55]
Stattdessen wurde ein starker, autoritärer und keiner innerweltlichen oder transzendenten Legitimation von außen mehr bedürfender Staat angestrebt. Dieser wird damit in Nachfolge des hegelschen Staatsgedankens [56] fast zu einem höchstens noch vagen „Volkswillen oder Wohl“ verpflichteten Selbstzweck bzw. zu einem „Staat um seiner selbst willen“. Julius Binder beschreibt diesen 1933 als eine ursprüngliche, selbstherrliche, nicht von den Bürgern abgeleitete Herrschaft, eine autoritäre Gewalt,[57] und Friedrich Gogarten meint 1932: Die Hoheit des Staates bedarf keiner weiteren Sanktionierung, auch nicht durch die Kirche.[58]
Von vielen Vertretern der Konservativen Revolution wurden ständische, korporative Modelle als Organisationsformen der Gesellschaft angestrebt. Diese seien organische Staatsauffassungen, welche aus der Betonung der Ungleichheit der Menschen die Notwendigkeit einer – vorgeblich in der Natur begründeten – hierarschischen Ordnung in an die Ständeordnung des Mittelalters angelehnten Stufen ableiten.[59] Wegweisend war hierfür Othmar Spanns Schrift Der wahre Staat aus dem Jahr 1921, in dem er ausführt,
Ständestaatlichen Ideen ist somit eine Elitevorstellung zu eigen, welche auch einen autoritären oder totalen Staat – trotz der Bedeutung von Dezentralisierung und Selbstverwaltung im Ständestaat – und das Führerprinzip als durchaus damit vereinbar und sich ergänzend erscheinen lässt. Dennoch ist zu erwähnen, dass sich zumindest der TAT-Kreis um Hans Zehrer gleichermaßen gegen die Versuche der Errichtung eines autoritären Staates durch Franz von Papen, als auch die Absolutsetzung einer Partei im Nationalsozialismus wandte.[61]
Verschiedene Vertreter der Konservativen Revolution, wie Spengler, Sombart, Niekisch und die Lensch-Cunow-Haenisch-Gruppe standen auch dem Sozialismus nahe und strebten einen nationalen Sozialismus an. Ein dem marxistischen Impuls verwandter antikapitalistischer und antibürgerlicher Grundzug ist durchaus festzustellen.[62] So schreibt Kurt Sontheimer:
Der Sozialismusbegriff unterschied sich insofern von dem der traditionell Linken als die soziale Frage gegenüber dem Willen, einen starken Staat zu bilden, stärker in den Hintergrund trat.
Der dem Sozialismus unentbehrliche Fortschrittsgedanke und Glaube an die Möglichkeit eines nach Rousseau zum Besseren und Guten befähigten und durch pädagogische Bemühungen dazu umzuwandelnden Menschen ist den meisten Vertreten der Konservativen Revolution eher fremd.[64]
Der Sozialismus der Konservativen Revolution lehnt ebenfalls das für den traditionellen Sozialismus fundamentale Postulat eines anzustrebenden Egalitarismus zugunsten einer gestuften, natürlichen Rangordnung, welche sich z.B. in korporativen oder ständischen Strukturen verwirklichen lasse, ab. So sieht Othmar Spann in Der wahre Staat die Forderung nach Gleichheit als degenerationsfördernd:
Ein wesentlicher Unterschied zum Marxismus und Sozialismus war die durchgehende Ablehnung des Internationalismus und Fremden.[66] Dies zeigt sich schon an den verwandten bzw. neu geschaffenen Begriffen nationaler Sozialismus, deutscher Sozialismus und preußischer Sozialismus (bei Spengler).
Ein weiterer wichtiger Unterschied zum traditionellen Sozialismus besteht in der Außerachtlassung ökonomischer Gesichtspunkte. Genaue Begriffe, Forderungen und Analysen wie z.B. die Erlangung der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel, eine gerechtere Verteilung des Sozialprodukts, eine Theorie des Klassenkampfes, sucht man hier vergebens. Sozialismus wird meist als eine vage, volkshafte, durch die Autorität des Staates zusammengehaltene Ordnung, in welcher der Einzelne seine egoistischen Interessen zugunsten des Dienstes an der Gemeinschaft aufgibt, verstanden.[67] Die Klassengegensätze sollten in einer homogenen Volksgemeinschaft aufgehoben werden, und die Stärkung der Arbeiterschaft wurde als Mittel zur Stärkung der Nation begriffen.
Der Nationale Sozialismus versteht sich dabei auch als Weiterentwicklung / verbesserte Fortentwicklung und Überwindung des Marxismus. So schreibt Moeller van den Bruck:
Das Spektrum der sozialistischen Vorstellungen ist in sich dennoch vielfältig. Es reicht von einem traditionellen Sozialismus in nationalem Rahmen, wie im TAT-Kreis, bis zur völligen Umbiegung des Sozialismus-Begriffs in Richtung auf einen nationalen Einheitsstaat.[69] Dabei ist die Konservative Revolution – auch aufgrund mancher inhaltlicher Berührungspunkte – bemüht, sich von damals populären nationalbolschewistischen Vorstellungen und Modellen abzugrenzen.[70] Die Übernahme, Umdeutung und Besetzung von Begriffen der sozialistischen Arbeiterbewegung der 1920er Jahre bildet einen weiteren Baustein der Konservativen Revolution.[71]
Das Verhältnis von der Konservativen Revolution zugeordneten beziehungsweise dieser nahestehenden Vertretern zum Rassismus und Antisemitismus ist unterschiedlich. Viele Personen wie Ernst Jünger, Julius Jung, Jörg Lanz von Liebenfels, Wilhelm Stapel, Theodor Fritsch, August Winnig, Willibald Hentschel, oder Carl Schmitt, bekannten sich zumindest in einer Phase ihres Wirkens mehr oder weniger offen zu rassistisch und/oder antisemitischem Gedankengut und förderten dies teilweise auch.
So schrieb Jung 1930, obwohl er eine Abstufung staatsbürgerlicher Rechte nach rassenmäßigen Gesichtspunkten ablehnte und Antisemitismus als Politik des Ressentiments kritisierte, von der „Tatsache wertvoller und minderwertiger Rassen“, welche „den Niedergang der antiken Kulturen durch rassische Zersetzung mitverschuldet“ habe, und forderte die Emanzipation der Juden als Staatsbürger durch die „Hebung rassisch wertvoller Bestandteile des deutschen Volkes“ und die „Verhinderung minderwertigen Zustromes“ zu revidieren. August Winnig schrieb in Befreiung 1926 und in Das Reich als Republik 1928: „Blut und Boden sind das Schicksal der Völker.“ [72] Willibald Hentschel entwickelte Projekte einer arischen Rassenzüchtung; Jörg Lanz von Liebenfels sprach vom „reingezüchteten und verklärten weißen Mensch der Zukunft“, und Carl Schmitt betonte 1936:
Ernst von Salomon schrieb das Drehbuch für den 1941 rassistisch-antisemitisch gefärbten gleichnamigen Spielfilm über den deutschen Afrikaforscher Carl Peters. Ernst Jünger distanzierte sich zwar von biologisch-rassisch begründeter Judenfeindschaft und half an der Ostfront verfolgten Juden, trat aber vor dem Krieg für eine politische und kulturelle Trennung von Deutschtum und Judentum ein, und kritisierte 1930 den vorhandenen Antisemitismus als „zu wenig wirksam und effizient“. Im Jahr 1925 schrieb Jünger:
Der Stand der Forschung zu einem eventuell untergründigem Antisemitismus des allerdings nur von Mohler der Konservativen Revolution zugerechneten Thomas Mann ist nicht eindeutig.[75]
Wenige wie Oswald Spengler oder Othmar Spann distanzierten sich mehr oder minder eindeutig von Rassismus und Antisemitismus.
In den Theorien Spanns ist eine antisemitische Diskriminierung nicht erforderlich, und die NS-Rassentheorien werden von ihm abgelehnt.[76]
Oswald Spengler, der sich in Jahre der Entscheidung – Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung 1933 ausdrücklich von der NS-Rasseideologie distanzierte, lehnte schon in Der Untergang des Abendlandes 1914 den Begriff der Rasse als unwissenschaftlich ab:
Die Konservativen Revolutionäre waren in der Regel keine aktiven Nationalsozialisten, welche sich in der NSDAP betätigten und Hitler als Führer verherrlichten, standen aber ebenso wenig nationalsozialistischen Ideen in fundamentaler Ablehnung gegenüber.[78] Die Bewegung wird unter anderem von Kurt Sontheimer als einer der „intellektuellen Wegbereiter“ des Nationalsozialismus gesehen.[79] Eine heutzutage populäre historische Betrachtung und moralische Wertung der einzelnen Vertreter allein anhand ihrer Einstellung zur NSDAP oder der Person Hitlers hält Sontheimer für zu kurz gegriffen.[80]
Armin Mohler konstatiert, dass der Nationalsozialismus wie von anderen Gruppen so auch bei der Konservativen Revolution – speziell bei den Völkischen und den Nationalrevolutionären – Anleihen aufgenommen habe und somit als ein vergröbernder Verwirklichungsversuch ihrer Ideen aufgefasst werden könne.[81]
Trotz dieser Differenzierungen sei darauf hingewiesen, dass einige Autoren wie Zeev Sternhell Konservative Revolution und deutschen Faschismus mitunter relativ eng miteinander in eins setzen:
Das unmittelbare Verhältnis zwischen der volkstümlich-populistischen NS-Bewegung und der elitären Konservativen Revolution blieb eher ambivalent bis angespannt bzw. feindselig, obgleich in der Publizistik der Bewegung oft Elemente späterer nationalsozialistischer Herrschaftsentfaltung vorweggenommen und propagiert wurden (z.B. das Dritte Reich) und ihr antidemokratischer Kampf gegen die Weimarer Republik dem Nationalsozialismus den Weg ebnete. Der Massencharakter des Nationalsozialismus, der von den konservativen „Revolutionären“ auch als „zu demokratischer Teil des Parteiensystems“ diffamiert wurde, war nur schwer vereinbar mit ihrer individualistischen, intellektuellen Bohème-Attitude. Wegen des Elitedünkels, den sie kultivierten, fühlten sie sich vom proletarischen Gestus der nationalsozialistischen Massenbewegung nicht angesprochen. Diese Ambivalenz zwischen Bewunderung und „intellektueller Distanz“ wird an folgendem Text von Edgar Julius Jung recht deutlich:
Der Nationalsozialismus wurde von vielen Vertretern der Konservativen Revolution als eine prinzipiell zu begrüßende, ihre Vorstellungen vorbereitende und teilweise realisierende Entwicklung begrüßt, welche noch „zu verbessern“ und/oder „zu überwinden“ sei.[84] Er wird als ein nützliches, später aber entbehrliches und selber zu beseitigendes Werkzeug zur praktischen Umsetzung der Vorstellungen der Konservativen Revolution betrachtet. So schreibt Hans Bogner 1932:
Die Einordnung der Opposition und des Widerstands von Vertretern der Konservativen Revolution gegenüber dem Nationalsozialismus, sowie die Verfolgung ihrer Ideen und Vertreter durch selbigen muss besonders unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses zweier sich in Weltanschauung und manchen Einzelvorstellungen nahestehenden und trotzdem in Konkurrenz zueinander befindlichen Gruppierungen betrachtet werden. Mohler beschreibt das Verhältnis beider zueinander als das einer „relativ unbeweglichen Massenpartei“ zu einem „geistig regeren kleineren Kreise“. Er charakterisiert die Konservative Revolution in Analogie zur russischen Revolution als „Trotzkisten des Nationalsozialismus“, die nach der Machtergreifung der „Partei“ meist besonders harter Verfolgung als „Häretiker“ ausgesetzt seien.[87]
Die Reaktion von Vertretern der Konservativen Revolution auf die Machtübernahme und das Regime reichen von mehr oder minder ausgeprägter Zustimmung und/oder Mitarbeit, über Rückzug ins Privatleben (Friedrich Hielscher), vorsichtige Distanzierung und/oder passiven, verdeckten Protest (Spengler, Friedrich Georg Jünger in seinem Gedicht Der Mohn,[88] Ernst Jünger in seiner Erzählung Auf den Marmorklippen), Emigration (Otto Strasser, Hans Ebeling) bis zu offenem Widerstand (Niekisch, Niemöller, Staufenberg, Harro Schulze-Boysen, Jung [89]). Die Repressionen seitens des Nationalsozialismus reichen von Behinderung der Wirkungsmöglichkeiten (Albrecht Erich Günter, Ernst Jünger) bis zu Verhaftung und Ermordung in Konzentrationslagern (Niemöller, Othmar Spann, Harro Schulze-Boysen, Albrecht Haushofer und Ernst Niekisch).[90]
Die direkte Zuordnung einiger Vertreter der Konservativen Revolution zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus [91] ist sehr problematisch, da diese Personen entweder nur von Armin Mohler dieser zugerechnet werden (Niemöller, Schulze-Boysen), oder nur sehr eingeschränkt als Widerständler zu bezeichnen sind (Niekisch). So schreibt Hans Mommsen:
Auch wenn das Christentum – besonders in seiner kirchlichen Form und vielen seiner Repräsentanten – und der Konservativismus im heutigen und noch stärker im „Weimarer“ Alltagsverständnis meist in vielen Punkten als eng verwandt empfunden werden (was in Blick auf die Altkonservativen zum Teil auch gerechtfertigt erscheint), sind die Unterschiede zwischen den fundamentalen Positionen der meisten Vertreter der Konservativen Revolution und des Christentums dennoch größer als die Gemeinsamkeiten.[93]
Als ein fundamentaler Unterschied ist die gänzlich andere Auffassung von Sinn und Ziel der Geschichte zu begreifen. Während die Konservative Revolution diese meist als einen „im Werden“ begriffenen, von Risiken und Zwischenstufen begleiteten (manchmal wie bei Spengler auch zirkulären) Vorgang ohne exakt absehbares Endergebnis begreift, betont das christliche Geschichtsbild eher den linearen, aufwärtsgerichteten und vorherbestimmten Gang der Entwicklung vom Tod Christi bis zum Jüngsten Gericht.[94] [95]
Ein weiterer fundamentaler Unterschied ist die Antwort auf die Frage nach dem absoluten Wert des Individuums. Die christliche Lehre betont, auch in den Schriften vieler Denker wie z.B. Romano Guardini, explizit den „Wert und die unteilbare Würde des Individuums“ gegenüber den Interessen jeglicher Gemeinschaft, Gesellschaft oder Assoziation.
Diese christlichen Wertschätzung des Individuums scheinen mit Äußerungen mancher Vertreter der Konservativen Revolution, welche ein wie auch immer gestaltetes Kollektiv dem Einzelnen vorordnen, unvereinbar. Ein Beispiel für das angestrebte organische Gemeinschaft mag dabei folgendes, in theologischem Duktus gehaltene Zitat von Herbert Ullmann aus dem Jahr 1929 sein:
Trotz dieser grundsätzlichen Unterschiede ist festzustellen, dass manche der Konservativen Revolution zugeordnete Menschen, wie Hermann Ullmann, August Winnig, Martin Niemöller, Friedrich Gogarten, Hans Althaus, mit ihren in die Nähe jungkonservativer Lehren führenden Bemühungen, überzeugte Christen waren, welche der Meinung waren, christliche Glaubensgrundsätze mit den Zielen der Konservativen Revolution in Übereinstimmung bringen zu können.[97]
Armin Mohler fasste Nationalrevolutionäre, Jungkonservative, Völkische, Bündische und Landvolkbewegung als die fünf Hauptgruppen einer Konservativen Revolution, die es allerdings unter diesen Sammelbezeichnungen im Untersuchungszeitraum des Autors, den zwanziger und dreißiger Jahren, nicht gab. Er gliedert die Vertreter der in fünf Untergruppen (bei ihm Leitbilder), wobei er die Unterschiede innerhalb der Untergruppen dabei für geringer als innerhalb der Obergruppe erachtet. Widersprüche zwischen Unter- und Obergruppen bezüglich einzelner Aussagen schließt Mohler nicht aus.[98]
Die auf die wilhelminische Zeit zurückgehende in sich sehr uneinheitliche Völkische Bewegung vereinige synkretistisch verschiedenste Ansätze. Sie berufe sich auf Begriffe wie „Rasse“, „Nordische Rasse“, das „Germanentum“ oder auf den Gegensatz zwischen einer „hellen Lichtrasse“ und ihrem Gegenpart. Dabei werde der Begriff der Rasse nicht nur biologisch, sondern auch kultürlich, z.B. als „gemeinsame Sprache“ [99] oder „Ausdruck einer Landschaftsseele“,[100] aufgefasst. Das Christentum wurde teilweise, z.B. in Germanisierung des Christentums von Arthur Bonus oder in Ein arischer Christus? von Jakob Wilhelm Hauer, im „arischen Sinn“ umgedeutet. Die Gruppe steht ferner diversen esoterischen, spiristischen, und neopaganistischen Lehren und Theorien – wie z.B. der „Suche nach Atlantis“ [101] oder Lehren der sogenannten „Theozoologie“ [102] – nahe. Diese würden teilweise dazu verwandt, die rassistischen Ideen zu untermauern.[103] Obgleich sich einzelne völkische Organisationen und Personen dem Nationalsozialismus in unterschiedlich enger Form anschlossen und die Machtergreifung Hitlers von völkischer Seite mehrheitlich begrüßt wurde, verloren die nach 1933 fortbestehenden völkischen Organisationen rasch an Bedeutung. Den Völkischen werden unter anderem Theodor Fritsch, Willibald Hentschel, Otto Ammon, Houston Stewart Chamberlain, Guido von List, Jörg Lanz von Liebenfels, Herman Wirth, Ernst Graf zu Reventlow, Erich Ludendorff, Ludwig Woltmann und Jakob Wilhelm Hauer zugeordnet.[104]
Seitens der Völkischen Bewegung bestanden weniger ideologische als vielmehr politisch-praktische und machtpolitische Widersprüche zum Nationalsozialismus. So entwickelten die Vertreter der Völkischen keine zum NS vergleichbaren Sozialprogramme. Viele ihrer Anführer machte sich in Konkurrenz zu Hitler Hoffnungen, „Führer“ einer „Deutschen Revolution“ zu werden.[105]
Die Vertreter der Nationalrevolutionären Bewegung sind im allgemeinen jünger, und von den Fronterlebnissen des Ersten Weltkriegs und der Niederlage von 1918 entscheidend geprägt. Bei ihnen sei der „revolutionäre Wille“ am stärksten ausgeprägt. Das konservative, bewahrende Element trete demgegenüber stark in den Hintergrund. Sie seien von allen Gruppen am ehesten bereit gewesen, Fortschritt und Technik zur Erreichung ihrer Ziele – allerdings nicht als Ziel an sich – zu akzeptieren.[106] So schreibt Franz Schauweger 1931:
Bei ihnen sei als einziger Gruppe eine starke Affinität zu sozialen Fragen und zum Sozialismus vorhanden. Eine Aufteilung in die üblichen Schemata von „Rechts und Links“ lehnten sie ab. Eine unkapitalistische Ordnung sei aus ihrer Sicht wünschenswert, könne aber nur auf der Basis der Nation geschaffen werden muss.[108] Sie stehen damit dem Nationalbolschewismus am nächsten, und betrachten den sowjetrussischen Versuch durchaus mit Sympathie. Der TAT-Kreis um Hans Zehrer steht nach Mohler zwischen Nationalrevolutionären und Jungkonservativen. Vertreter dieser Gruppe sind unter anderem Ernst Jünger, Friedrich Georg Jünger, Friedrich Hielscher, Ernst von Salomon, Hartmut Plaas, Franz Schauwecker, Harro Schulze-Boysen und die Kreise um Otto Strasser und Ernst Niekisch.
Der Name Jungkonservative hat sich für eine Anzahl von Personen eingebürgert, welche sich ab 1918 unter der geistigen Führung von Moeller van den Bruck gebildet hat. Der Wortbestandteil „Jung“ deutet dabei auf die Abgrenzung zum bloß bewahrenden bzw. auch reaktionären Konservatismus hin. Von den Gruppen der Völkischen und der Nationalrevolutionäre würden sie sich dadurch unterscheiden, dass der revolutionäre Wille bei ihnen weit weniger ausgeprägt erscheine. Ihre Vorstellungen seien konkreter ausgearbeitet, und betonten die Bedeutung einer klaren gesellschaftlichen Gliederung. Ihre Idealvorstellung verweise auf eine überstaatliche im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation am ehesten verwirklichte Form. Den auf einem einheitlichen Volk beruhenden geschlossenen Nationalstaat lehnten sie als zu eng gefasste Lösung ebenso ab wie ein imperialistisches auf verschiedenen Volksgruppen basierendes staatliches Gebilde. Der Staatsentwurf Bismarcks wird daher ebenso wie der Hitlers verworfen. Außerdem fände sich bei den Jungkonservativen als einziger der fünf Gruppen ein deutlicher inhaltlicher sowie personeller Bezug zum Christentum.[109] Edgar Julius Jung drückte dies 1933 wie folgt aus:
Als Vertreter der Jungkonservativen sieht Mohler unter anderem Oswald Spengler, Arthur Moeller van den Bruck, den frühen Thomas Mann, Heinrich Freiherr von Gleichen, Edgar Julius Jung, Hans Bogner, August Winnig, Hermann Ullmann, Wilhelm Stapel, Ulrich von Brockdorff-Rantzau, Hans von Seeckt, Friedrich Gogarten, Georg Quabbe, Paul Althaus, Othmar Spann und mit Einschränkungen Carl Schmitt.
Die beiden Gruppen der Bündischen Jugend und der Landvolkbewegung unterscheiden sich nach Mohler von den anderen drei dadurch, dass sie mehr handlungsorientiert und weniger theoriefixiert sind, und Ansätze zu eigenen Theorien meist aus dem Gedankenfundus der drei anderen Gruppen synthetisieren.
Bei der Bündischen Jugend, die sich eher als elitären Lebensbund empfand, erlangten symbolische Handlungen und feierlich-mythische Formen Bedeutung. Teile der bündischen Jugend waren bis 1933 in ihren politischen Ansichten so weit in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt, dass sie sich als Teil der „nationalen Erhebung“ verstehen konnten.[111] Eine zeitweilige Wirkung konnten diese Gruppen dadurch entfalten, dass viele ihrer Vertreter zwischen 1933 und 1935 mittlere Führungsaufgaben in der Hitler-Jugend übernahmen.
Die Landvolkbewegung – eine politische Kraft aus Schleswig-Holstein (später auch in anderen Reichsgebieten) –, die gegen Ende der 1920er Jahre meist passiven Widerstand in Form von Demonstrationen, Steuerboykotten (allerdings auch bis zu Anschlägen) zur Durchsetzung materieller und ideeller „agrarischer Interessen“ leistete, wird von Mohler ebenfalls der Konservativen Revolution zugerechnet.[112]
Nach 1945 wurde und wird der Begriff erweitert verwandt. Er dient einerseits zur Klassifizierung sich auf die Konservative Revolution berufender neurechter Ideen. Darüber hinaus wird er ebenso in öffentlichen Debatten über die Formulierung gesellschaftlich kontrovers diskutierter Äußerungen einzelner Autoren sowie zur Kennzeichnung diverser internationaler neokonservativer Strömungen verwandt.
Etliche Vertreter der Neuen Rechten beziehen sich ausdrücklich auf Gedanken und Strategien der Konservativen Revolution. So schreibt Armin Pfahl-Traughber:
Die Neue Rechte stellt dabei nach Uwe Backes und Eckhard Jesse eine intellektuell vergleichsweise anspruchsvolle Strömung des Rechtsextremismus dar, welche sich am Vorbild der Konservativen Revolution der Weimarer Republik orientiert und mit einer metapolitischen Strategie in erster Linie auf die Umwertung bestehender Werte zielt.[114] Der Historiker und Mitbegründer des Instituts für Staatspolitik, Karlheinz Weißmann, betont ebenso den Zusammenhang beider Strömungen:
Die Wiederbelebung der Ideen der Konservativen Revolution ging nach dem Krieg zuerst nicht von Deutschland, sondern von Frankreich aus, wo sich die Intellektuellengruppe GRECE (Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne (Forschungs- und Studiengruppe für die europäische Zivilisation)) herausbildete.[116] Bei der Nouvelle Droite gibt es einen starken Bezug zu den deutschen Denkern der Konservativen Revolution. Alain de Benoist verfasste ein Buch über Arthur Moeller van den Bruck,[117] forderte eine „Kulturrevolution von rechts“ und gibt seit 1990 eine Buchreihe mit dem Titel Konservative Revolution heraus.[118]
Die von verschieden Politologen als Sprachrohr der Neuen Rechten bezeichnete Wochenzeitung Junge Freiheit und manche ihrer Autoren beziehen sich auf die Tradition der Konservativen Revolution und verweisen auf „die Wurzeln einer heutigen intellektuellen Rechten, die ja nicht im luftleeren Raum stehe“.[119] 1993 warb die Zeitung Abonnenten mit dem Slogan „Jedes Abo eine konservative Revolution“.[120]
Auch Denker der russischen nationalistischen Rechten, wie zum Beispiel Alexander Douguine, der Mitbegründer der Nationalbolschewistischen Partei Russlands, beziehen sich auf Gedanken der Konservativen Revolution.[121]
Auch in öffentlichen Diskussionen über extrem kontrovers diskutierte Äußerungen von Autoren wie Peter Sloterdijk (Regeln für den Menschenpark), Ernst Nolte (Historikerstreit), Botho Strauß,[122][123] Peter Handke oder Martin Walser wird gelegentlich der Vorwurf einer Repopularisierung der Konservativen Revolution erhoben.[124][125] So verortet Die Berliner Literaturkritik einige zeitgenössische Autoren in einer irrationalen, antiaufklärerischen Tradition der Konservativen Revolution:
Ein weiteres Beispiel dafür ist die Kritik an Uwe Tellkamps Roman Der Eisvogel aus dem Tagesspiegel:
Seit den 1980er Jahren werden auch diverse neokonservative Bestrebungen in der Publizistik und vereinzelt in der Literatur [128] als „Konservative Revolution“ (bzw. in teilweise anderer Begriffsdefinition als “New Conservative Revolution”) bezeichnet. So wurden und werden Bestrebungen wie der Thatcherismus,[129] Bestrebungen in der republikanischen Partei um Barry Goldwater, Ronald Reagan [130] und George W. Bush sowie konservative Tendenzen in Frankreich [131] unter Nicolas Sarkozy in der Presse trotz aller Unterschiede untereinander häufig unter dem Begriff „Konservative Revolution“ subsumiert. Zum Beispiel überschrieb der Genfer Le Temps einen Artikel über Christoph Blocher mit dem Titel La révolution conservatrice.[132] Auf die Gemeinsamkeiten, besonders aber die geistigen und historischen Unterschiede – wie zum Beispiel die damals typische und in der Konservativen Revolution der USA fehlende Ablehnung von Demokratie und Parlamentarismus – zwischen der deutschen Konservativen Revolution und den mit diesem Begriff etikettierten heutigen Tendenzen wird dabei meist nicht näher eingegangen. Der Begriff wird, speziell in politisch eindeutig positionierten Medien wie zum Beispiel dem Portal Nadir.org, häufig vereinfachend als Kampfbegriff oder Schlagwort im Rahmen aktueller Debatten verwandt. So simplifiziert Nadir.org in Bezug auf das als christlich-konservative Denkfabrik eingestufte Studienzentrum Weikersheim den in der Wissenschaft differenziert verwandten Begriff unter der präjudizierenden Überschrift Patrioten, Pfaffen und Politiker – Das Studienzentrum Weikersheim zwischen Nationalkonservatismus und Faschismus in folgenden Worten in Richtung einer von der Forschung längst überwundenen Gleichsetzung von Konservativer Revolution und Faschismus:
Der Stern prophezeite im Jahr 2004 unter Außerachtlassung der Unterschiede zwischen den USA und dem Deutschland der Weimarer Republik:
Die Zeit bezog sich dagegen klarer auf das Deutschland der Weimarer Republik, indem sie einen „fiktiven Lehrstrang“ von Carl Schmitt über Leo Strauss bis zu Paul D. Wolfowitz zog:
Claus Leggewie verwendete ebenfalls den Begriff der Konservativen Revolution, ohne jedoch den historischen Begriffsbezug exakt herauszuarbeiten:
Der Soziologe Pierre Bourdieu sieht Gemeinsamkeiten zwischen aktuellen neoliberalen Strömungen in Deutschland und den USA, sowie der Konservativen Revolution der Weimarer Republik.[137][138]
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