Sixtinische Kapelle


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Die Sixtinische Kapelle
Michelangelos Erschaffung Adams durch Gott

Die Sixtinische Kapelle (italienisch la cappella sistina) ist die große Kapelle des Apostolischen Palastes im Vatikan.

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Die Kapelle ist eine rechteckige, 40,9 Meter lange, 13,4 Meter breite und 20,7 Meter hohe kastenförmige Saalkirche. Der Grundriss versucht den Dimensionen von Salomos Tempel zu entsprechen. Eine kunstvolle Chorschranke unterteilt den Raum in den Bereich für den Klerus und für die Laiengemeinde, die den kleineren Teil erhält. Die Kapelle beherbergt mehrere der berühmtesten Gemälde der Welt. Die Pläne für ihre Erbauung erstellte Baccio Pontelli. Sie wurde zwischen 1475 und 1483 unter Papst Sixtus IV. errichtet, auf den auch der Name Sixtinische Kapelle zurückgeht, und am 15. August 1483 eingeweiht. Sie ist Teil der Vatikanischen Museen und der Ort, an dem das Konklave, die Papstwahl, abgehalten wird. Die Decke besteht aus einem flachen Tonnengewölbe. Die Deckenmalereien von 1512 stammen von Michelangelo (Buonarroti) und zeigen Szenen aus der Genesis. Die Sixtinische Kapelle war nie Privatkapelle des Papstes, sondern immer bestimmt für besonders festliche Gottesdienste des päpstlichen Hofes sowie für besondere Akte, wie die erwähnte Papstwahl. Sie nimmt unter den Kirchenbauten des Abendlandes einen herausragenden Rang ein.

Wandgemälde

Ansicht der Sixtinischen Kapelle von der Kuppel des Petersdoms aus

Ein Ergebnis der Restaurierung der Kapelle (1980–1994) ist die Rückbesinnung auf die theologischen Aussagen der Fresken. Maler wie Raffael und Michelangelo, so genial sie auch immer in ihrem malerischen und bildhauerischen Bereich waren, sind selbst nicht die Erfinder der Inhalte der in ihren Gemälden dargestellten Motive gewesen. Diese Vorstellung hat sich als naiv erwiesen. Papst Sixtus IV. und sein Neffe Julius II. haben den Künstlern theologische Berater an die Seite gestellt. Die Ideenwelt dieser Berater ist der Schlüssel zum Verständnis der Inhalte der von den Päpsten in Auftrag gegebenen Gemälde. Die beratenden Theologen waren die Theologen der franziskanischen Spiritualität Petrus Colonna und Georgius Benignus de Salviatis (sein kroatischer Name war Jurai Dragisic), der Neuplatoniker Ägidius von Viterbo und der Venezianer Christophorus Marcellus. Die Wandgemälde zeigen Szenen aus dem Leben von Jesus und Mose und wurden von verschiedenen Malern der Renaissance geschaffen: Michelangelo Buonarroti, Sandro Botticelli, Pietro Perugino oder Luca Signorelli. Eines der Bücher, aus denen der theologische Beraterkreis schöpfte, war die Expositio super septem visiones libri Apocalypsis. Die Entstehungszeit der Expositio wird auf das 9. Jahrhundert datiert. Sie wird aber auch mit dem Heiligen Bischof Ambrosius von Mailand in Verbindung gebracht.

Die Fresken, die wir hier sehen, führen uns in die Welt der Inhalte der Offenbarung ein. Aus allen Einzelheiten sprechen hier unsere Glaubenswahrheiten zu uns. Papst Johannes Paul II. am 8. April 1994[1]

Die 14 Fresken der Wandgemälde zeigen je zur Hälfte Szenen aus dem Leben von Jesus und Mose:

Geschichten aus dem Leben Jesu (Nordwand)

Versuchung Jesu (Botticelli)

Ursprünglich bestanden die Geschichten aus dem Leben Jesu Christi aus acht Feldern. Peruginos Werk mit der Darstellung von Christi Geburt wurde jedoch abgenommen, um für das Jüngste Gericht Michelangelos Platz zu schaffen.

  1. Taufe Christi
  2. Versuchung
  3. Berufung der ersten Apostel
  4. Bergpredigt
  5. Schlüsselübergabe
  6. Das Letzte Abendmahl
  7. Auferstehung Christi (an der Eingangswand) (1522 zerstört, 60 Jahre später von Hendrick van den Broeck erneuert)

Geschichten aus dem Leben Mose (Südwand)

Ziporra Tochter des Jitro (Botticelli)

Ursprünglich umfassten die Geschichten aus dem Leben von Mose acht Bildfelder von Perugino. Das Fresko mit der Auffindung des Mose musste ebenfalls dem Jüngsten Gericht Michelangelos weichen. Der siebenteilige Zyklus hat folgende Themen:

  1. Wanderung des Mose nach Ägypten
  2. Begebenheiten aus dem Leben des Mose
  3. Durchzug durch das Rote Meer
  4. Übergabe der Gesetzestafeln
  5. Bestrafung von Korach, Datan und Abiram
  6. Testament und Tod des Mose
  7. Streit um den Leichnam von Mose (an der Eingangswand) (1522 zerstört, von Matteo Perez d’Aleccio erneuert)

Deckengemälde

Neun Deckengemälde nach dem Buch Genesis

Übersichtsplan Deckenfresken (Michelangelo)

Besondere Berühmtheit erlangte die Kapelle durch ihre Ausschmückung mit Fresken. Die Deckenmalereien malte Michelangelo (Buonarroti) zwischen 1508 und 1512 im Auftrag von Papst Julius II. Sie wurden am 1. November 1512 enthüllt und zeigen Szenen aus der Genesis auf insgesamt 520 m² mit 115 überlebensgroßen Charakteren. Besonders der Ausschnitt „Die Erschaffung Adams“ ist ein weltberühmtes und oft reproduziertes Werk. Es zeigt, wie Gottvater mit ausgestrecktem Finger Adam zum Leben erweckt. Die meisten Fresken Michelangelos folgen dem theologischen Code von Joachim von Fiores Werk Concordia novi et veteris Testamenti. Der zentrale Grat besteht aus neun waagerechten Bildfeldern unterschiedlicher Größe, die Szenen aus dem Alten Testament darstellen, wobei immer drei Felder zusammengehören: Schöpfung, Adam und Eva, Noach. Michelangelo malte diese Fresken in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge, indem er mit der Trunkenheit Noachs begann. Ab der Erschaffung Evas wird die Darstellung monumentaler, auch die begleitenden Propheten und Sybillen werden expressiver. Diese narrativen Felder sind umgeben von Motiven aus der Bibel und der antiken Mythologie.

Die Scheidung von Licht und Finsternis

Gott trennt Licht und Finsternis

Das letzte, hier in der Reihenfolge erste kleinere Gewölbefeld zeigt die Gottesgewalt bei der Trennung von Licht und Finsternis.

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.(Gen 1,3–5)

Michelangelo malte alle Gottesgestalten von Gewölbefeld zu Gewölbefeld größer um dem Effekt entgegenzuwirken, dass die Kapelle gelängt erscheint. Gott kniet auf der Rahmenleiste zwischen vier vollkommen nackten Jünglingen. Im violetten Kleid schiebt er mit der linken Hand die Finsternis hinweg. Mit der rechten Hand formt er ein lichtes Gebilde. Seine Körpergestalt ist von fast weiblicher Grazie. Das kühne Haupt lässt Bart und Schnurrbart erkennen. Das Fresco erinnert an viel spätere barocke Darstellungen. Seine Gedanken gehen vielleicht hin zur makellosen Braut Maria.

Die Erschaffung der Sonne, des Mondes und der Pflanzen

Michelangelo widmet sich im letzten großen Hauptdeckenfeld dem vierten Schöpfungstag. Der Schöpfergott ist zweimal dargestellt, einmal von vorne, wie er die beiden Himmelsleuchten schafft, dann von hinten, wie er mit einer Geste seiner rechten Hand das Grün hervorsprießen lässt. Diese gewagte Darstellung Gottes durch Michelangelo ist sicher nicht ohne Kritik des Klerus aufgenommen worden. Sie äußert sich in beredtem Schweigen. Man ließ Michelangelo nun wirken, wie er wollte.

Gott

Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen; sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten. So geschah es.(Gen 1,14–15)

Vier Gestalten umringen ihn bei der Erschaffung von Sonne und Mond. Mit dem nackten Knaben, der mit dem Kopf an die Sonne stößt, kann Gottes Sohn gemeint sein. Die zweite, weibliche Person, kann als dritte Person der Dreifaltigkeit, der Heilige Geist, gedeutet werden (zumal der Geist Gottes in der hebräischen Sprache weiblichen Geschlechts ist). Eine weitere Person, die sich näher beim Mond befindet, hüllt sich in graublaues Tuch, mit der sie sich die Ohren zudeckt; eine weitere Gestalt, von der nur das nach oben gerichtete Gesicht zu sehen ist, gesellt sich dazu. Da es hier um die Erschaffung des Tag- und Nachtgestirnes, wodurch sich Zeiten unterscheiden lassen, geht, können die vier Figuren, die Gott umgeben, auch als Personifikationen von Morgen, Mittag, Abend und Nacht gelesen werden: der Mittag schützt die Augen mit der Hand gegen das gleißende Sonnenlicht, die Nacht hüllt sich fröstelnd in ein Tuch. Der Entwurf beweist christliche Kühnheit, vielleicht sogar die persönliche Handschrift Michelangelos. Das Fresko offenbart den Menschen das Gesicht des Allmächtigen Schöpfergottes, obwohl JHWH im alten Testament zu Mose sagt:

Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. Dann sprach der Herr: Hier, diese Stelle da! Stell dich an diesen Felsen! Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht aber kann niemand sehen.(Ex 33,20–23)

Die Kühnheit des Judentums, der Sieg über die babylonischen Kulte und die der Ägypter, die die Gestirne als Gottheiten verehrten, wird hier noch einmal zelebriert. Mond und Sonne sind nur Lampen oder bestenfalls Zeitmesser, die dem allmächtigen Gott, der über Allem schwebt, dienen. Nicht die Elemente des Kosmos, die Gesetze der Materie oder altorientalische Fruchtbarkeitskulte herrschen letztlich über die Welt und über den Menschen, sondern ein persönlicher Gott herrscht über die Sterne, das heißt über das All; nicht die Gesetze der Materie und der Evolution sind die letzte Instanz, sondern eine Person, Gott.

Die Scheidung von Himmel und Wasser

Scheidung des Wassers

Man weiß, dass der Künstler für die Darstellung Gottes extra eine Studie zu einer antiken Flussgottheit angefertigt hat. Gott angezogen mit einem hellvioletten Gewand und roten Mantel scheidet die Wasser von den Wassern.

Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser. Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes. So geschah es und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und es wurde Morgen: zweiter Tag.(Gen 1,6–8)

Die durch blaue Farbe gekennzeichneten Wasser beginnen sich oberhalb des kleinen Fingers der rechten Hand des horizontal schwebenden Gottes zu sammeln. Die beiden knabenhaften Personen hinter dem Rücken der väterlichen Gottesgestalt geben Rätsel auf. Wo ist ein Bezug zur Trinität? Der ist zu finden an der linken Schulter. In dieser Darstellung eines Knaben meint man Gottes Sohn, die zweite Person der Trinität zu erkennen. Im Wind, der die Haare des Jungen und den roten Mantel des Vatergottes aufbauscht, ist die Gegenwart der dritten Person, des Heiligen Geistes angedeutet.

Die Erschaffung Adams

Die Erschaffung Adams

Die Erschaffung Adams, mit seinen Ausmaßen von 280 × 570 cm ist vielleicht das berühmteste Fresko des Sakralbaus, es zeigt auf der linken Seite Adam, der nackt auf einem Stein liegt und seinen Zeigefinger ausstreckt, um Gott zu erreichen. Das steinige Grund, auf dem Adam liegt, ist grün gefärbt, wie mit Gras bewachsen. Hinter dem Stein erkennt man Wasser in blauen Farben. Drei Elemente Erde, Wasser und Luft sind versammelt. Wir schreiben den sechsten Tag der Schöpfungsgeschichte der Bibel. Es erhebt sich ein Sturmesbrausen. Gottvater schwebt aus einem als unendlich konzipierten leeren dreidimensionalen Raum kommend heran.

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. (Gen 1,26)

In seinem Schlepptau befinden sich neun Putten, umgeben von seinem roten Schutzmantel. Gottvater im hellvioletten Kleid, das Feuer andeutend, streckt seinen rechten Zeigefinger aus, um auf Adam den Odem überspringen zu lassen. Die rechte Hand des weißbärtigen Weltenschöpfers strebt kraftvoll, zielstrebig und elegant auf die linke schwächliche Hand Adams zu. Adam ist im Fleische schon erschaffen und erwacht und erwartet, wenn auch noch ein bisschen zögernd, die Berührung durch Gott. Das Fresko sollte besser die Beseelung Adams, denn die Erschaffung Adams heißen. Unter seinem linken Arm schaut eine junge nackte anmutige weibliche Gestalt auf Adam. Neugierig schaut der Sohn rechts über seine Schulter. Ganz unten im Schatten des Vaters an einem letzten Zipfel hängend, nicht so recht an ihn glauben wollend, der Teufel. Er schaut von hinten schräg, wie nachstellend auf die schöne Frau oberhalb. Die sechs Gestalten über seiner rechten Schulter mögen wohl sechs Engel meinen, die geistigen Kräfte, die über den sechs vergangenen Schöpfungstagen gewaltet haben. Von dem nüchternen Realismus des zweiten Schöpfungsberichtes mit der Hauchung des Heiligen Geistes über die Nase ist keine Spur.

Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. (Gen 2,7)

Er diente dem Maler offensichtlich weniger als Vorlage. Alles in allem folgt das theologische Konzept Michelangelos der klassischen trinitarischen Lehre der Kirche. An dem Schöpfungsakt sind alle drei göttlichen Personen beteiligt: Gottvater, dargestellt als gütiger Vater mit weißen Haaren und langem wallendem Bart, der neugierige ihm über die Schultern blickende Sohn und der durch mächtiges Windesbrausen allgegenwärtige Heilige Geist.

Die Erschaffung Evas

Die Erschaffung Evas

Die Szene befindet sich in der Mitte der Decke. Adam schläft an einen leblosen Baumstrunk gelehnt. Brust und Wange schmiegen sich an das leblose Holz. Eva ist schon aus der Seite des Adams hervorgekommen und wendet sich mit betenden Händen dem Schöpfer zu.

Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu.(Gen 2,21–22)

Der Boden ist felsig. Im Hintergrund ist ein Meer zu erkennen, das bis zum aufgehellten Horizont reicht. Das vierte Element Feuer findet sich im roten Gewand unter dem blauen Mantel des Schöpfergottes, der den rechten Arm gen Himmel hält. Ernst und gesammelt blickt Gott auf Eva. Sein langer Bart reicht bis zur Brust. Der laublose, leblose Baumstumpf kommt schon im Sintflutfresko vor – vielleicht als Hinweis auf den kommenden Sündenfall, oder als Andeutung auf das Kreuz, an dem Christus sterben wird.

Der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies

Vertreibung aus dem Paradies

Die Szene ist auf die allerwichtigsten Figuren reduziert; alle mit Ausnahme des Cherubs, der (der ikonographischen Tradition entsprechend) in rot gekleidet ist, sind nackt. Gott fehlt auf dem Bild. Der Feigenbaum trennt den Szenenablauf in seine beiden Hälften Sündenfall und Vertreibung. Der Dämon ist eine hybride Vermischung aus Frauenleib und gewaltigem Schlangenschwanz.

Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen.(Gen 3,1)

Das Schwert, mit dem der Engel Adam und Eva aus dem Paradies weist, zeigt auf den Nacken von Adam. Von jetzt ab sind alle seine Nachkommen zum sicheren Tod verurteilt. Mit der linken Hand reicht die Gestalt mit den Schlangenbeinen Eva die verboten Frucht, die sie mit der linken Hand empfängt. Adam biegt den Ast mit der linken Hand hinunter. Es ist die linke Hand des Engels, die das Schwert führt. Die Haut von Adam und Eva ist glatt gemalt, ohne jedes Härchen: die plastische Form der wohlgebildeten Körper im dreidimensionalen Raum ist betont, das harmonische Zueinander der Körper im Paradies und die schrille Dissonanz der beiden im Wegschreiten nach dem Sündenfall. Im Wegschreiten nimmt Adam der Eva das Licht, sie erscheint dunkler.

Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück.(Gen 3,19)

In dem Bericht der Genesis vertreibt Gott selbst Adam und Eva aus dem Paradies. Dass dem Cherub nicht nur die Bewachung sondern auch die Vertreibung der Stammeltern zukommt ist eine Erfindung des Künstlers. Von jetzt an im September 1509 arbeitet Michelangelo fast ohne seine Gehilfen, die er zum großen Teil entlassen hat. Er hat sich mehr und mehr von den Anleitungen der päpstlichen Theologen frei gemacht. Inhalt des Freskos ist die bloße Natur. Das ganze Fresko ist mit all seinen Details von seiner Hand ausgeführt.

Das Opfer Noachs

Das Gewölbefeld zeigt Noach, seine Frau, seine drei Söhne und die dazugehörigen Schwiegertöchter bei der Darbringung eines Dankopfers an einem Brandopferaltar anlässlich der Errettung vor der Sintflut. Der Patriarch steht zusammen mit seiner Frau und einer Schwiegertochter, die das Opferfeuer entzündet, hinter dem Altar und vor der Arche. Er und seine Frau stützen sich mit einer Hand auf die Altarplatte. Noachs Zeigefinger weist zum Himmel hin. Er ist in das Rot der Liebe gekleidet. Ein über die rechte Schulter geworfener blauer Mantel deutet die Kontemplation des Himmels an. Sein langer weißer Bart unterstreicht sein Alter. Durch Gestus, Farben und Blickrichtung wird Noach zum Vermittler zwischen Himmel und Erde. Alle drei Söhne sind nackt vor dem Altar wiedergegeben. Nur der älteste Sohn Sem hat einen violetten Mantel über seinen rechten Oberarm geschlagen. Er sitzt auf dem Rücken des niedergeworfenen Widders, dessen Kehle er durchgeschnitten hat. Hinter Sem steht seine Frau mit dem weißen Kleid des Glaubens bekleidet und einer handvoll dicker Hölzer, die das Feuer entfachen und nähren sollen. Der zweite Sohn Jafet bemüht sich auf den Knien um das Feuer des Brandopferaltars. Seine Gemahlin hat neben Noach stehend vor dem Altar das Feuer mit einer Fackel entzündet. Es bleiben von den Personen noch Ham, der einen zweiten Widder herbei bringt, und seine Frau unmittelbar neben ihm. Sem reicht Hams Frau die Eingeweide des mit offender Kehle daliegenden Widders. Hinter Ham sind drei weitere Haustiere zu erkennen: ein Ochse, ein Pferd und ein Esel.

Dann baute Noach dem Herrn einen Altar, nahm von allen reinen Tieren und von allen reinen Vögeln und brachte auf dem Altar Brandopfer dar. Der Herr roch den beruhigenden Duft und der Herr sprach bei sich: Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe.(Gen 8,20–21)

Im unmittelbaren Kontext der Erzählung vom Opfer nach der Sintflut wird nicht eines der drei Tiere mit seinem Namen erwähnt. Dargebracht werden nur ganz allgemein ein paar ganz reine Vögel. Pferd und Esel kommen in der Tradition der Bibel nicht als Opfertiere vor. Nur Ochse, Stier oder Kuh können als Opfertiere (Numeri 15ff.) verwendet werden. Michelangelo hat mit dieser Darstellung eine besondere noch nicht ganz entschlüsselte Absicht verfolgt. Eventuell soll ein Bogen zu der Geburtsdarstellung Jesu Christi im Stall von Betlehem gespannt werden.

Die Sintflut

Detail aus der Sintflut

Auf dem Fresco sind fünf Szenen festgehalten. Die Arche im Wasser, festes Land, eine Barke und ein aus dem Wasser herausragender Felsen mit einer Überdachung. Fast alle Menschen auf dem Bild sind nackt. Es regnet nicht, obwohl in der Schilderung der Regen 150 Tage dauerte und erst aufhörte, als das Wasser bereits fünfzehn Ellen über allen noch so hohen Berggipfel stand. Nach dem Augenmaß entspricht die Arche nicht der Größe von von dreihundert Ellen. Der Maler nimmt es nicht so genau.

Da sprach Gott zu Noach: Ich sehe, das Ende aller Wesen aus Fleisch ist da; denn durch sie ist die Erde voller Gewalttat. Nun will ich sie zugleich mit der Erde verderben. Mach dir eine Arche aus Zypressenholz! Statte sie mit Kammern aus, und dichte sie innen und außen mit Pech ab!(Gen 6,13–14)

Am linken Bildrand sitzt eine nackte Frau. Ihr blauer Mantel, der um ihren Bauch geschlungen ist, bildet auf ihrem Kopf eine Kappe. Blau ist die Farbe der Kontemplation. Die Brüste der Frau werden besonders betont ins Bild gesetzt. Sie hat ihren Blick auf die Erde gerichtet. Mit ihren zwei wohlgeformten, schönen Brüsten ist sie die Personifikation der irdischen Weisheit. Ihr Kind ist in grün gekleidet und hat ein Auge verdeckt. Noachs Arm winkt gegen den Himmel. Eine winzige, weiße Taube erhebt sich von Arche. Eine Frau mit weißem Kopftuch schlägt mit einer Keule auf Eindringlinge ein, die noch die Barke entern wollen.

Die Trunkenheit Noachs

Trunkenheit des Noach

Das erste Gewölbefeld, hier unter Punkt 9, eröffnet den Noach-Zyklus. Noachs Blöße weist auf die Verspottung des nackten Christus am Kreuz hin. Diesen Vergleich der Noach-Geschichte mit Christus stellt bereits Augustinus in zwei Kapiteln des 16. Buches in seinem Werk De Civitate Dei (Vom Gottesstaat) auf. Das Verhüllen des nackten Vaters durch seine Söhne bedeutet, die Passion Jesu als großes Geheimnis in seinem Herzen zu bewahren. Obwohl das Ereignis der Trunkenheit zeitlich in der Heiligen Schrift nach der Sintflut geschieht, wird es in der Kapelle der Sintflut vorgeordnet.

Noach wurde der erste Ackerbauer und pflanzte einen Weinberg. Er trank von dem Wein, wurde davon betrunken und lag entblößt in seinem Zelt. Ham, der Vater Kanaans, sah die Blöße seines Vaters und erzählte davon draußen seinen Brüdern.(Gen 9,20–22)

Noach beginnt nach der Sintflut mit der Ackerbearbeitung, pflanzt einen Weinberg. Ein rot gekleideter Mann links im Hintergrund sticht mit einem Spaten in die Erde, gräbt sie um. Groß im Vordergrund lagert der alte weißbärtige Noach wie ein antiker Flussgott vollkommen nackt unter einem Vordach in tiefem Schlaf. Der Rücken ist auf ein Kissen gelehnt, der Kopf geneigt. Hinter ihm steht ein großer hölzerner Bottich. Links neben dem Kissen ist ein Krug, vor ihm auf dem Boden eine geleerte Schale. Von der rechten Seite kommen die drei Söhne. Alle drei malt Michelangelo nackt. Um die Schulter haben sie geraffte Mäntel. Der Maler hält sich nicht genau an die literarische Vorlage. Dort wird gesagt, dass Sem und Jafet von ihrem Bruder Ham auf die Blöße des Vater hingewiesen wurden. Sem und Jafet bedecken dann Noachs Nacktheit, ohne ihn anzusehen, und Ham wird dafür verflucht. In dem Bild stehen alle drei Brüder vor dem nackten Vater. Nur Sem bedeckt mit einem blauen Mantel den nackten Vater. Ham, der direkt hinter Jafet steht, hat diesen an der Achsel gefasst und flüstert ihm ins Ohr. Auch Sem ist mit offenen Augen und sprechend wiedergegeben. Sein Geschlechtsteil ist, im Gegensatz zu Hams und Jafets Glied, beschnitten. In seinen Augen ist Entsetzen zu erkennen.

Benachbarte Darstellungen

  1. Medaillons: Vergoldete Kreisscheiben mit Darstellung der Kämpfe aus dem Buch der Könige. Sie wurden von Michelangelos Helfern angefertigt, wobei auffällt, dass die vor dem Jahr 1511 gemalten Medaillons sorgfältiger ausgeführt wurden als die späteren.
  2. Ignudi: Darstellung 20 nackter, muskulöser junger Männer, die mit Bändern und Eichenblättern geschmückt sind. (Eiche heißt übrigens auf italienisch „rovere“ und ist eine Anspielung auf den Familiennamen des Papstes Julius II.: „della Rovere“.)

Vier Eckzwickel

Diese Gewölbezwickel bestehen aus vier großen Dreiecksfeldern an den Ecken des Gewölbes, die heroische Ereignisse aus dem Alten Testament schildern. Michelangelo nutzte bei diesen Feldern den Kunstgriff der Verkürzung, sodass diese Felder von unten richtig erfasst werden können.

David und Goliath

David und Goliath

Es wird der Moment dargestellt, in dem der junge David dem mächtigen Goliath den Kopf abschlägt. Im Bildvordergrund liegt noch die weiße Schleuder, in ihr ein Stein. Goliath ist vor einem im oberen Teil goldgelben Zelt auf dem Boden gestürzt. Der Waffenrock Goliaths ist in der Farbe grün gehalten. Allein auf die Rüstung hat er seine trügerische Hoffnung gesetzt.

Dann lief David hin und trat neben den Philister. Er ergriff sein Schwert, zog es aus der Scheide, schlug ihm den Kopf ab und tötete ihn. Als die Philister sahen, dass ihr starker Mann tot war, flohen sie.(1Sam 17,51)

Weit holt der im himmelblauen Hemd und hellgrünen Wams gekleidete David mit dem Schwert aus. Rechts und links von dem Zelt sind noch weitere Personen zu erkennen: linker Hand Goliaths Kampfgenossen, die Philister, rechts oben König Saul mit seinen Heerführern. Das Schwert ist das Wort Gottes, das vom Himmel herab fährt und den Teufel erschlägt. Das Schwert kennzeichnet die Autorität der Heiligen Schrift, durch die die Häretiker ihre Irrtümer sicherstellen wollen. David der starke Prediger erschlägt den Häresiarchen Goliath.

Judit und Holofernes

Judit mit dem Haupt des Holofernes

Den unteren Teil des Zwickel nutzt Michelangelo, um Distanz zum Betrachter zu schaffen. Er malt dort einen braunen erdigen Boden. Verärgert wegen mangelnder Unterstützung in einem – siegreich beendeten – Krieg sendet der assyrische König Nebukadnezar seinen Oberbefehlshaber Holofernes mit einem gewaltigen Heer gegen alle Länder des Westens. Alle Länder sollten erobert und bestraft werden; alle, die Widerstand leisten, sollten schonungslos dem Tod und der Plünderung preisgegeben werden. Holofernes zog verheerend durch einen Teil von Kleinasien und Syrien und kam so auch an die Nordgrenze des Heiligen Landes. Einzig die schöne anmutige Witwe Judit leistet dem anrückenden Heer Widerstand, indem sie ihren Anführer tötet. Das Fresko ist zweigeteilt. Rechts liegt der von Judit enthauptete Leichnam des Holofernes zwischen zurückgeschlagenen Vorhängen. Links befindet sich Judit mit ihrer Magd. Ganz links ist noch ein schlafender Wächter an seinen Schild gelehnt abgebildet. Die Magd trägt auf ihrem Kopf eine Schale mit dem abgeschlagenen, friedlichen, edlen und riesigen Haupt. Man glaubt ein Selbstbildnis des alten Michelangelo zu sehen. Das Gewand der Magd ist gelbgrün. Eine blaue Schärpe gürtet das Gewand direkt unter ihrer Brust. Judit trägt ein grünlich-weiß leuchtendes Obergewand mit rotem Gürtel und roter Schärpe. Ihr Hemd ist aus blauer Seide. Mit ihrem gekreuzten perlenbesetzten Kopfputz aus blauen weißen Farben ist sie als Braut gekennzeichnet. Die Geschichte erinnert an das Haupt Johannes des Täufers und die Personen der Salome und der Herodias.

Ester und Mordechai

Die junge Jüdin Ester steigt anstelle der verstoßenen Königin Waschti zur persischen Königin auf und kann eine drohende Judenverfolgung im Reich abwenden. Damit verbunden ist die Geschichte ihres Onkels und Adoptivvaters Mordechai. Dargestellt ist jene Nacht, in der der König Artaxerxes nicht schlafen kann und sich deswegen aus den Annalen vorlesen lässt.

In jener Nacht konnte der König nicht einschlafen. Darum ließ er sich das Buch der Denkwürdigkeiten, die Chronik, bringen und man las ihm daraus vor. Da fand man den Bericht, wie Mordechai Bigtan und Teresch anzeigte, die beiden königlichen Kämmerer, die zu den Türhütern gehörten und einen Anschlag auf den König Artaxerxes geplant hatten. (Ester 6,1–2)

Im Mittelpunkt des Freskos steht die Bestrafung Hamans. Die Trennwand mit Toröffnung scheidet das Gemälde in einen Innen- und einen Außenbereich. Der in ein goldgelbes Gewand gekleidete Torhüter soll Mordechai darstellen. Dicht unter ihm kauert in Rot und Weiß gekleidet Ester. Mordechai weist sie auf das Königsbett hin. Hinter dem Bett des Königs, der mit ausgestreckter rechter Hand auf den gekreuzigten Haman deutet, erkennen wir den Torhüter noch einmal mit Ester und zwei finsteren Gestalten.

Als sie beim Wein saßen, sagte der König zu Ester: Was hast du für eine Bitte? Sie wird dir erfüllt. Was hast du für einen Wunsch? Selbst wenn es die Hälfte des Reiches wäre, man wird es dir geben. (Ester 5,6)

Auch Herodes verspricht der Tochter der Herodias die Hälfte des Reiches. Michelangelo und seine theologischen Berater versuchen hier, das Alte Testament mit dem Neuen Testament zu verbinden.

Da kam die Tochter der Herodias und tanzte und sie gefiel dem Herodes und seinen Gästen so sehr, dass der König zu ihr sagte: Wünsch dir, was du willst; ich werde es dir geben. Er schwor ihr sogar: Was du auch von mir verlangst, ich will es dir geben, und wenn es die Hälfte meines Reiches wäre. (Mk 6,22–23)

Die eherne Schlange

Eine eher selten gewählte Darstellung im letzten Eckzwickel ist das Motiv der ehernen (kupfernen) Schlange nach dem Buche Numeri. Was war geschehen? Das wandernde Gottesvolk, wieder einmal Gott und seines Führers Mose überdrüssig, beklagt sich in Erinnerung an die früheren guten Zustände in Ägypten über die mühselige Wüstenwanderung. Nicht einmal mehr Brot und Wasser gibt es in ausreichendem Maß.

Da schickte der Herr Giftschlangen unter das Volk. Sie bissen die Menschen und viele Israeliten starben. Die Leute kamen zu Mose und sagten: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den Herrn und gegen dich aufgelehnt. Bete zum Herrn, dass er uns von den Schlangen befreit. Da betete Mose für das Volk. (Num 21,6–8)

Mose hält Zwiesprache mit Gott, betet für sein Volk. Gott der Herr lässt sich wieder einmal erbarmen und gibt Mose eine Handlungsanweisung, wie die bösen Dämonen gebannt werden können.

Der Herr antwortete Mose: Mach dir eine Schlange und häng sie an einer Fahnenstange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht. Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Fahnenstange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.(Num 21,8–9)

Neben der Schlange am Pfahle sieht man giftgrüne Nattern durch die Lüfte ringeln. Sie fallen die versammelten Menschen an. Der theologischen Vorstellung nach sind die Schlangen teuflische Einflüsterungen, die einem in und durch den Sinn kriechen. Deshalb werden die Menschen Beute von Schlangen d. h. der Dämonen. Am Anfang aber steht der Unglaube, hier der des israelitischen Volkes in der Wüste, der Ursprung aller Laster. Auf der linken Seite des Freskos stehen die vor den Schlangen geretteten Israeliten. Sie blicken zur von Mose aufgerichteten ehernen Schlange auf. Eine in Weiß gekleidete Braut wird ganz vorne von einem Jüngling im roten Wams aufgerichtet. Auch die Personen daneben sind gerettet. Ganz anders ist die Lage auf der gegenüberliegenden Seite. Hier ist der Kampf gegen den Unglauben in vollem Gange. Eine giftgrüne Natter fährt einem Jüngling in den Mund. Das Hinterhaupt eines älteren Mannes ist schon fast ganz vom gierigen Maul der Schlange erfasst. Die Gruppe erinnert an Michelangelos frühere bildhauerische Arbeit und an die Laokoongruppe.

Lünetten und Wölbungen

Die vierzehn halbkreisförmigen Lünetten über den Fenstern stellen die Vorfahren Jesu dar, wie sie im Evangelium nach Matthäus (1.1) aufgezählt werden:

Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon. Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai. Isai zeugte den König David. David zeugte Salomo mit der Frau des Uria. Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abija. Abija zeugte Asa. Asa zeugte Joschafat. Joschafat zeugte Joram. Joram zeugte Usija. Usija zeugte Jotam. Jotam zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. Josia zeugte Jojachin und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jojachin Schealtiël. Schealtiël zeugte Serubbabel. Serubbabel zeugte Abihud. Abihud zeugte Eljakim. Eljakim zeugte Asor. Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Mattan. Mattan zeugte Jakob. Jakob zeugte Josef, den Mann der Maria, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus. [2]

Zadok (vermutliches Selbstportrait)

Michelangelo malte jedes dieser Felder in drei Arbeitstagen und hat in der Asor-Zadok-Lünette vermutlich ein Selbstporträt eingefügt, das ihn als ärmlichen, nachdenklichen alten Mann zeigt.

Zwischen den Lünetten befinden sich die so genannten Pendentifs (Hängezwickel), Felder mit Putten, die die Namensschilder der Propheten und Sibyllen tragen.

  1. Asor und Zadok
  2. Josiah, Jojachin und Sealthiel
  3. Hiskia, Manasse und Amon
  4. Asa, Josaphat und Joram
  5. Jesse, David und Salomo
  6. Nachschon
  7. Amminadab
  8. Salmon, Boas und Obed: Die entblößte Brust der jugendlich schönen Rut deutet darauf hin, dass sie ihren Sohn Obed gerade gestillt hat. Rut trägt ein orangerotes Kleid mit einem rosavioletten Mantel. Weiß ist der Schleier und in weißes Tuch ist der schlafende Säugling Obed gehüllt. Auf der anderen Seite der Lünette ist Boas als hässlicher, buckliger Greis dargestellt, der auf das obere Ende seines Krückstocks schaut. Gelbgrün ist sein Kittel. Die gelbe Farbe weist auf die Sünde hin. Nun ist in der Heiligen Schrift Boas weder alt noch ein Sünder. Das Fresko befindet sich aber in der Sixtina links unmittelbar über dem Papstthron. Diese Darstellung ist eine kühne Attacke Michelangelos gegen den damals schon alten Papst Julius II., seinen Auftraggeber. Nackt sind die Beine des alten Boas dargestellt. Julius II. hat in Armut als Franziskanernovize begonnen und stammte auch aus ärmlichen Verhältnissen. Als Franziskanernovize wurde er zum Kardinal kreiert. Die in ihn gesetzten Hoffnungen wurden nicht bestätigt. Das Grün der Hoffnung hat sich mit sündigem Gelb gemischt.
  9. Rehabeam und Abia
  10. Usia, Jotham und Ahas
  11. Serubabel, Abiad und Eliakim
  12. Achim und Eliud
  13. Jakob und Joseph: Bisher ging man davon aus, dass diese Lünette auf der rechten Seite der Eingangswand Jakob, den Vater des Josef, der wiederum der Nährvater Jesu gewesen ist, darstellt. Dann wäre die weibliche Gestalt rechts, die den Josef ganz verdeckt, Maria die Mutter Jesu. Die beiden Knaben Johannes der Täufer und das jüngere, dicht hinter Josef, Jesus. Ist Maria aber je mit einem so merkwürdig dreigeteilten Kopfputz dargestellt worden. Es fällt auch die paarweise Anordnung der beiden Frauen auf. Der Knabe links neben Jakob kann nur Juda sein. Und mit Jakob auf der Inschrift ist Jakob der biblische Patriarch mit seinen beiden Frauen Lea und Rachel gemeint.

    Laban hatte zwei Töchter; die ältere Lea, die jüngere Rahel. Die Augen Leas waren matt, Rahel aber war schön von Gestalt und hatte ein schönes Gesicht.(Gen 29, 16–17)

    Juda ist der Sohn der Lea neben Jakob und auf der anderen Seite ist Rachel mit Josef abgebildet. Die beiden Knaben sind Efraim und Manasse, die ihm die Tochter des Priestes von On, Asenat geboren hat.

    Josef hatte in Ägypten Kinder erhalten, die ihm Asenat, die Tochter Potiferas, des Priesters von On, geboren hatte: Manasse und Efraim. (Gen 46, 20)

    Die weibliche Gestalt rechter Hand stellt zwei Personen dar. Rachel und Asenat. Lea ist grün gewandet, ihre Augen sind matt ihr Blick geht nach unten. Sie hat ein violettes Kopftuch in der Farbe der Buße. Jakob trägt ein himmelblaues Hemd und ist fast ganz in einen goldgelben Mantel eingehüllt. Auf der Gewandung der Rachel gehen die verschiedenen Farben ineinander über. Am stärksten wirkt das Lapislazuli auf ihrer Schulter. In der literarischen Vorlage macht sich Jakob auf den Weg eine Ehefrau zu suchen. Er begegnete zufällig Rachel, die die Schafe ihres Vaters hütete und verliebte sich unsterblich in die schöne Frau. Um Rachel heiraten zu können, arbeitete Jakob sieben Jahre für ihren Vater Laban. Da ihm dieser nach dieser Zeit nicht, wie vereinbart, Rachel, sondern deren ältere Schwester, Lea, mit einem Trick in der Hochzeitsnacht zuführte, verdingte er sich für weitere sieben Jahre an Laban und erhielt endlich Rachel neben Lea zur Frau.
  14. Eleasar und Matthan:
    Mathan, Detail
    Über beide ist außer den Namen nichts in der Heiligen Schrift überliefert. Michelangelo malte dieses Fresko um die Fehlformen des gestörten Verhältnisses von Mann und Frau in der Ehe darzustellen. Mattan ist bekleidet mit dem weißen Hemd des Glaubens. Der Kragen der Tunika hat die grüne Farbe der Hoffnung. Glaube und ganz schwache Hoffnung verbinden sich bei dem jungen Ehemann. Der rote Mantel der Liebe droht ihm gerade von der Schulter zu gleiten, wird aber noch durch ein gekreuztes dünnes Band über der Schulter gehalten. Nur in dieser Kreuzesform verbindet sich noch Liebe mit der schwachen Hoffnung. Die Frau mit Kind neben ihm trägt ein violettes Kopftuch, die Farbe der Buße. Sie blickt in dieselbe Richtung wie der Mann, der sich gar nicht um sie und das Kind kümmert. Auch in der Gruppe um Eleasar kommt die violette Farbe vor. Die ausdruckstarke reife Mutter trägt violette Strümpfe. Schlüssel und Geldbeutel hängen an ihr herab. Sie trägt das rote Wams der Liebe und ihr weißes Hemd hat an seinem Oberarm einen gelben Aufschlag. Eleasar schaut mit eifersüchtigen Augen auf seine Ehefrau, die ganz dem Spiel mit dem Knaben auf ihren Knien hingegeben ist.

Propheten und Sibyllen

Cumäische Sibylle

Neben den Propheten des Alten Testaments stellte Michelangelo auch Sibyllen dar, Figuren aus der antiken Mythologie, die ebenfalls die Gabe der Weissagung besessen haben sollen. Die bekannteste dieser Sybillen ist die Cumäische, die die Geburt eines Erlösers vorhergesagt haben soll:

Das letzte Zeitalter, das von der Cumäischen Sibylle besungen wurde, wird kommen: „… seid freundlich gegenüber dem Knaben, der geboren werden wird…“ (Vergil, IV. Ekloge)

Begleitet werden diese Darstellungen von Genien, die vermutlich deren Gedanken verkörpern und einen Kontrast zu deren Monumentalität bieten. Auffällig ist, dass die Propheten und Sybillen von einem Ende der Kapelle zum anderen größer werden. Es ist möglich, dass Michelangelo dadurch die perspektivische Verkürzung korrigieren wollte.

  1. Prophet Sacharja
  2. Delphische Sibylle
  3. Prophet Jesaja
  4. Cumäische Sibylle
  5. Prophet Daniel
  6. Libysche Sibylle
  7. Prophet Jona
  8. Prophet Jeremia
  9. Persische Sibylle
  10. Prophet Hesekiel
  11. Erithräische Sibylle
  12. Prophet Joel

Das Jüngste Gericht von Michelangelo

Jüngstes Gericht
Das Jüngste Gericht

1532, über zwanzig Jahre später, wurde Michelangelo von Papst Clemens VII. beauftragt, ein neues Altargemälde anzufertigen, das das Jüngste Gericht darstellen sollte. Aus Briefen von Pietro Aretino an Michelangelo ist bekannt, dass er sich als Berater für das theologische Konzept des Gemäldes angeboten hat. Michelangelo wollte aber von inhaltlichen Vorgaben so weit wie möglich frei sein. Der beleidigte Aretino bezichtigte den Künstler daraufhin der Homosexualität.

Von 1535 an brauchte Michelangelo sieben Jahre bis 1541, um das Fresko im Alter von 66 Jahren fertig zu stellen. Das Gemälde enthält auf über 200 m² ca. 390 Figuren, viele davon überlebensgroß. Es wird angenommen, dass Michelangelo alle Arbeiten an den Fresken ohne Mithilfe anderer Künstler und Assistenten ausführte, was zu seiner Zeit durchaus nicht üblich war.

Michelangelo in der Haut des Bartholomäus (rechts)

Das Wandgemälde war Anlass für einen heftigen Streit zwischen Michelangelo und Kardinal Carafa, der die Darstellung als immoralisch und obszön bezeichnete. Auf diesem Bild stellt sich Michelangelo in der abgezogenen Haut des Märtyrers Bartholomäus dar.

Der Weltenrichter

Maria hat sich ganz nahe an Christus herangekauert. Die Gestalt Christi ist zusammen mit Maria durch einen halbrunden Chor von Seligen rechts und links und fliegenden Engeln oben von allen übrigen Figuren abgehoben und durch eine schmale Zone blauen Himmels und einem gelb leuchtenden Sonnennimbus abgegrenzt. Christus ganz zentral, ein wenig im oberen Drittes des Gesamtfreskos, ist mit einem über die Oberschenkel geschlungenen violetten Mantel bekleidet. Maria die Gottesmutter in klassischer blau-roter Gewandung. Christus hebt verdammend seinen rechten Arm. Man glaubt, dass er augenscheinlich alle Bösen in die Tiefe schmettern wird.

Dieser bartlose Christus hat sehr bald das Missfallen vieler Kritiker erregt. Sein Haupt ist dem des Apollo von Belvedere nachgestaltet. Der neue Christus hat noch winzige Wundmale seiner Passion. Er ist hübsch wie ein olympischer Athlet.[3] Michelangelo tauscht auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn das Gottesbild der Christen durch ein heidnisches Götzenbild aus. Der fleischgewordene Gott der Christen wird zum beliebigen Glied des Götterhimmels. Die Ähnlichkeit mit einem der schönsten ihm bekannten Götterbilder aus der Antike war Michelangelo wichtiger als die Übereinstimmung mit der Bildreliquie. Hierin ist einer der Hauptcharakterzüge der Neuzeit gegenüber dem Mittelalter zu sehen. Zum ersten Mal hat ein Künstler im päpstlichen Auftrag gewagt, ein Bild Christi allgemeinen Charakters und nicht sein Porträt zu malen. Dass dies an einem Ort geschehen konnte, kaum hundert Meter entfernt von der Kapelle, in der das echte Christusbild die kostbarste Reliquie der Christenheit der Veronikaschleier verehrt wurde, kann man nicht scharf genug herausstellen. Michelangelos Weltenrichter impliziert des Künstlers Skepsis gegenüber der Authentizität der Veronika, des wahren Christusbildes auf dem Tuche, zu dem die Gläubigen aus aller Welt pilgerten. In seinen späteren Arbeiten der Pieta Bandini (1548/55) oder seiner letzten unvollendeten Pieta Rondandini, kehrt er wieder zum traditionellen Christusbild zurück.

Exkurs: Allegorische Bedeutung von Bäumen und Vögeln

Die Eiche im Wappen der Della Rovere

In der Bibel ist die Taube der wichtigste Vogel. Sie kommt unter anderem dreimal in einem wichtigen Kontext vor. In der Mitte des 68. Psalms, am Ende der Sintflut und bei der Taufe Christi. Auf der Arche der Sintflutdarstellung und in der Taufszene Jesu ist sie leicht zu erkennen. Rote Füße hat sie wegen des Blutes der Märtyrer. In weißer Reinheit ist sie, wenn sie sich zur Kontemplation in den Himmel erhebt. Falken, die Wildvögel schlagen, sind oft in Freskenwänden der Kapelle dargestellt. Perugino zeigt eine Jagdszene bei der Beschneidung des Mose und der Zippora als auch bei der Berufung der Apostel Petrus und Andreas durch Jesus. Bei der Bergpredigt gemalt von Roselli stößt ein Falke auf ein Rebhuhn herab. Mit dem Falken sind die Adligen gemeint. Das Rebhuhn vertritt den Teufel. Es raubt die Eier seiner Artgenossinnen und brütet sie aus. Hören aber die ausgebrüteten Jungen die Stimme des Mutterrebhuhns kehren sie zur richtigen Mutter heim.

Hoch fliegende Kraniche, Schwalben, Wiedehopfe und Stieglitze kann man auch noch identifizieren. Kraniche fliegen hoch, einer folgt dem anderen. Es sind Menschen, die nach einer Regel leben. Die Schwalbe kündigt den Frühling an, lässt sich von keinem Raubvogel schlagen und nährt sich im Fliegen. Sie ist auch das Bild des Bußfertigen, der immer den Frühling sucht und in allem Unterscheidung und Mäßigung wahrt. Der Stieglitz ist ein Symbol für die Passion Christi. Er nährt sich von Disteln und singt trotzdem schön. Der rote Fleck an der Wurzel des Schnabels ist ein Hinweis auf das Blut Christi.

Eichen, Eichenlaub sollen dem della Rovere Papst Sixtus IV. schmeicheln, dessen römische Familie diese Baumart in ihrem Wappen führt. Des Weiteren sind Palmen, Zedern, Zypressen, Weiden und Pappeln auf den 12 Wandbildern zu erkennen. Die Palme ist das Zeichen des Sieges im Kampf zwischen Fleisch und Geist. Es erhebt sich die Palme hinter der Szene der Beschneidung des Mose in den Himmel. Ebenso zugegen ist sie bei der mosaischen Übergabe der Gesetzestafeln an das Volk. Ihre Spitze dringt bis in den Himmel hinein. Die Libanon-Zeder kommt deswegen so oft vor, weil ihr Holz nach Meinung der Alten nicht vermodert. Die Darstellung der vielen Eichen dürfte dem della Rovere Papst geschmeichelt haben. In Boticellis drei Versuchungen des Jesu wird der Versucher in der Kutte eines Franziskanermönches abgebildet.

Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. Darauf ließ der Teufel von ihm ab und es kamen Engel und dienten ihm.(Mat 4,8–11)

Er will den Herrn dazu bringen Steine in Brot zu verwandeln, zeigt ihm die Herrlichkeit der Welt und spielt auch noch den Theologen. Als Jesus dann sein weg mit dir, Satan postuliert, stürzt der Teufel, in halb bekleideter Franziskaner-Kutte in eine untig stehende arg zerzauste, dürre Rovere-Eiche. Es wir klar, dass die Maler und Theologen der Zeit Sixtus VI. eine ausgefeilte theologische Bildsprache hatten. Die Wandgemälde der Kapelle sind bis in die letzten Einzelheiten nicht von der Form aber vom Inhalt her bestimmt.

Rezeption

Durch die Darstellung von Geschlechtsteilen stieß das Gemälde seinerzeit oftmals auf Ablehnung. Kurz vor Michelangelos Tod 1564 wurde der Erlass („Pictura in Cappella Ap.ca coopriantur“) verabschiedet, der Übermalungen von als unsittlich empfundenen Ausschnitten vorsah. Die Übermalungen wurden bald begonnen und auch noch viele Jahrzehnte später fortgesetzt, zum Beispiel im reformatorischen, leibfeindlichen Bildersturm.

Erst bei der letzten ausgiebigen Restaurierung (1980–1994) wurde das Gemälde wieder in seinen Urzustand zurückversetzt, auch durch Behebung der Beschädigungen durch vorangegangene Restaurationen. Unter anderem wurden dabei Rußspuren entfernt und verschattete, im Laufe der Jahrhunderte nachgedunkelte Flächen aufgehellt, so dass geradezu leuchtende Farben zum Vorschein kamen. Kunsthistoriker hatten lange geglaubt, dass Michelangelo mit sehr gedämpften Farben gemalt hatte. Heute werden die Fresken des Michelangelo für die Sixtinische Kapelle mitunter als die bedeutendsten Werke des Künstlers und der ganzen damaligen Kunstepoche bezeichnet.

Restaurierung (1980–1994)

Die Decke der Sistina und die Stirnwand mit dem Jüngsten Gericht wurden ab 1982 unter Finanzierung eines japanischen Konzerns sorgfältig mit destilliertem Wasser und mit einer mit Ammoniumkarbonat verdünnten Lösung restauriert. Nippon Television hat die Autorenrechte an 170.000 Metern Film (250 Stunden Spieldauer) und an 500 Dias, auf denen die Fresken vor, während und nach der Restaurierung zu sehen sind.

Schon hundert Jahre nach dem Tod Michelangelos hatten die Versuche begonnen, die ersten durch eindringendes Regenwasser, Schmutz und Kerzenschmauch entstandenen Schäden zu beheben. Doch häufig verschlechterte sich der Zustand der Fresken durch ungeschickte Arbeit. So entstanden im Laufe der Zeit Legenden: Michelangelo selbst habe einen Schleier über seine Fresken gemalt, um einen besonderen Effekt zu erzielen. Oder vom Dunkel überlagerte Farben seien ein Charakteristikum des alternden Künstlers.

Jetzt sorgen eine neue Dachkonstruktion, Klimaanlage und Feuchtigkeitsregelung dafür, dass die Fresken keinen Schaden mehr nehmen. Ein Spezialläufer in den Vorräumen sorgt sogar dafür, den Besuchern allen Straßenstaub von den Schuhen zu nehmen[4].

Daniel vor und nach der Restaurierung

Bei dieser jüngsten Restaurierung ist eine dicke Schicht von Ruß und anderem Schmutz entfernt worden und dabei trat eine ungeahnt starke Farbigkeit zu Tage. Die reinen Restaurationsarbeiten waren 1994 abgeschlossen; am 11. Dezember 1999 fand die feierliche Wiedereröffnung der gesamten restaurierten Kapelle statt, knapp vor Beginn des heiligen Jahres 2000.

Der Vorgang der Restauration unter der Leitung des Chefrestaurator Prof. Gianluigi Colalucci sah im Einzelnen folgendermaßen aus: zuerst wurde die Fläche mit doppelt destilliertem Wasser abgewaschen. Dann wurde der größte Teil mit einem Lösungsmittel behandelt, um die Nacharbeiten früherer Restauratoren zu beseitigen. Dieses Lösungsmittel dringt nicht gleichmäßig in die Wand ein – das musste vorher mit Saugpapier an einer unauffälligen Stelle getestet werden. Lösungsmittel und Oberflächenschmutz wurden anschließend mit einem wassergetränkten Schwamm abgewischt. Diese Prozedur wurde mehrfach wiederholt, es lagen aber immer 24 Stunden Trockenzeit dazwischen.

In früheren Zeiten ging man mit dem Kunstwerk weniger zimperlich um. Frühere Restauratoren arbeiteten mit Brot und Wasser. War der Schmutz zu hartnäckig, diente griechischer Harzwein als Lösungsmittel. Es entstand eine Schicht, die zwar schützte, aber auch die Farben verdunkelte.

Bereits wenige Jahrzehnte nach der Fertigstellung ließ man die Fresken durch sog. „mundatores“, also Reiniger bearbeiten. Frische Farben sollten durch Leinfirnis erreicht werden, die sich mit dem Untergrund verbanden, also in das Originalmaterial des Freskos eindrangen. Damit waren spätere Restaurierungen an der Originalschicht ausgeschlossen.

Heute sieht ein solcher Vorgang anders aus: Zuerst werden Ruß und Schmutz im Labor untersucht. Die Konzentration des Lösungsmittels kann dann der jeweiligen Verschmutzung angepasst werden. Das Lösungsmittel besteht genau gesehen aus einer Mischung aus Ammonium- und Natriumbikarbonat, Carboximethylzellulose und Fungiziden, verdünnt mit destilliertem Wasser. Die Spuren früherer Restauratoren lassen sich durch Infrarot-Analysen sichtbar machen. Die Schäden im Mauerwerk sind übrigens mittlerweile beträchtlich. An Stellen, wo sich der Putz vom Mauerwerk abzulösen droht, wird mit einer Spritze ein PVC-Kleber unter den Putz gebracht.

Taufen in der Kapelle

Einer jüngeren Übung folgend spendet der Papst jedes Jahr am durch die Liturgiereform des 20. Jh. eingeführten Fest Taufe des Herrn Kindern in der Sixtinischen Kapelle das Tauf-Sakrament. Am 13. Januar 2008 waren es dreizehn Neugeborene, dem gewählten Ort entsprechend alles Kinder von Vatikan-Angestellten. Papst Benedikt XVI. feierte die Messe in italienischer Sprache am historischen Hochaltar der gewesteten Sixtina direkt unter dem riesigen Jüngsten Gericht des Michelangelo – also mit dem Gesicht zum Altarkreuz (und zum Westen) und nicht wie in früheren Jahren an einem Volksaltar nach Osten und zu den Gläubigen hin.[5]

Literatur

  • Berengaudus, Expositio super septem visiones libri Apocalypsis, in: Jacques-Paul Migne, Patrologia. Latina 17, col. 845 C.
  • Malcolm Bull, Iconography of the Sistine Ceiling, The Burlington Magazine, 1988
  • André Chastel: Die Sixtinische Kapelle, Zürich 1986
  • Ginaluigi Colalucci, Fabrizio Mancinelli et al.: Die Sixtinische Kapelle. Die Deckenfresken. Benzinger, Zürich u. Düsseldorf 1997
  • Ginaluigi Colalucci, Fabrizio Mancinelli und Loren Partridge: Die Sixtinische Kapelle. Das Jüngste Gericht. Benzinger, Zürich u. Düsseldorf 1997
  • Pierluigi DeVecchi und Gianluigi Colalucci: Die Sixtinische Kapelle. Das Meisterwerk Michelangelos erstrahlt in neuem Glanz.
  • Joachim von Fiore, Concordia novi et veteris Testamenti, Venedig 1519,
  • Heinrich Pfeiffer SJ Die Sixtinische Kapelle neu entdeckt. Belser, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-7630-2488-9
  • Robin Richmond: Michelangelo und die Sixtinische Kapelle. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 1999, ISBN 3-451-26912-0
  • King Ross: „Michelangelo“, 384 Seiten, B&T, London, 2002, ISBN 978-0142003695
  • Ernst Steinmann: Die Sixtinische Kapelle. 2 Bände. München 1905
  • Charles de Tolnay: Michelangelo, Band II: The Sistine Ceiling. Princeton 1945, 3. Aufl. 1969
  • Charles de Tolnay: Michelangelo, Band V: The Final Period. Princeton 1960, 2. Aufl. 1971

Zöllner

Weblinks

Commons Commons: Sixtinische Kapelle – Bilder, Videos und Audiodateien

Quellen

  1. Johannes Paul II.: Ansprache bei einem Gottesdienst in der Sixtinischen Kapelle anlässlich der Beendigung der Restaurierung am 8. April 1994
  2. Bibel-Online.NET – Matthäus – Elberfelder Bibel 1905
  3. Vatican Magazin: Das Gottesbild aus Menschenhand – Heft 1, Januar 2008
  4. Horst Schlitter im Kölner Stadt-Anzeiger vom 9./10. April 1994, S. 33
  5. Radio Vatikan: Taufe in der Sixtina 13. Januar 2008

Koordinaten: 41° 54' 11" N, 12° 27' 16" O







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