Das Legionslager Neuss, das antike Novaesium oder Castrum Novaesium (pl. Castra Novaesia), im Neusser Ortsteil Gnadental ist einer der bedeutendsten, besterforschten und ältesten römischen Militärplätze des Rheinlandes.
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Das Areal des Neusser Legionslagers befindet sich unmittelbar nordwestlich der Erftmündung, etwa 2,5 Kilometer südöstlich der heutigen Stadt Neuss. In antiker Zeit bot sich der Platz aufgrund der topographischen Gegebenheiten geradezu als Garnisonsstandort an. In dieser Region weitet sich die Kölner Bucht zur Niederrheinischen Tiefebene. Strategisch war der Platz insofern günstig gewählt, als von hier aus ein schnelles Eingreifen im Bereich von Wupper-, Düssel-, und Ruhrmündung möglich war. Der besonderen Aufmerksamkeit unterlag hierbei vermutlich der Mündungsbereich der Ruhr auf dem Gebiet von Duisburg, der zusätzlich noch direkt durch das gegenüber liegende Auxiliarlager Asciburgium (Moers-Asberg) gesichert war. Dort traf eine wichtige ältere Handels- und Heerstraße, der spätere Hellweg, von Osten her auf den Rhein.
Der Neusser Garnisonsplatz nahm in der Geschichte des linksrheinischen, römischen Germaniens eine strategische Schlüsselposition ein. Zunächst als Operationsbasis der römischen Offensiven gegen die Germanen noch vor und kurz nach der Zeitenwende, später als wichtiger Bestandteil innerhalb des zur Absicherung der Provinz Germania Inferior defensiv ausgerichteten Niedergermanischen Limes bis ins 4. nachchristliche Jahrhundert.
Der unmittelbare Ort des Lagers war durch natürliche Hindernisse geschützt. So knickte der Rhein nicht wie heute an dieser Stelle nach Norden ab, sondern verlief noch gute drei Kilometer weiter geradeaus in nordwestliche Richtung, um erst im Bereich des heutigen Neusser Rheinhafens wieder nach Nordost zu schwenken. Auf diese Art und Weise bildete er ein Annäherungshindernis vor der Prätorialfront des Neusser Lagers. Einen gewissen Flankenschutz bildeten nach Südosten die Erft und nach Nordwesten das damals noch sumpfige „Meertal“, eine heute bebaute Niederung.
Die Ersterwähnung des Ortsnamens Novaesium erfolgte in den „Historien“ (Historiae) des Tacitus [1]. Hier spielte die Garnison des Ortes eine unrühmliche Rolle[2] in der Zeit des Bataveraufstands des Julius Civilis und den Wirren des Vierkaiserjahres 68/69 n. Chr. Auch bei den antiken Geographen findet der Ort Erwähnung. So führt der in Alexandria lebende römische Geograph Claudius Ptolemäus (85-165 n. Chr.?) in seinem Werk Geographike Hyphegesis Novaesium auf, verlegt es aber fälschlicherweise weit nach Osten in die Magna Germania [3]. In der Tabula Peutingeriana erscheint der Ortsname, in der Schreibweise durch mittelalterliche Kopisten in Novesio verändert, zwischen Asciburgium im Norden und der Colonia Claudia Ara Agrippinensium im Süden, 14 keltische Leugen (= 34,3 km) vom ersten und 16 Leugen (= 39,2 km) von der zweiten entfernt. In der Spätantike wird Novaesium im Zusammenhang mit den Feldzügen des Flavius Claudius Iulianus, des späteren Kaisers Julian Apostata, um das Jahr 358 bei Ammianus Marcellinus erwähnt [4], bevor dann der antike Name als Nivisium castellum ein letztes Mal bei Gregor von Tours in der Historia Francorum (Geschichte der Franken) genannt wird, im Zusammenhang mit einem römischen Feldzug gegen die Franken um das Jahr 388 [5].
Die Herkunft des Namens Novaesium ist nicht gänzlich geklärt. Es scheint sich um ein lateinisch-keltisches Kompositum zu handeln, bei dem möglicherweise der ursprünglich keltische Name der Erft oder eines anderen örtlichen Gewässers latinisiert wurde [6].
Bereits aus dem 16. und 17 Jahrhundert sind vereinzelte römische Funde aus Neuss überliefert. Größeres Interesse für die römischen Relikte und eine systematische Forschung entwickelten sich aber, nicht nur in Neuss, erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. 1820 wurde in Bonn das „Königlich Preußische Museum Vaterländischer Althertümer in den rheinisch-westphälischen Provinzen“ gegründet, aus dem sich später das Rheinische Landesmuseum Bonn entwickeln sollte. 1839 bildete sich der Neusser Altertumsverein, der die ersten Ausgrabungen initiierte und aus dessen Sammlungen sich 1845 das erste Neusser Museum entwickelte. 1841 entstand in Bonn der „Verein von Alterthumsfreunden im Rheinlande“, der seit 1842 die wegweisenden Bonner Jahrbücher herausgibt.
Zum „Vater“ der systematischen archäologischen Ausgrabungen sollte schließlich Constantin Koenen (1854-1929) werden, der sich zum Ziel gesetzt hatte, das bei Tacitus beschrieben Militärlager zu finden. 1886 wurde er im Rahmen einer Sondierungsgrabung erstmals fündig und von 1887 bis 1900 führte er die großflächige Freilegung des später nach ihm in der Literatur auch „Koenenlager“ genannten Legionskastells durch und publizierte die umfangreichen Ergebnisse bereits 1904 in den Bonner Jahrbüchern.
Nach dieser Pioniertat wurde es für ein Vierteljahrhundert ruhiger um Novaesium. Erst in den 1920er Jahren erfolgten weitere Untersuchungen, wieder durch Constantin Könen. Schon damals glaubte er begründete Hinweise für weitere, ältere militärische Ansiedlungen der Römer unmittelbar nordwestlich des von ihm entdeckten Lagers festzustellen, konnte sich aber mit dieser Hypothese in der Fachwelt bis zu seinem Tode nicht durchsetzen.
Nach einer Unterbrechung der Grabungstätigkeiten durch den Zweiten Weltkrieg, wurden die archäologischen Forschungen 1955 wieder aufgenommen. Sie dauerten nun unterbrochen bis zum Jahr 1972 an. Im Verlauf dieser Ausgrabungen bestätigte sich Coenens Vermutung auf eindrucksvolle Weise. Insgesamt neun verschiedene Lager unterschiedlicher Zeitstellung konnten identifiziert werden, ferner die Canabae Legionis, die zivilen Siedlungen vor den Legionslagern, sowie zahlreiche Gräber. Die Ergebnisse wurden in bislang neun Monographien zu einzelnen Fundkomplexen in der Reihe „Limesforschungen“, der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts publiziert, eine Gesamtdarstellung steht allerdings bis heute aus.
Auch im weiteren Verlauf der 1970er Jahre sowie in den folgenden Jahrzehnten kamen die Ausgrabungstätigkeiten in Neuss nie gänzlich zum Stillstand. Sie dauern, oft durch infolge von Baumaßnahmen notwendig werdende Not- oder Rettungsgrabungen bis heute an.[7]
Vermutlich aufgrund einer Rheinverlagerung wurde das Legionslager G von der legio XVI Gallica nicht an der Stelle des älteren Lagers F, sondern östlich davon im Erftmündungsgebiet errichtet. Es besaß anfänglich eine Größe von rund 420 mal 570 Metern. Eine erste Bauphase (G1) in Holz-Erde-Konstruktion wurde im Jahr 43 n. Chr. errichtet. Dieses Lager wurde um die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts durch ein weiteres Holz-Erde-Lager (Lager G2, sog. Koenenlager) ersetzt, das während des Bataveraufstandes 69/70 n. Chr. zerstört wurde. Bereits 70 n. Chr. wurde das Kastell an gleicher Stelle von der legio VI victrix neu errichtet (G3), diesmal in Steinbauweise. Die Umwehrung dieser Anlage wurde in den 80er Jahren noch einmal vollständig erneuert.
Das Ende des Legionslagers G ist in der Literatur umstritten, sowohl die Mitte der 90er Jahre als auch die Jahre um 103/104 werden kontrovers diskutiert. Sicher scheint aber, dass vor der endgültigen Auflassung eine Reduzierung der Truppengröße von Legions- auf Auxilienstärke stattgefunden hat.
Das so genannte Auxiliarlager H befindet sich unmittelbar ostsüdöstlich der Legionslager, zwischen diesen und der Erftmündung. Es wurde zum Ende des 1. oder an der Schwelle des 2. Jahrhunderts, spätestens mit dem Abzug der letzten Legion durch eine Auxiliareinheit, höchstwahrscheinlich eine Ala errichtet. Der Name der Ala ist nicht gesichert, in der Literatur findet sich aber die Vermutung, dass es sich um die Ala Afrorum veterana, einen reinen Kavallerieverband von knapp 500 Mann Stärke gehandelt haben könnte [8].
Das Lager bedeckte mit seinen Seitenlängen von 178 mal 165 Metern eine annähernd quadratische Fläche von knapp drei Hektar. Es war mit einer steinernen, durch Strebepfeiler verstärkten Steinmauer bewehrt und von einem insgesamt 21 Meter breiten, doppelten Spitzgrabensystem umgeben. Über die Innenbebauung ist infolge starker und großflächiger nachrömerzeitlicher Störungen kaum etwas bekannt.
Das Ende der Belegungsdauer des Kastells ist ebenfalls nicht gesichert. Es wurde entweder bereits bei den ersten Einfällen der Franken um 256/57 oder spätestens im Rahmen der massiven fränkischen Offensive um 275/76 zerstört. Einzelfunde aus dem Bereich des Lagers und seines Vicus lassen darüber hinaus jedoch auch noch eine römische Präsenz bis in die erste Hälfte des 4. Jahrhunderts möglich erscheinen.
Ein in seiner Art für die germanischen Provinzen singulärer Befund ist ein „Kultkeller“, ein so genannter „Blutgraben“ (Fossa sanguinis) [9]. Der Baukomplex wurde 1956/57 bei Rettungsgrabungen des Rheinischen Landesmuseums Bonn freigelegt. Der Kultbezirk befindet sich im Neusser Stadtteil Gnadental im Bereich des heutigen Gepa-Platzes. In antiker Zeit lag er hier in einem Tempelbezirk am südwestlichen Rande des Auxiliarvicus. Ausweislich des Fundmaterials bestand er vermutlich nur kurze Zeit in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts und wurde um das Jahr 340 aufgegeben und verfüllt. Es handelt sich bei der Anlage um einen nahezu quadratischen Keller mit etwa 1,80 m Seitenlänge und einer erhaltenen Resttiefe von 1,40 Meter. Die Wände sowie zwei in den Keller führende, gegeneinüber liegende Treppen sind aus zum Teil sekundär verwendeten Grauwacke-, Tuff- und Kalksteinen errichtet. Der Boden bestand aus mit Dielen bedecktem Stampflehm. Über dem Keller befand sich vermutlich die aus einer Balkenkonstruktion bestehende Decke, die trotz der geringen Ausmaße und der somit recht kleinen belastbaren Fläche von nur rund 3,25 Quadratmeter mit einer zusätzlichen, an den Kellertreppen verankerten Holzkonstruktion gestützt wurde.
Dieser Umstand, der auf eine überdurchschnittlich hohe Belastung der Kellerdecke schließen lässt, sowie die Zusammensetzung des Fundmaterials[10] ließen den Grabungsleiter Harald von Petrikovits diesen Befund als fossa sanguinis, einen Taufkeller des Kultes der Kybele bzw. ihrer römischen Entsprechung, der Magna Mater interpretieren. Bei deren Mysterienritualen, die durch den spätantiken Schriftsteller Prudentius überliefert sind, wurde der Täufling einer Taufe mit Blut unterzogen. Er begab sich in einen Keller oder eine abgedeckte Grube über denen ein Stier oder Widder geschächtet wurde. Das Blut lief durch die Decke über den darunter hockenden Täufling ab, der erst nach diesem, als reinigend und für die Ewigkeit wiedergebärend (renatus in aeternum) verstandenem Ritual endgültig der Gemeinde angehörte.
Sowohl die Überlieferung des Prudentius als auch die Befundinterpretation durch von Petrikovitz sind in der Literatur mitunter kritisch betrachtet[11], aber bis heute nicht zwingend widerlegt worden[12]. Die Fossa sanguinis wurde konserviert, mit einem Schutzhaus versehen und kann besichtigt werden.
Siehe auch separaten Artikel Kybele-Kultstätte.
Zur so genannten 2000-Jahr-Feier[13] der Stadt Neuss wurde ein „Historischer Rundgang“ durch das ehemalige römische Garnisonsgelände angelegt. Der Rundgang weist auf Fundstellen des römischen Lagers hin und zeigt einige Exponate, die nicht alle aus Neuss stammen:
Die archäologischen Sammlungen der Stadt Neuss gehen in ihrem Ursprung auf die privaten Sammlungen der Mitglieder des ersten Neusser Altertumsvereins zurück. 1845 wurde hierfür ein erstes Städtisches Museum am Obertor errichtet. Im Jahre 1900 ging ein Großteil des Bestandes durch einen Brand verloren. 1912 konnte durch die Stiftung der Witwe eines Sammlers ein neues Gebäude am Neusser Markt bezogen werden. Seit diesem Zeitpunkt trägt das Museum als Clemens-Sels-Museum den Namen dieses Sammlers, dessen Bestände in den Fundus des Hauses einflossen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude nahezu vollständig zerstört. Erst 1950 konnte das Museum, wiederum am Obertor, neu eröffnet werden. Ein zusätzlicher Neubau gesellte sich 1975 hinzu.
Die archäologische Sammlung enthält vom Paläolithikum Bodenfunde aus allen vor- und frühgeschichtlichen Epochen, die auf dem Neusser Stadtgebiet vertreten sind. Die römischen Exponate bilden naturgemäß einen Schwerpunkt der Sammlung [16].
Neben der archäologischen Sammlung gibt es noch die Abteilungen Dokumente zur Stadtgeschichte, Kunst und Kunstgewerbe des 12. bis 18. Jahrhunderts, Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts, Naive Kunst sowie Volkskunst, volkstümliche Kleinkunst, Spielzeug.
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Kastellgrundriss vor dem Bataveraufstand |
Kastellgrundriss nach dem Bataveraufstand |
Koordinaten: 51.184° N, 6.722° O
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