Robert Spaemann (* 5. Mai 1927 in Berlin) ist ein deutscher Philosoph.
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Robert Spaemanns Vater, Heinrich Spaemann (1904-2001), kam aus einem protestantischen Elternhaus. In den 1920er Jahren wurde er radikaler Atheist und gehörte er zur Redaktion der SPD-nahen Sozialistischen Monatshefte. Aus seiner Ehe mit der Tänzerin und Mary Wigman-Schülerin Ruth Krämer ging der Sohn Robert hervor. In den 30er Jahren wandte er sich wieder dem christlichen Glauben zu und trat in die katholische Kirche ein. Nach dem Tode seiner Frau 1936 studierte er Theologie in Münster und wurde 1942 von Bischof Clemens August Graf von Galen zum Priester geweiht. In den folgenden Jahrzehnten wurde er zu einem der bedeutendsten deutschen Autoren über christliche Themen.
Sein Sohn Robert Spaemann studierte Philosophie, Geschichte, Theologie und Romanistik an den Universitäten Münster, München, Fribourg (Schweiz) und Paris [1]. Er promovierte 1952 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, war vier Jahre Lektor im Kohlhammer Verlag, danach Assistent in Münster und habilitierte sich 1962 dort in Philosophie und Pädagogik. Als wissenschaftlicher Assistent in Münster nahm er an den Seminaren des „Collegium Philosophicum“ Joachim Ritters teil. An diesen Seminaren beteiligten sich auch die Philosophen Hermann Lübbe und Odo Marquard sowie der spätere Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, die man später der sogenannten „Ritterschule“ zuordnete. Nach Auskunft Spaemanns war diese keine Schule, sondern „eher ein Kreis von Freunden, die an gewissen Sachfragen immer ein gemeinsames Interesse hatten und die vielleicht stärker als die verwandte Gadamer-Schule das Politische als philosophisch relevant ernst genommen hat“ [2]
Nach eigener Auskunft hat sich Spaemann nach dem Krieg für "kurze Zeit der Faszination der Lektüre von Marx und Lenin hingegeben, bis er, „im Rahmen von Aktivitäten, die heute verfassungsschutzrelevant wären“, den „realen Sozialismus“ kennen gelernt und so auch die Wahrheit über den kommunistischen Terror in Rußland erfahren habe [2]. In den 50er Jahren kritisierte er Pläne der damaligen Bundesregierung zur atomaren Aufrüstung der Bundeswehr. Zu dieser Zeit wurde er "gelegentlich als Linkskatholik apostrophiert" [3].
Spaemann gilt als Vertreter einer aristotelisch geprägten Naturphilosophie [4]. In seinen Beiträgen zur Rechtsphilosophie betont er die „Aktualität des Naturrechts“. In dem Streit um das Naturrecht erkennt er kein Argument gegen, sondern eines für dieses Recht. Denn „gäbe es kein von Natur Rechtes, so ließe sich über Fragen der Gerechtigkeit gar nicht sinnvoll streiten“. Die Existenz dieses Rechts bedeute nicht, dass es für jedermann offensichtlich ist, sondern „dass in der Richtung, die dieser Name bezeichnet, sinnvollerweise etwas zu suchen sei“. Das Naturrecht lasse sich nicht mehr als ein Normenkatalog beziehungsweise eine Art Metaverfassung verstehen. Eher sei es eine Denkweise, die „alle rechtlichen Handlungslegitimationen noch einmal kritisch“ prüfe [5].
Für Spaemann bildet die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott den Mittelpunkt seiner Philosophie. Er erläutert die traditionellen philosophischen Gottesbeweise und weist darauf hin, dass diese Gottesbeweise auch im 20. Jahrhundert noch philosophische Bewunderer gefunden haben. Er setzt einen Kontrapunkt zu Philosophen wie Ernst Tugendhat, die meinen, dass die Haltung der Religion „mit der intellektuellen Redlichkeit heute nicht mehr vereinbar“ sei. Mit seiner eigenen Argumentation zur Gottesfrage schließt Spaemann an Nietzsche an, der einmal schrieb: „Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben“.
Seiner Meinung nach hat die Aufklärung ihr Werk getan und ist im Moment in Gefahr, sich wieder selbst abzuschaffen. Wir müssen lernen, ohne Wahrheit zu leben, so sagte einmal Friedrich Nietzsche. Die Frage stellt sich nun, mit welcher Lüge man am besten lebt. Was bleibt, ist dann nur noch Kampf gegen den banalen Nihilismus einer Spaßgesellschaft. Für Spaemann ist die Spur Gottes in der Welt der Mensch, der nach seinem Ebenbilde geschaffen wurde, im Gegensatz zu Nietzsches Menschenbild vom findigen Tier. Gottesebenbildlichkeit des Menschen bedeutet, dass der Mensch als freies, endliches aber wahrheitsfähiges Wesen geschaffen wurde.[6]
Schon vor fünfzehn oder zwanzig Jahren machte er sich Gedanken über religiöse Fragen. Als derlei nicht nur aus der Mode gekommen, sondern sogar anstössig war – zumindest für diejenigen, denen diese Fragen als vorgestrig und Antworten auf sie als vernunftwidrig erschienen, so dass sich eine philosophische Beschäftigung mit ihnen erübrige. Dass die Frage nach Gott eine heutige sei, dass ihre Erörterung durchaus der Vernunft bedürfe und sich für die Philosophie verlohne, betonte Spaemann schon immer[7]. Spaemann hat keinen Respekt vor „geistlosen“ Menschen, welche die Antwort auf die Frage nach Gott als nicht so wichtig und Zeitverschwendung abtun. Schließlich glaubten die moslemischen Selbstmordattentäter auch an Gott, ja gerade dieser Glaube motiviere sie zu ihren Verbrechen [8].
Der Gottesglaube hat für Spaemann Bestand. Er nennt ihn deshalb das „unsterbliche Gerücht“. Universalistische Religionen wie das Christentum könnten auf Mission nicht verzichten. Sie müssten ihre Standpunkte in den allgemeinen Diskurs einbringen. Er ist davon überzeugt, dass zwischen verschiedenen religiösen Standpunkten eine fruchtbare Auseinandersetzung möglich ist [9].
Fragen der Erziehung stehen nach Spaemanns Auffassung „am Anfang aller Ethik“ [10]. In den 70er Jahren nahm er Stellung zu den Ideen einer „emanzipatorischen Erziehung“. Sinnvoll sei die Idee der Emanzipation dort, „wo Menschen hinsichtlich der Organisation der Rahmenbedingungen ihres Handelns von fremder Vormundschaft befreit werden“. Dieser Begriff von Emanzipation bezeichne „einen Vorgang, der jedesmal einen Anfang und eine Ende“ habe, das als Mündigkeit bezeichnet werde. Die Idee der „emanzipatorischen“ Erziehung, die er Emanzipationsideologie nennt, meinte dagegen „einen unendlichen und zudem als universal gedachten Prozess“ als Erziehungsideal. Er diene dazu, den Kreis derjenigen zu erweitern, die „als unmündig erklärt werden“ und legitimiere eine „massive Herrschaftsideologie der Pädagogen“. Die Emanzipationsideologie verwehre dem Kind das Recht auf Möglichkeiten zur Identifikation und Persönlichkeitsentfaltung [11]. Er gehörte 1978 zu den Veranstaltern des Kongresses „Mut zur Erziehung“, der sich gegen emanzipatorische Bildungsexperimente mit Kindern richtete [12] Aufgabe der Erzieher ist es Spaemann zufolge, das Kind „an die eigenständige und widerständige Wirklichkeit heranzuführen“. Das Kind müsse zunächst aus „seiner subjektiven Empfindungswelt behutsam und zielstrebig an die Realität“ geführt werden. Entscheidend sei, dass „die Wirklichkeit zunächst als hilfreich und freundlich erfahren“ werde. Die Stiftung dieser Grunderfahrung – die Psychologie spricht vom Urvertrauen – sei das Wichtigste, „was Erziehung überhaupt zu leisten vermag“. Denn wer sich an seine Kindheit als eine „heile Welt“ erinnern könne, werde „leichter mit der unheilen fertig“ [13].
Papst Benedikt XVI. schätzt ihn als Berater und lud ihn im September 2006 nach Castel Gandolfo ein, um über das Verhältnis von Naturwissenschaft, Philosophie und Glauben zu referieren. Spaemann schreibt zeitkritische Beiträge zu ethischen, politischen und religiösen Fragen für überregionale Zeitungen. Seine Positionen, insbesondere zur Ökologie und zur Bioethik, werden über die Grenzen verschiedener Weltanschauungen und Parteien hinaus beachtet. Wegen seines Engagements für die Bewahrung der Schöpfung bezeichnete ihn die Berliner Tageszeitung als Ökophilosophen. Auf Einladung der Bundestagsfraktion der Grünen referierte er zur Debatte um die Stammzellenforschung.[14]
In seinen Reden und Veröffentlichungen setzt sich Spaemann für den Schutz des menschlichen Lebens von seinem Beginn bis zum natürlichen Tod ein. Er kritisierte deshalb Vorschläge zur – wenigstens teilweisen – Freigabe der Tötung auf Verlangen und zu einer „Liberalisierung“ der Sterbehilfe.[15] Er begründet dies mit einem Verständnis von Person und Menschenwürde, das jegliche Relativierung des Rechts auf Leben mit Zeitpunkten, Fristen und anderen Bedingungen zurückweist. Gemeinsam mit dem früheren Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde formulierte er folgenden Grundsatz: „Wenn es überhaupt so etwas wie Rechte der Person geben soll, kann es sie nur geben unter der Voraussetzung, dass niemand befugt ist, darüber zu urteilen, wer Subjekt solcher Rechte ist.“ Die Menschenwürde kommt der Person nicht unter der Voraussetzung bestimmter Eigenschaften (z. B. des Selbstbewusstseins), sondern allein aufgrund ihrer biologischen Zugehörigkeit zur Spezies Mensch zu. Er weist nach, dass für die Aufklärung eben diese These, dass „Menschen vor ihrer Geburt Personenrechte“ haben, selbstverständlich gewesen ist. Es ist als Spaemanns Verdienst anzusehen, „die Debatte um Abtreibung und Euthanasie auf diese grundsätzliche Ebene gehoben zu haben“[16].
Ihm wird bescheinigt, dass sein Engagement in zeitgenössischen Debatten seine philosophische Forschung nicht beeinträchtigt hat. Seine Hauptwerke – Glück und Wohlwollen (1989) und Personen (1996) – wären ohne „diese aktuellen Auseinandersetzungen kaum zu denken“. Die Verwicklung in solche Debatten sei „der Lesbarkeit und dem souveränen Gestus seiner Bücher“ zugutegekommen.[17] Seine Aufsätze und Bücher gehören deshalb zum Lesbarsten, was die deutsche Philosophie der Gegenwart hervorgebracht hat.[18]
In einem 1996 veröffentlichten Aufsatz[19] kritisierte Spaemann das Projekt Weltethos des Tübinger Theologen Hans Küng scharf.
In einem Interview mit der Jungen Freiheit verteidigte er die Kirchen gegen den Vorwurf, „sich nicht mehr wirklich für die Abtreibung zu interessieren“. Zwar hätten die Kirchen „keine sehr rühmliche Rolle bei diesem Thema“ gespielt, weil sie sich „zur Zeit der vielen heimlichen Abtreibungen“ „am Verschweigen beteiligt“ hätten. Die Kirchen seien aber die „einzigen Institutionen, die sich öffentlich zum Schutz des Lebens von Anfang an bekennen“. Zugleich wies er darauf hin, dass der Papst in seinen Reden die Strategie verfolge, „statt über Ehescheidung, Homosexualität oder Abtreibung zu klagen“, „eher positiv den Wert der Ehe und Familie beziehungsweise der Würde des Lebens“ betone.
Nachdem die Junge Freiheit auf der Leipziger Buchmesse nicht als Aussteller hatte zugelassen werden sollen, unterzeichnete Spaemann auch einen Solidaritätsaufruf der Zeitung. Spaemann hält es für gefährlich, wenn staatliche Institutionen aufgeboten werden, „um bestimmte verfassungskonforme politische Positionen öffentlich zu ächten“. In staatlich organisierten „Bündnissen gegen Rechts“ sieht er den Versuch, den Staat als eine „Wertegemeinschaft“ neu zu begründen. Der liberale Rechtsstaat sei – auch wegen des gesellschaftlichen Pluralismus – konstitutiv eine Rechtsgemeinschaft. Er erkennt die Rechte seiner Bürger – unabhängig von ihren weltanschaulichen Auffassungen – an, solange diese den Gesetzen gehorchen. Verstehe sich der demokratische Staat als Wertegemeinschaft, so berge dies die „Gefahr eines liberalen Totalitarismus“. Um die Gesetze des Staates zu akzeptieren, müsse man nicht unbedingt die Werte teilen, die diesen zugrunde liegen. Vielmehr genüge es den Gesetzen zu gehorchen, weil man den „Wert des inneren Friedens“ im Gemeinwesen kenne. Im Blick auf das zusammenwachsende Europa folgert er, dass die Europäische Union nur dann eine Rechtsgemeinschaft sein kann, „in der alle Bürger der Länder europäischer Tradition ein gemeinsames Dach finden“, wenn sie „Gemeinschaften mit gemeinsamen Wertschätzungen“ schützt, „selbst aber darauf verzichtet eine Wertegemeinschaft zu sein“[20].
Spaemann ist Mitherausgeber des anonymen Hauptwerks des christlichen Hermetikers Valentin Tomberg mit dem Titel Die großen Arcana des Tarot. Meditationen.
Spaemann war ordentlicher Professor für Philosophie an den Universitäten Stuttgart (bis 1968), Heidelberg (bis 1972) und München, wo er 1992 emeritiert wurde. Spaemann erhielt im Jahr 2001 den Karl-Jaspers-Preis der Stadt und der Universität Heidelberg.
Seine Frau Cordelia (geb. Steiner; * 12. November 1925), die er 1950 geheiratet hatte, verstarb am 24. April 2003. Sie wurde vor allem als Übersetzerin des Langgedichts „Anathemata“ von David Jones bekannt. Sein Sohn Christian Spaemann ist Leiter der Klinik für Psychische Gesundheit am Krankenhaus St. Josef in Braunau am Inn.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Spaemann, Robert |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Philosoph |
| GEBURTSDATUM | 5. Mai 1927 |
| GEBURTSORT | Berlin |
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